Jantje Friese/Martin Behnke/Baran bo Odar: Dark. 2. Staffel der Serie, 8‑teilig (Netflix)

Sic mundus creatus est

23.08.2019 •

Kino- und Fernsehfilme haben eines gemeinsam: Es gibt einen Plot mit einem Höhepunkt und einem Ende. Bei populären neueren Serien, vorwiegend Produktionen von Streaming-Anbietern, ist das schon mal etwas anders. Während man Folge für Folge schaut, kommt die Handlung irgendwie voran – aber gleichzeitig auch nicht. Ein Beispiel: Wer mit seiner Lebenspartnerin eine Staffel „Game of Thrones“ schaut, dabei eine Folge nicht sehen kann und dann fragt, worum es in der verpassten, von der Mitseherin aber angeschauten Episode ging, der erntet einen nachdenklichen Blick – eigentlich ist nichts wirklich Wichtiges geschehen. Das horizontale Erzählen der neuen Serien stürzt den Zuschauer in eine Zeitschleife. Aus diesem Phänomen hat die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Netflix-Serie „Dark“ (vgl. diese MK-Kritik und diese MK-Meldung) ihren Plot gewoben: Form ist Inhalt geworden. Dark ist die erste deutsche Serie, die der US-Streaming-Anbieter Netflix hat produzieren lassen.

Mit der zweiten Staffel, wieder vom Endemol-Ableger Wiedemann & Berg produziert, knüpfen Jantje Friese und Martin Behnke, die als Headautoren fungieren, dort an, wo die erste aufhörte. Das Geflecht aus Personen und Verwicklungen wird noch unüberschaubarer. Auf nunmehr fünf Zeitebenen laufen die Mitglieder dreier Familien sich in jeweils unterschiedlichen Verwandtschaftskonstellationen immer wieder neu über den Weg – wobei einzelne Protagonisten sich paradoxerweise sogar selbst in verschiedenen Lebensaltern begegnen. Verhandelt werden dabei Themen wie Ehebruch, Mobbing in der Schule, Transgender, der Störfall in einem Atomkraftwerk und die Umtriebe einer okkulten Geheimloge mit dem sprechenden Namen „Sic mundus creatus est“, was so viel heißt wie: „So wurde die Welt erschaffen“ – ein Fingerzeig vermutlich auf die Schlusspointe dieser Serie, die mit einer dritten Staffel enden wird.

Doch der Reihe nach. Stellvertretend für den Zuschauer versuchen mehrere Protagonisten, sich einen Überblick über das Geschehen zu verschaffen. Dazu gehört etwa, dass Fotos an Pinnwände geheftet werden. Zwischen den Figuren entsteht ein kaum noch überschaubares Netz von Beziehungen: Konventionelle Orientierung scheitert – und genau von diesem Scheitern handelt auch die zweite Staffel dieser Serie, die irgendwie typisch deutsch und düster ist, dank ihrer atmosphärischen Erzählung aber nicht klischeehaft erscheint.

Mit ihrer verdrehten Zeitreise-Geschichte knüpft die Serie „Dark“ an eines der bekanntesten Motive der Kulturgeschichte an. Deutlich wird dies mit Blick auf die Figur des Michael Kahnwald (Sebastian Rudolph), der sich zu Beginn der ersten Staffel erhängte und dessen suizidale Motive nun in der zweiten Staffel ergründet werden. In einer Szene sagt er den bekannten Dialogsatz: „Es wäre besser, nie geboren worden zu sein.“ Dieser Satz paraphrasiert einen Vers aus „König Ödipus“, an dessen Geschichte „Dark“ anknüpft, denn das Drama von Sophokles ist die Mutter aller Zeitreise-Geschichten.

Bekanntlich sagt das Orakel dem König voraus, dass sein Sohn ihn umbringen und seine Frau ehelichen werde. Der Versuch, diese Information zu nutzen, um das Schicksal auszutricksen, führt – man weiß es – dazu, dass die Tragödie überhaupt erst ihren Lauf nimmt. Dieses Motiv ist auch die Triebfeder von „Dark“. Eine abenteuerliche Odyssee führt Jonas (Louis Hofmann), den Sohn von Michael Kahnwald, durch verschiedene Zeitebenen: Er reist zunächst zurück in die 1980er Jahre, von wo aus ihn der Weg über die postapokalyptische Zukunft des Jahres 2052 und die Vergangenheit des Jahres 1921 zurück in die Gegenwart führt. Hier will er seinen Vater dazu bringen, sich nicht umzubringen. Dummerweise führt seine mit großem Aufwand betriebene Intervention genau dazu, dass der Vater seinen Suizid überhaupt erst begeht: Wie in „König Ödipus“ ist der wider Willen vollführte ödipale Vatermord demnach auch in „Dark“ geglückt.

Noch unklar ist das Verhältnis von Jonas zu seiner Mutter Hannah (Maja Schöne), die in der zweiten Staffel als undurchsichtige, diabolische Intrigantin brilliert. Sie begegnet ihrem Geliebten wieder, dem Polizisten Ulrich Nielsen (Oliver Masucci), der zurück in die 1950er Jahre gereist ist, wo man ihn als mutmaßlichen Vergewaltiger inhaftiert hat. Hannah könnte Ulrich befreien, lässt ihn aber eiskalt im Stich – eine erschütternde Wendung, die ihre Figur noch unerklärlicher, zugleich aber auch faszinierender erscheinen lässt.

Obwohl die eng getakteten Erzählschritte in diesem Zeitreise-Puzzle den einzelnen Charakteren immer nur wenige Dialogsätze am Stück zugestehen, können die meisten der etwa 35 Hauptfiguren (insgesamt agieren weit über 100 Personen) sich bemerkenswert differenziert entfalten. Das liegt am atmosphärischen Gespür von Regisseur Baran bo Odar, der eine romantische Liebesbegegnung am See ebenso überzeugend inszeniert wie ein futuristisches Tableau oder eine Ausstattungsszene, in der die Requisiten das jeweilige Zeitkolorit nie so penetrant ausstellen wie in den meisten Fernsehfilmen.

Von den in Staffel 2 neu hinzugekommenen Figuren überzeugt Sylvester Groth als melancholischer Ermittler (Inspektor Clausen), dessen verknautschtes Gesicht die düstere Grundstimmung der Serie dezent unterstreicht. Erneut grandios agiert Jördis Triebel in der Rolle der rustikalen Lehrerin, die wie eine entfesselte Furie durch diese Serie hetzt und nebenbei für bizarre Komik sorgt, etwa als sie ungläubig nachfragt: „Mein Mann hängt also in den 50er Jahren fest und mein Sohn in den 80ern? Wollt ihr mich verarschen?“

Leider ist die achtteilige zweite Staffel (die erste hatte zehn Folgen) nicht durchweg gelungen. Ins Auge fallen Szenen, in denen die Kommunikation zwischen den Figuren auf eine nicht überzeugende Weise unterbrochen wird. Bezeichnend für solch unausgegorene Dialoge ist die Begegnung zwischen Ulrich Nielsen, der in den 50er Jahren vom Polizisten Egon Tiedemann (Christian Pätzold) vernommen wird: „Was hat das zu bedeuten?“, fragt der Gesetzeshüter den Zeitreisenden. „Dass du immer noch nichts verstanden hast“, antwortet Nielsen: „Vielleicht ist das dein Schicksal, ahnungslos zu sterben.“ Dass ein ermittelnder Polizist sich mit einem solch kryptischen Satz zufrieden gibt und nicht weiter bohrt, ist eine von so manchen kleinen Ungereimtheiten, die darauf schließen lässt, dass das Drehbuch der neuen Staffel möglicherweise zu rasch fertiggestellt werden musste.

Von solchen Defiziten abgesehen gelingt Baran bo Odar, Jantje Friese und Martin Behnke erneut ein großer Wurf, dessen gesteigerter finanzieller Aufwand sich unter anderem in jenen Szenen zeigt, in denen ein waberndes Knäuel aus dunkler Materie computeranimiert wird. „Dark“ beschreibt einen lokalen Kosmos, in dem Familienzugehörigkeiten und die Abfolge der Generationen vollkommen durcheinander geraten sind. So ist auf einem Internet-Portal, das die überkreuzten Verwandtschaftsbeziehungen mit viel Geduld entwirrt, unter anderem zu lesen, dass Elisabeth Doppler (Carlotta von Falkenhayn) zugleich Mutter und Tochter von Charlotte Doppler (Karoline Eichhorn) ist.

Gibt die Serie mit ihren absurden Konstellationen, in denen die Generationenfolge durcheinandergewirbelt wird, nicht eine ironische Antwort auf die Prognosen jener Gender-Studien, denen zufolge die Rollen von Vätern, Müttern, Kindern, Männern und Frauen nur „Konstruktionen“ sind, die jeder nach Belieben umdefinieren kann? Egal, ob man dieser Deutung folgt oder nicht: Auf jeden Fall erzählt „Dark“ mit Witz, Spannung und ästhetischem Gespür von einer nahen Zukunft, in der gemäß einer Redewendung die Katze ihre eigenen Jungen nicht wiederfindet. Die finale dritte Staffel, die im kommenden Jahr erscheinen wird, ist bereits in Produktion. Wie die Welt tatsächlich geschaffen ist, wird sich dann zeigen.

23.08.2019 – Manfred Riepe/MK