Stefan Ludwig: Glauben, Leben, Sterben – Menschen im Dreißigjährigen Krieg (ARD)

Eine programmliche Perle

28.07.2018 •

28.07.2018 • Es ist allemal ein heikles Unterfangen, historische Vergleiche zu ziehen, um die Gegenwart zu verstehen oder zu erklären. Dies wird dennoch gerne gemacht, etwa um den derzeitigen Krieg in Syrien zu erklären. Dabei wird dann auch auf den Dreißigjährigen Krieg verwiesen, der vor 400 Jahren begann und während seiner Dauer ein Drittel der damaligen Bevölkerung Europas unmittelbar oder mittelbar tötete. Viele sehr persönliche Zeugnisse berichten von den unvorstellbaren Kämpfen, die zwar im Streit der Religionen ihren Ursprung hatten, aber bald vor allem von Machtinteressen gespeist und immer wieder neu entfacht wurden. Allein der Streit zwischen Katholiken und Protestanten um die Vorherrschaft im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation reicht als Erklärung nicht aus, auch wenn er immer wieder in unterschiedlicher Weise eine Rolle spielte.

Es ist das Verdienst von Stefan Ludwig, in seinem 90-minütigen Doku-Drama „Glauben, Leben, Sterben – Menschen im Dreißigjährigen Krieg“ auf verständliche Weise ein wenig Licht in die verwirrenden Fakten der Jahre zwischen 1618 und 1648 gebracht zu haben. Er bediente sich dabei der authentischen Aufzeichnungen von fünf Protagonisten – Tätern und Opfern. Dabei handelt es sich um den Söldner Peter Hagendorf aus Zerbst, der mal in dem einen und mal in dem anderen Heer aktiv am Krieg teilnimmt, die Nonne Klara Staiger, die versucht, ihr Kloster Mariastein in Eichstätt zu retten, die Bäuerin Marta Küzinger, die in Oberösterreich ihren lutherischen Glauben heimlich lebt, den Bankier Hans de Witte in Prag, der als Calvinist in unglaublichem Zynismus die katholische Seite finanziert, und den Jesuitenprediger Jeremias Drexel, der zunächst vor Soldaten motivierende Predigten hält, sich am Ende dann aber vom Krieg abwendet.

Die „Augenzeugenberichte“ werden von Stefan Ludwig geschickt in Szene gesetzt. Sie sind nicht die inzwischen üblichen nachgestellten Spielszenen, sondern die lebendig nachempfundene und um Verstehen werbende Lebensgeschichte jedes Einzelnen. Verstärkt wird dies etwa durch Untertitel bei der Oberösterreichisch sprechenden Bäuerin Marta. Sie lebt im Verborgenen mit einigen Mitstreiterinnen ihren lutherischen Glauben, auch wenn der Landesherr die katholische Lehre vorschreibt.

Stilistisch noch wichtiger ist die Off-Stimme von Adele Neuhauser, die in einer Zeitreise dem jeweiligen Darsteller im Stile einer Reporterin Fragen stellt, die möglicherweise gerade auch dem Zuschauer durch den Kopf gehen. Beispielsweise dem Söldner die Frage: „Was ist denn der Unterschied zwischen katholisch und evangelisch?“ Dem Banker: „Wodurch verdienst du so viel Geld?“ Oder dem Jesuiten: „Warum wendest du dich denn jetzt gegen den Krieg?“ Weil auf diese Weise so etwas wie ein fiktiver Dialog mit dem Zuschauer entsteht, wird das Geschehen umso leichter nachvollziehbar.

Ein weiteres bewusstes Stilmittel sind die Bildpassagen in Schwarzweiß, die die Gegenwart signalisieren sollen und den Bogen spannen vom Damals in die Jetztzeit. Allerdings ist dies nicht konsequent durchgehalten, dokumentarische Bilder aus Bosnien, dem Kosovo oder Afghanistan etwa sind farbig, ebenso die zu Wort kommenden Wissenschaftler wie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler oder die Historiker Georg Schmidt und Christoph Kampmann. Auffallend ist bei einer Thematik, die den meisten als „Religionskrieg“ im Bewusstsein ist, dass kein heutiger Theologe zu Wort kommt, sieht man einmal vom ehemaligen Domprediger in Magdeburg ab, der sich als Zeitzeuge der Wendezeit um 1989 äußert und eine Parallele zieht zu Vorkommnissen in der Stadt an der Elbe während des Dreißigjährigen Krieges: Damals hätten die im Dom eingeschlossenen (protestantischen) Einwohner das Knie gebeugt vor den neuen (katholischen) Herrschern – und so ihr Leben gerettet. 1989 hätten dagegen Hunderte Beter den Dom aufrechten Ganges verlassen und dann trotz rund 20.000 Sicherheitskräften der DDR-Staatsmacht für die Freiheit demonstriert.

Stefan Ludwig beleuchtet die Ereignisse zwischen 1618 und 1648, die leicht überlagert werden von den jüngeren Schrecken des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Der Film macht deutlich, was der Politikwissenschaftler Herfried Münkler äußert: „Wir sollten diesen 400 Jahre alten Krieg als einen fernen Spiegel betrachten, in dem wir die Vergangenheit sehen und in der Vergangenheit auch unsere eigene Gegenwart.“ Reinhard Scolik, ARD-Koordinator für kirchliche Sendungen, preist zutreffend dieses sender- und länderübergreifende Projekt der Religionsredaktionen von BR, MDR, SWR und ORF als „eine Reise in eine Vergangenheit, die unsere Gegenwart bis heute prägt – und für unsere Zukunft lehrreich sein sollte“.

Möglicherweise kann tatsächlich die Analyse der damaligen Vorgänge helfen, ähnlich gelagerte Konflikte der Gegenwart wie etwa in Afghanistan, Syrien oder dem Jemen in einer großen Friedensanstrengung zu lösen. Damals wie heute weiß niemand mehr, wer eigentlich gegen wen aus welchen Motiven kämpft. Alle wissen aber eines sicher: Militärisch ist der jeweilige Konflikt nicht zu lösen. Vier Jahre lang saßen die Verhandlungspartner im 17. Jahrhundert in Münster und Osnabrück zusammen, eher dann ein Vertrag formuliert wurde, der bis in die kleinste Einzelheit – „Der 3. Stadtschreiber von Dinkelsbühl muss ein Protestant sein“ – festlegte, was künftig zu tun und zu lassen sei. Auf den ersten Blick wirken die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges wie blanke Barbarei, getrieben von religiösem Fanatismus. Aber das stimmte damals ebensowenig wie im heutigen Nahen Osten. Selbstverständlich gibt es die Fanatiker und ideologischen Scharfmacher, aber die meisten Akteure handeln aus ganz konkreten geopolitischen Interessen und auch Ängsten. Will man Frieden erreichen, muss man die religiösen Verbrämungen wegnehmen und sehr ehrlich die Interessen dahinter freilegen, so die Botschaft dieses Doku-Dramas (Produktion: Metafilm).

Eines sollte noch angemerkt werden: Es ist unverständlich, warum die Programmdirektion der ARD dieses Schmuckstück öffentlich-rechtlichen Programms kurz vor Mitternacht wegsendet, während zur Primetime die ungezählte Wiederholung irgendeines „Tatorts“ oder einer anderen Archivalie ihr Publikum finden soll. Ja, es war auch Fußball-Weltmeisterschaft, als dieser Film (1,17 Mio Zuschauer, Marktanteil: 6,8 Prozent) ausgestrahlt wurde. Aber selbst wenn die Übertragungen der WM-Spiele viele Millionen Zuschauer verfolgen, gibt es doch eine Mehrheit, die der Fußball nicht zu locken vermag. Ein wenig mehr Zutrauen in die inhaltliche Belastbarkeit des Publikums ist den Programmplanern zu wünschen. Solche Perlen des Programms gehören in die Primetime.

28.07.2018 – Martin Thull/MK

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