Ingo Helm/Volker Schmidt-Sondermann: Der Dreißigjährige Krieg. 2-teilige Dokumentation im Rahmen der Reihe „Terra X“ (ZDF)

Ego-Dokumente

17.09.2018 •

17.09.2018 • Die Reihe „Terra X“ ist laut eigener Beschreibung eine „Programmmarke des ZDF für Dokumentationen und Dokumentationsreihen“. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass sich dieses Format nun auch des Dreißigjährigen Krieges annimmt, der vor 400 Jahren begann und bis 1648 Europa heimsuchte. Dieser längste Krieg auf europäischem Boden war nicht so sehr, wie immer noch gemeinhin angenommen wird, eine Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Protestanten. Vielmehr suchten ehrgeizige Herrscher, kaltblütige Generäle und religiöse Fanatiker ihren jeweiligen Vorteil.

Wie schon die im Juni gesendete ARD-Produktion zum Dreißigjährigen Krieg (vgl. diese MK-Kritik) stellen in den beiden ZDF-Beiträgen auch Ingo Helm (Autor) und Volker Schmidt-Sondermann (Regie) Einzelpersönlichkeiten in den Mittelpunkt, deren Aufzeichnungen ein ungefiltertes Bild der damaligen Zeit festgehalten haben. Sie sind als Augenzeugen eine besonders eindrucksvolle Quelle: Der Schuster Hans Heberle, der Pater Caspar Wiltheim, der Söldner Peter Hagendorf, die 30-jährige Müllerin Anna Wolf, der Bauer Caspar Preis und der zwölfjährige Daniel Friese, auf die sich die beiden ZDF-Filme beziehen, haben jeweils so etwas wie Tagebuch geführt und auf diese Weise Einblicke in den alltäglichen Überlebenskampf der einfachen Leute gewährt. Es geht hier eben nicht um politische oder militärische Protagonisten wie Wallenstein oder den Schwedenkönig Gustav II. Adolf.

Die Struktur der jeweils 45-minütigen Dokumentationen mit ausgedehnten Spielszenen wird zum einen durch die chronologische Abfolge der Ereignisse geprägt, zum anderen durch die Statements von Historikern. Wohltuend ist, dass sich die Autoren auf wenige Fachleute beschränken, die das gerade Gesehene und von der Off-Stimme Gehörte immer wieder einordnen. Ergänzt werden die historischen Abschnitte durch aktuelle Bezüge, wie etwa die wissenschaftlichen Hinweise auf die damalige Chirurgenkunst oder die heutigen Möglichkeiten des Überlebens im Wald. Anhand eines Massengrabs bei Lützen (Sachsen-Anhalt), das von Archäologen geborgen wurde, wird die Kriegswirklichkeit im Film lebendig. Wissenschaftler rekonstruieren heute aus den Funden einzelne Lebensläufe. So ist der Perspektivwechsel ein anderes Strukturelement dieser beiden Dokumentationen (Teil 1: „Tagebücher des Überlebens“, Teil 2: „Verwüstung und Versöhnung“).

Auffallend ist, dass die Zeitzeugen nur selten in ihrer Originalsprache zu hören sind. Die Spielszenen ihrer Erlebnisse oder des Kriegsgeschehens dienen eher der Untermalung des erklärenden Textes. Mag sein, dass die damalige Sprache den Zuschauern eine Populärreihe wie „Terra X“ heute nicht unbearbeitet zugemutet werden soll. Andererseits wird dadurch ein Stück Authentizität dem vermeintlichen Zuschauergeschmack geopfert.

Der Pater Caspar Wiltheim war bemüht, die entfesselte Gewalt der Söldner in Magdeburg zu bremsen. Einer Frau, die bei ihm Schutz vor Vergewaltigung suchte, half er aber erst, nachdem sie sich mit einem „Ave Maria“ zum katholischen Glauben bekannt hatte. Der Söldner Peter Hagendorf wurde beim Kampf um Magdeburg verwundet. Ein Feldscher entfernte die Kugel aus der Wunde, Hagendorf überlebte. So reiht sich Szene an Szene, ergänzt um Erläuterungen zu den größeren politischen Zusammenhängen. Deutlich wird vor allem das Leiden der Bevölkerung an Hunger und Pest, neben den Kriegsfolgen. Und das Los der Söldner, die sich den kargen Lohn mit Plünderungen aufbesserten.

In Schwabach bei Nürnberg erlebte die 30-jährige Müllerin Anna Wolf den Angriff der kaiserlichen Streitmacht. Aus Angst vor Vergewaltigung versteckten sie und ihre Mägde sich fünf Tage lang auf dem Dachboden ihrer Mühle vor den marodierenden Söldnern. Später rettet Anna den Bürgermeister vor der Todesdrohung der Kaiserlichen. Sie ist im Übrigen eine der wenigen Frauen, deren Aufzeichnungen überliefert sind. Die damaligen Frauen begleiteten oft mit den Kindern ihre Männer und führten – so gut es unter diesem Umständen überhaupt noch ging – ein normales Familienleben. Wozu dann aber auch gehören konnte, dass die Frau nach der Schlacht, auf der Suche nach dem möglicherweise verletzten Ehemann, Toten Stiefel und Kleidung wegnahm. Der Bauer Caspar Preis spannte sich nach dem Verlust seiner Lasttiere mit Sohn und Knecht selbst vor die Egge, barfuß, damit ihm die Schuhe, die er versteckte, nicht von streunenden Soldaten geraubt würden. Und er notierte, es sei „eine betrübte Zeit“.

So entsteht in diesem „Terra-X“-Zweiteiler ein Kaleidoskop von Eindrücken und Informationen, die die Grausamkeit dieses Krieges ungeschönt kenntlich machen. Merkwürdig nur, dass die jahrelangen Friedensbemühungen lediglich in den letzten fünf Minuten von Teil 2 abgehandelt werden. Immerhin: Die aufwendigen Spielszenen und Animationen haben die Wirklichkeit dieser Zeit zum Leben erweckt und verständlich gemacht.

Die im Juni ausgestrahlte 90-minütige ARD-Dokumentation, die ebenfalls auf sogenannten „Ego-Dokumenten“ beruhte, verfolgte einen vergleichbaren Ansatz, schlug aber sehr viel konsequenter den Bogen zur heutigen Aktualität, etwa dem Krieg in Syrien, bei dem es ebenfalls weniger um Religion als um Herrschafts- und Gebietsansprüche dritter Mächte geht. Vor allem widmete sich der ARD-Beitrag (Titel: „Glauben, Leben, Sterben – Menschen im Dreißigjährige Krieg“) ausführlicher dem Westfälischen Frieden und versuchte Lehren daraus zu ziehen. Am Ende ergänzen sich für den, der beides gesehen hat, die Dokumentationen. Und dass der Söldner Peter Hagendorf sowohl in der ARD als auch in der ZDF-Produktion eine Art Kronzeuge für das ganze Kriegsgeschehen war, belegt nur die Authentizität seiner Aufzeichnungen.

17.09.2018 – Martin Thull/MK