Holger Preuße/Simone Kollmorgen/Peter Wekwerth: 1648 – Der lange Weg zum Frieden. Wie der Dreißigjährige Krieg beendet wurde (Arte)

Wer kennt schon Trauttmansdorff und Thumbshirn?

25.10.2018 •

Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler bringt es eher nebenbei auf den Punkt: „Die Kriegsmacher sind bekannter als die Friedensmacher.“ Dem abzuhelfen, dazu dient das 90-minütige, vom WDR dem Arte-Programm zugelieferte Doku-Drama „1648 – Der lange Weg zum Frieden. Wie der Dreißigjährige Krieg beendet wurde“.

Namen wie Tilly, Wallenstein oder König Gustav Adolf als Akteure im Dreißigjährigen Krieg sind geläufig. Doch wer kennt in diesem Zusammenhang schon den französischen Herzog Henri II. d’Orléans-Longueville oder die Schweden Johan Oxenstierna und Johan Adler Salvius? Oder Maximilian von Trauttmansdorff, den Generalbevollmächtigten des deutschen Kaisers, und den Juristen Isaak Volmar, der Trauttmansdorff unterstütze? Oder gar Wolfgang Conrad von Thumbshirn, den Vertreter der evangelischen Reichsstände? Sie alle zählen zu den Machern des Westfälischen Friedens vom 24. Oktober 1648, verhandelt in Münster und Osnabrück, der einen Krieg beendete, der lange 30 Jahre andauerte. Im ersten europäischen Flächenbrand waren bis dahin allein „in teutschen Landen“ etwa vier Millionen Menschen gestorben.

Um es gleich vorweg zu bemerken: Der Dreißigjährige Krieg – der 1618 und damit vor 400 Jahren begann – birgt verblüffende Parallelen zum Krieg in Syrien. Herfried Münkler spricht es zwar erst am Ende des Doku-Dramas an, aber die Mischung aus territorialen Begehrlichkeiten verschiedener Machthaber, religiösem Streit zwischen Katholiken und Protestanten und unendlichem Leiden unter der Bevölkerung im Dreißigjährigen Krieg lässt sich ähnlich auch für Syrien diagnostizieren – auch wenn es dort um Sunniten, Schiiten und Aleviten geht und neben Syrien die Türkei, Russland und der Iran involviert sind. Damals wie heute ohne Aussicht auf einen Sieg auf dem Schlachtfeld. Dies zwang die Beteiligten im 17. Jahrhundert nachgerade zur Suche nach einem Friedensschluss. Dabei hatte Wallenstein, der auf Seiten des Kaisers und der Katholiken kämpfende Feldherr und Politiker, schon 1631 erklärt, man werde Frieden (erst) machen (müssen), wenn alle Länder in Asche lägen. Er sollte Recht behalten. Denn der Kampf auf den Schlachtfeldern wurde auf dem diplomatischen Parkett fortgesetzt. Gesandte und Vertreter aller kriegführenden Parteien agierten im Auftrag ihrer Herrscher.

Das Doku-Drama „1648 – Der lange Weg zum Frieden“ hat den Vorzug, dass es anschaulich macht, wie sehr die Beendigung auch eines so vielschichtigen Krieges von Persönlichkeiten abhängt, die mit klaren Ansagen das Ziel verfolgen, auch wirklich das Ende dieser kriegerischen Auseinandersetzungen zu erreichen. Dazu gehören – folgt man den Aussagen des Doku-Dramas – List, Überzeugungsarbeit und Kompromissfähigkeit, Geschenke und Intrigen und die Pflege von Eitelkeiten ebenso wie Gratiswein für die Bevölkerung. Zentrale Figur der Verhandlungen in Münster und Osnabrück war Maximilian von Trauttmansdorff, dem der römisch-deutsche Kaiser Ferdinand III. rückhaltlos vertraute. Er zog die Fäden, im TV-Drama in den Reenactments eindrucksvoll von Rüdiger Vogler verkörpert, gemeinsam mit Isaak Volmar.

Erst als sich die Reichsstände – unter anderem die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier, die vier, später sechs weltlichen Kurfürsten und die Freien Städte und Reichsstädte im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation – verbündeten und sich neben Katholiken und Protestanten als dritte Kraft einbrachten, konnten die Verhandlungen zum Erfolg gebracht werden. Auch sie mussten erst die internen Konflikte beilegen. Aber sie verstanden sich auch als Vertreter der unter dem Krieg leidenden Bevölkerung und gaben den Verhandlungen zwischen dem deutschem Kaiser, dem schwedischen König und Frankreich den entscheidenden Schwung.

Den Schlüssel zum Erfolg bildete die Trennung von Religion und Politik. Es gab einen Verzicht auf deutsches Territorium gegenüber Frankreich, im Gegenzug die Garantie der Religionsfreiheit in allen Landen. Immerhin war, bis es zum Westfälischen Frieden kam, fünf Jahre lang verhandelt worden. Und am Ende wäre alles fast an einer Petitesse gescheitert: Die Unterschrift des Kaisers kam aus Wien in einer verschlüsselten Botschaft zu Isaak Volmar, der den krank nach Wien zurückgereisten von Trauttmansdorff vertrat, und Volmar musste sich den Schlüssel erst in mühsamer Nachtarbeit selbst erarbeiten. Wie man weiß, mit Erfolg. Denn am 24. Oktober 1648 kündeten Glockengeläut und Salutschüsse vom Westfälischen Frieden. Ein Vertrag war entstanden, der „ein Bollwerk gegen die Barbarei“ sein sollte.

Das Doku-Drama ist eine geschickte Mischung aus eindrucksvollen Spielszenen, Bildern aus diversen Archiven, reizvollen Scherenschnitten und animierten historischen Gemälden und Radierungen. Hinzu kamen die sachkundigen wissenschaftlichen Kommentare vor allem von Herfried Münkler und der Historikerin Siegrid Westphal. Das Drehbuch für den Film stammt von Simone Kollmorgen und Holger Preuße, der beim dokumentarischen Teil und insgesamt auch für die Regie verantwortlich war. Die Regie bei den Reenactment führte Peter Wekwerth. Zu den bereits früher zum Dreißigjährigen Krieg gesendeten Dokumentationen von ARD und ZDF (vgl. diese MK-Kritik und diese MK-Kritik) war diese am 21. Oktober in Erstausstrahlung bei Arte am Nachmittag zu sehende Produktion eine wichtige und wertvolle Ergänzung. Am 24. Oktober wurde der Film zu später Stunde noch einmal im Dritten Programm WDR Fernsehen ausgestrahlt (23.25 bis 0.55 Uhr). 

25.10.2018 – Martin Thull/MK