Hannu Salonen/Silja Clemens/Thorsten Wettcke: Die Hebamme II (Sat 1)

Schauwerte und Schauergeschichten

19.02.2016 •

Eine Hochschwangere mit dickem Bauch brüllt vor Schmerz. Ehrfürchtig beobachten die Studenten ihren Professor, der Mutter und Kind mit einem Kaiserschnitt zu retten versucht – zu dieser Zeit eine medizinische Revolution. Wir schreiben den Beginn des 19. Jahrhunderts. Ein Kollege des Mediziners erprobt unterdessen die sanfte Geburt und Heilung mit tierischem Magnetismus. Schnitt. Ein Serienmörder reißt Huren das Herz heraus, um damit seine verstorbene Mutter wiederzubeleben. Und mitten in diesem illustren Treiben muss die junge Hebamme Gesa Langwasser (Josefine Preuß) sich als Mann verkleiden, um so als eine der ersten Frauen Medizin studieren zu dürfen. Zwischenzeitlich nimmt sie sich mit ihrem Geliebten Auszeiten in der Opiumhöhle.

Offenbar haben die Autoren das Drehbuch zu diesem TV-Movie auch auf Drogen geschrieben. Der Ursprungsfilm „Die Hebamme“ (vgl. FK-Kritik) basierte noch auf Motiven des gleichnamigen Romans von Kerstin Cantz. Nun verknüpfen Silja Clemens und Thorsten Wettcke (Autor des ersten Teils) in ihrem Drehbuch für die von Sat 1 bestellte Fortsetzung schauerromantische Motive mit medizingeschichtlichen und emanzipatorischen Aspekten zu einem Familienmelodram.

Das Grundthema ist nicht uninteressant. Frauen verkörpern seit jeher ein intuitives, naturverbundenes Wissen, zu dem vor allem die Hebammenkunst gehört. Das Spannungsverhältnis zur männlich-aufklärerischen Ratio, aus der Naturwissenschaft und Medizin hervorgehen, bildet auch das Motiv von „Die Hebamme II“ (Produktion: Moovie – The Art of Entertainment). Die junge Gesa Langwasser will ihrer an Schwindsucht erkrankten Cousine Luise Gottschalk (Genija Rykova) helfen. Doch deren Vater (Bernhard Schir), der zu Beginn des 19. Jahrhunderts am Wiener Allgemeinen Krankenhaus als Dekan Medizin lehrt, hat die Tochter leider verstoßen. Dank der forschen Intervention der Hebamme Gesa, die den Professor mit ihrem profunden medizinischen Wissen verblüfft, erklärt er sich bereit, Luise trotzdem zu helfen. Jedoch nur deshalb, weil er seine ärztliche Pflicht erfüllen müsse! Dass er sich dabei hartherzig gibt und die eigentlich vorhandenen Gefühle für sein eigen Fleisch und Blut unterdrückt, ist nur allzu klar. Raue Schale, weicher Kern.

Im Gegensatz zum Kinofilm „Der Medicus“ (2013) nach dem Roman von Noah Gordon, in der die Entwicklung des medizinischen Wissens tatsächlich im Vordergrund steht, illustriert die waghalsige Lungenoperation, mit der Luise in „Die Hebamme II“ gerettet wird, nur die schwierige Vater-Tochter-Beziehung. In diesem Duktus geht es weiter. Kaum hat die Patientin wieder Luft zum Atmen, da macht sie ihrer Cousine schwerste Vorwürfe. Gesa hat nämlich die große Chance erhalten, als Gasthörerin Medizin zu studieren. Luise stärkt ihr deswegen nicht etwa den Rücken. Nein, sie macht Gesa bitterböse Vorwürfe, weil sie mit diesem Bekenntnis zur wissenschaftlichen Medizin die Hebammen verraten würde.

Zickenkrieg und Küchenpsychologie wie aus dem 21. Jahrhundert sind in diesem TV-Movie wichtiger als die Rolle der Frau und deren berufliche Perspektiven gut zweihundert Jahre zuvor. Das vermeintliche Hauptthema ist hier nur Beiwerk für pseudohistorischen Eklektizismus. In diesem Stil fabuliert der Film munter weiter. Während Gesa sich ihrem Studium widmet, versöhnt Luise sich mit ihrem Ehemann Christian (Marcus Mittermeier), der ebenfalls an der medizinischen Fakultät lehrt, dabei allerdings eine esoterische, ganzheitliche Lehre vertritt, eine Vorwegnahme des heutigen Heilpraktikers. Der Aspekt des „tierischen Magnetismus“, der sich zu dieser Zeit vom wissenschaftlichen Medizindiskurs noch nicht klar abgegrenzt hat, ist interessant, wird indes – wie auch das Thema der bewusstseinserweiternden Drogen – nicht vertieft.

Unterdessen schiebt Gesas schwangere Freundin Lotte (Alicia von Rittberg) ihr Kind einem reichen Medizinstudenten unter, der ein dunkles Geheimnis birgt. Als der medizinisch versierte Serienmörder im Krankenhaus umgeht, der Huren das Herz aus der Brust schneidet, und der Professor aus Angst vor einem Skandal aber keine Polizei alarmieren will, muss Gesa neben ihrem familiären und medizinischen Engagement auch noch als Detektivin einspringen. Was ihr aufgrund des erwähnten Opiumkonsums zuweilen schwerfällt.

Einen gewissen Unterhaltungswert kann man dem von Hannu Salonen farbenfroh und campy inszenierten Spektakel nicht absprechen (auch bei Teil 1 war Salonen der Regisseur). Tricktechnisch aufwendige Panoramaschwenks über die Dächer von Wien versetzen den Zuschauer in die Epoche des frühen 19. Jahrhunderts. Bei ihrer Ankunft in der Metropole schaut Gesa aus dem Fenster ihrer Kutsche und bewundert das bunte Treiben der Clowns und Schausteller. Nachts zeigt ihr Geliebter Wilhelm (Adrian Topol) ihr, wie „der Himmel brennt“: Hier vermittelt sich die euphorische Stimmung des Aufbruchs. Die Schauwerte können sich sehen lassen. Neben Josefine Preuß als wackere Hebamme hat auch Bernhard Schir in der Rolle des Mediziners eine gewisse Präsenz. Von schauspielerischer Leistung zu sprechen, fällt hier jedoch schwer, weil die Figuren nicht glaubhaft im historischen Kontext verankert sind. Im Gegensatz etwa zu Margarethe von Trottas Film „Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen“ (2009) ist das Frauenthema in dieser kruden Mischung aus historisierender Soap Opera und Jack-the-Ripper-Schlachthaus, wie sie bei Sat 1 daherkommt, aufgesetzt.

Ein Fernsehereignis war „Die Hebamme II“ durchaus (3,60 Mio Zuschauer, Marktanteil: 11,8 Prozent). Ins Drehbuch hätte man allerdings wirklich mehr investieren können. Die Handlungsstränge der blutrünstigen Schauergeschichte sind so grob miteinander vernäht wie die Leichenteile von Frankensteins Monster – das bei dieser Geschichte übrigens auch Pate gestanden hat.

19.02.2016 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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