Artem Demenok/Andreas Christoph Schmidt: Krieg und Frieden. Deutsch-sowjetische Skizzen (ARD/RBB/SWR/WDR)

Eine große schicksalhafte Geschichte

23.04.2018 • Im Jahr 2016 erinnerten Artem Demenok und Andreas Christoph Schmidt mit dem am 30. Mai und 6. Juni jenes Jahres ausgestrahlten Zweiteiler „Schatten des Krieges“ (ARD/RBB/NDR) an die 27 Millionen sowjetischen Opfer, die der deutsche Vernichtungskrieg ab 1941 gefordert hatte. Anlass für die Ausstrahlung der beiden Filme (vgl. MK-Kritik) war seinerzeit der 75. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion.

Während Demenok und Schmidt zu dem 2017 mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Zweiteiler jeweils einen der beiden Filme beisteuerten, haben sie den 90-minütigen Dokumentarfilm „Krieg und Frieden. Deutsch-sowjetische Skizzen“ nun gemeinsam gedreht. Mit dem neuen Film erinnern sie daran, dass das deutsch-sowjetische Verhältnis nicht nur geprägt war vom Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten. Die Autoren erzählen hier „eine große schicksalhafte Geschichte aus dem 20. Jahrhundert“, die auch von „Zuneigung und Freundschaft“ bestimmt war. Es gab sowohl den „Wunsch, einander zu verstehen“, als auch den „Willen, den anderen zu vernichten“. All das lassen die Filmemacher ihren Hauptsprecher, den Schauspieler Hanns Zischler, zu Beginn von „Krieg und Frieden“ sagen. Die von Demenok und Schmidt interviewte Zeitzeugin Maja Turowskaja, 1965 Koautorin des sowjetischen Dokumentarfilm-Klassikers „Der gewöhnliche Faschismus“, nennt die beiden großen Kriege zwischen den Ländern im Lauf des Films sogar „Bruderkriege“.

Auch für die Ausstrahlung von „Krieg und Frieden“ nun am 5. März gibt es einen Jahrestagsanlass: Es ist die Unterzeichnung des Friedensvertrags von Brest-Litowsk am 3. März 1918, mit dem die Geschichte der deutsch-sowjetischen Diplomatie begann. Der Filmuntertitel „Deutsch-sowjetische Skizzen“ klingt einerseits übertrieben bescheiden, wenn man weiß, mit welcher Genauigkeit Demenok und Schmidt zu Werke gehen; andererseits erlaubt dieser Ansatz eine gewisse Freiheit: Die beiden Filmemacher erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und können so faszinierende Nebenstränge verfolgen, für die in einer quasi amtlichen Darstellung kein Platz wäre.

Zunächst nehmen Demenok und Schmidt die in der allgemeinen Erinnerung kaum noch präsente Frühgeschichte des deutsch-sowjetischen Verhältnisses in den Blick. Lenin beispielsweise hoffte 1917 in der Endphase des Ersten Weltkriegs und unmittelbar nach der russischen Revolution noch, dass deren „Funke“, wie die Autoren sagen, „auf das deutsche Heer überspringt“. Und während der Weimarer Republik war, auch wenn man sich das heute kaum noch vorstellen kann, die Sowjetunion kurzzeitig für viele Deutsche „ein Sehnsuchtsort“ (Demenok/Schmidt).

Die teilweise sehr betagten Zeitzeugen, die die beiden Autoren haben gewinnen können, erzählen Geschichten, die aus sehr unterschiedlichen Gründen fesselnd sind. Eine Gesprächspartnerin, die Buchautorin und Übersetzerin Ljudmila Tschornaja, ist sogar im Revolutionsjahr geboren. Sie übersetzte später Bücher Heinrich Bölls ins Russische und freundete sich mit dem Schriftsteller aus Deutschland an.

Die Geschichten ihrer Zeitzeugen entfalten die Filmemacher auf unterschiedliche Weise. Mal lassen sie die Interviewpartner einige Zeit deren persönliche Erlebnisse erzählen und es wird erst peu à peu deutlich, inwiefern hier die eigenen Lebens- und Familienhistorien mit der Geschichte der deutsch-sowjetischen Beziehungen verknüpft sind. Manchmal ordnen Demenok und Schmidt ihre Zeitzeugen aber auch zu dem Zeitpunkt ein, an dem diese zum ersten Mal im Film auftauchen. So ist es bei der Drehbuchautorin Regine Kühn, Jahrgang 1941; sie hat in der Sowjetunion studiert. Der bekannteste Zeitzeuge ist Valentin Falin. Von 1971 bis 1978 war er Botschafter der UdSSR in der Bundesrepublik. Falin verstarb am 22. Februar, kurz vor der Ausstrahlung dieses ARD-Films, im Alter von 91 Jahren in Moskau.

Bemerkenswert ist wieder einmal, mit welcher Präzision die zwei Autoren, die seit 20 Jahren zusammenarbeiten, das Archivmaterial auswerten. Wie bei „Schatten des Krieges“ hat das historische Filmmaterial auch diesmal wieder weit mehr als nur illustrativen Charakter, ist weit mehr als nur halbwegs aufschlussreich, sondern – hier etwa im Fall von „Trümmer des Imperiums“ (Fridrikh Ermler, UdSSR, 1929) – integraler Bestandteil der Gesamtkomposition. Ein weiterer Bezugspunkt zu „Schatten des Krieges“: Alva Noto und Ryuichi Sakamoto, die für den ersten Film des Zweiteilers die Musik geschrieben hatten, haben dies auch für „Krieg und Frieden“ getan. Ihr Score ist markant, aber nicht aufdringlich – so widersprüchlich das vielleicht klingen mag.

Der Dokumentarfilm „Krieg und Frieden. Deutsch-sowjetische Skizzen“ (620.000 Zuschauer, Marktanteil: 5,3 Prozent) ist Bildungsfernsehen im besten Sinne. Instruktiv ist der differenzierte Blick Demenoks und Schmidts nicht zuletzt angesichts des, zurückhaltend formuliert: angespannten Verhältnisses, in dem sich Deutschland und Russland derzeit befinden. (Am 6. Mai wird der Film noch einmal im Dritten Programm RBB Fernsehen ausgestrahlt, Sendezeit: 22.55 bis 0.25 Uhr.)

23.04.2018 – René Martens/MK