John-Hendrik Karsten/Franziska Meletzky: Vertraue mir (ZDF)

Verglaste Emotionen

16.06.2016 •

Aus einem der Glastürme im Frankfurter Bankenviertel stürzt ein Mann in die Tiefe. Die Polizei sperrt gerade den Ort des Geschehens ab, als ein graumelierter Herr auf die ermittelnde Kommissarin zukommt, sich als Chef des Bankhauses Ahrends & Oppermann vorstellt und bei der Räumung des Eingangsportals um Beeilung bittet. Er erwarte schließlich hohen geschäftlichen Besuch aus den USA. Wer da aus einem Fenster seiner Bank gefallen oder gesprungen ist, interessiert ihn hingegen scheinbar überhaupt nicht.

Um den Todesfall zu erklären, springt der Film zwei Tage zurück. Die ehrgeizige Investment-Bankerin Elena (Julia Koschitz) ist in den Unterlagen eines Deals auf ein paar Unstimmigkeiten gestoßen. Da wurde offenbar einer chinesischen Baufirma zu einem milliardenschweren Kredit verholfen, obwohl das Unternehmen nie die nötige Bonität hatte – inzwischen ist es pleite. Dr. Ahrends (August Zirner), den Elena um ein Gespräch zu dem Fall gebeten hat, wimmelt sie seit Tagen ab und überhaupt geben sich alle Mitarbeiter ihr gegenüber plötzlich seltsam reserviert.

Irritiert nimmt Elena Kontakt zu Marc (Jürgen Vogel) auf. Der war früher nicht nur ihr Lebenspartner, sondern auch EDV-Chef des Bankhauses, bis man ihn wegen mangender Loyalität feuerte. Marc verspricht seiner Ex-Freundin zu helfen, muss dazu jedoch an die Bankcomputer. Was insofern ein Problem ist, als er dort inzwischen Hausverbot hat und das Gebäude von der Security auch nachts mit Hilfe von Kameras akribisch überwacht wird. Dennoch gelingt es Marc, mit Elenas Hilfe nächtens unentdeckt in das Gebäude zu gelangen. Was die beiden dann im gehackten Computer entdecken, macht die Bankerin allerdings sprachlos: Demnach soll sie selbst den Kredit mit den Chinesen abgewickelt haben.

Was bis dahin wie ein mysteriöser Wirtschaftsthriller anmutet, entwickelt sich nun zu einem kammerspielartigen Psychogramm zweier höchst unterschiedlicher Charaktere. Elena, so wird bald deutlich, hat ihrer Karriere ihr ganzes Leben untergeordnet und ist dabei hart gegen andere und sich selbst geworden. So wie sie untergeordnete Mitarbeiter abkanzelt, gestattet sie sich selbst keinerlei Emotionen. Doch die kommen nun in Gestalt von Marc wieder in ihr Leben. Der hat der Welt der Hochfinanz komplett entsagt, läuft in Schlabberpulli und Parka umher und gibt sich eher als Romantiker zu erkennen. Ihre ehemalige Beziehung hat sie beendet, weil sie, wie Marc erklärt, Angst gehabt habe, sie nicht mehr kontrollieren zu können. In mehreren Rückblenden wird die einstige Romanze in stilisiert warmen Tönen ins Bild gesetzt. Und in dieser Nacht in der Bank, als die beiden dem China-Deal auf die Spur kommen wollen, scheinen sich die beiden auch wieder näherzukommen.

So liefert der Film in der ersten Stunde nicht zuletzt dank der beiden überzeugenden Hauptdarsteller eine stimmige und intensive Studie von einer komplizierten Beziehung, wobei der ominöse Kredit lediglich als Aufhänger dient. Doch auf der Basis einer Vorlage des britischen Autors Guy Meredith versuchen John-Hendrik Karsten (Buch) und Franziska Meletzky (Buch/Regie) dann weit weniger überzeugend, in diesem ZDF-„Fernsehfilm der Woche“ aus dem Geschehen einen Krimi zu entwickeln, den der übereifrige Wachmann Jochen Steiner (Sascha Alexander Gersak) in Gang bringt. Denn der hat auf seinem Monitor Marc schließlich doch noch entdeckt und die Polizei alarmiert, die prompt mit einem Sondereinsatzkommando anrückt.

Während Elena und Marc im Büro noch an ihrem persönlichen Happy End basteln und das geheime Konto des Chefs in der Schweiz leerräumen, naht das Unheil mit Tatütata und Sturmgewehren. Am Ende stürzt Marc, von Kugeln durchsiebt, aus dem Fenster des 40. Stocks des Bankhochhauses. In Superzeitlupe. Das kann man ästhetisch effektvoll finden, wie überhaupt der gesamte Film (Produktion: Rowboat) unbedingten Stilwillen atmet. So aufwendig, wie hier von Kameramann Ngo The Chau wurde das Frankfurter Bankenviertel bislang wohl noch nie in Szene gesetzt. Unaufhörlich kreist die Kamera aus allen erdenklichen Perspektiven um die Türme aus Glas und Beton und verfolgt das Geschehen im Inneren vielfach von außen durch die Scheiben. Spiegelungen inklusive. Das Interieur des Bankhauses wird durchweg von Anthrazit- und Grautönen bestimmt und soll vermutlich für die atmosphärische Eiseskälte der Finanzwelt stehen. Was nun wirklich nicht sonderlich originell ist.

Und was hat es nun mit dem China-Kredit auf sich, für den Elena doch offenbar zum Sündenbock gemacht werden sollte? Nichts, wie Dr. Ahrends am Ende der verdutzten Kommissarin erklärt. Die Sache mit dem Kredit sollte lediglich ein Stresstest sein, um Elenas Qualifikation für höhere Aufgaben zu prüfen. Eine magere Schlusspointe für einen zwiespältigen Film („Vertraue mir“ hatte 4,40 Mio Zuschauer, Marktanteil: 15,4 Prozent).

16.06.2016 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `