Hajo Seppelt: Geheimsache Doping – Wie Russland seine Sieger macht (ARD/WDR)

Beweiskraft auf Sendung

12.12.2014 •

Es kommt äußert selten vor, dass eine Dokumentation derart viel Nachberichterstattung auslöst, wie das bei der WDR-Produktion „Geheimsache Doping“ der Fall war. Die „Süddeutsche Zeitung“ zum Beispiel brachte auf ihren Sportseiten am 4. und 5. Dezember, also den beiden Tagen nach der Ausstrahlung, jeweils zwei Beiträge, die Recherchen des Films aufgriffen. Die ARD hielt das Interesse an der Dokumentation selbst am Laufen, indem sie stark gekürzte Versionen davon weiterverwertete, die wiederum mit neuem Recherchematerial angereichert waren. Dies gilt für Beiträge in der „Sportschau“ im Ersten (7.12.14) oder im Magazin „Sport Inside“ im Dritten Programm WDR Fernsehen (8.12.14)

Das Aufsehen, das „Geheimsache Doping“ auslöste, ist nachvollziehbar, weil der Film eine Beweiskraft ausstrahlte, die über die sonstigen Recherchen zu diesem Thema hinausreicht. Autor Hajo Seppelt kann mehr vorweisen als sehr plausible hartnäckige Gerüchte und substanzielle Indizien; er präsentiert Tonmitschnitte, Videos, Überweisungsbelege und andere Dokumente, die keinen Zweifel daran lassen, dass diverse Funktionsträger der russischen Leichtathletik – vom Trainer bis zum Arzt – zentrale Figuren des dortigen Dopingsystems sind.

Die Helden des Films – man kann das so pathetisch ausdrücken, zumal Seppelt sie als solche darstellt – sind zwei Whistleblower: Vitaliy Stepanov, ein ehemaliger Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada, und seine Ehefrau Yuliya, eine 800-Meter-Läuferin, die selbst lange gedopt hat und derzeit gesperrt ist. Sie hat Treffen mit Dopingstrategen und einer dopenden Sportlerin mit versteckter Kamera gefilmt oder heimlich Tonaufnahmen gemacht. Eines ihres Beobachtungsobjekte: der renommierte Moskauer Sportmediziner Sergej Portugalov. Es ist ein Geschenk für jeden Journalisten, wenn er so etwas zur Verfügung gestellt bekommt. Von Yuliya Stepanova erfährt Seppelt auch, dass man das Dopingmittel Epo telefonisch in Apotheken bestellen kann. Sein Übersetzer probiert es aus, es gelingt.

Die dritte Protagonistin in Seppelts Film ist die Marathonläuferin Lilija Shobukhova, ein internationaler Star. Um sie rankt sich die auf den ersten Blick verrückteste Geschichte in „Geheimsache Doping“. Insgesamt 450.000 Euro zahlte Shobukhova nach eigenen Angaben an einen russischen Verbandstrainer, um bei den Olympischen Spielen in London 2012 starten zu können. Eigentlich hätte sie wegen erhöhter Blutwerte dort nicht laufen dürfen. Als Shobukhova 2014 doch noch gesperrt wird, verlangt sie ihr Geld zurück, denn als Schurkin, die etwas auf sich hält, will sie sich von anderen Schurken nicht betrügen lassen. Sie bekommt 300.000 Euro, abgewickelt wird der Zahlungsvorgang über eine Briefkastenfirma in Singapur. In seinem Beitrag zeigt Seppelt E-Mails, die den Verdacht erhärten, der russische Leichtathletikverbandschef Walentin Balachnitschew habe von der Rücküberweisung des Schmiergeldes gewusst hat. Der Funktionär ist auch Schatzmeister des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF. Wenn derart machtvolle Akteure des Sports involviert sind, ist das natürlich ein Problem – denn warum sollten Funktionäre gegen ihresgleichen vorgehen?

Weitere Recherchen, die in der „Sportschau“ und in „Sport Inside“ Verwendung fanden, zeigen, dass es eine Verbindung gibt zwischen einem der Betreiber der kurz nach der Überweisung liquidierten Briefkastenfirma und einem gewissen Papa Diack, dem Sohn von IAAF-Präsident Lamine Diack (Senegal). Nun dürfen Söhne von Verbandspräsidenten Verbindungen haben zu wem sie wollen, aber verdächtig mutet dieser Fall trotzdem an.

Seine Rechercheleistung schmälert Seppelt aber, weil er, wie viele andere Reporter und Doku-Autoren ebenfalls, das Ritual auslebt, die Zuschauer immer wieder in Wort und Bild auch über banale Arbeitsvorgänge und -schritte zu informieren. Doch welchen Nährwert haben Aussagen wie „In meinem Büro erreichen mich mehrere E-Mails“, „Auf der Suche nach Antworten fliege ich quer durch Russland“ oder „An diesem Fall bleibe ich weiter dran“? Gleiches gilt für Bilder, die zeigen, wie Seppelt bedeutungsschwanger auf seinen Bildschirm starrt oder wie seine Hand die Maus bewegt. Solche Presenter-Elemente sollen das Ganze wohl dynamischer oder emotionaler daherkommen lassen. Doch man fühlt sich bei solche Szenen so, als wäre man in einem Restaurant, wo einem der Koch über Lautsprecher aus der Küche zuruft: „Ich rühre jetzt die Sauce für Tisch 14 an.“

Dennoch bleibt es eine erstaunliche Leistung, dass Hajo Seppelt das Vertrauen von zwei Whistleblowern gewonnen hat, die infolge der Mitarbeit an diesem Film ihr Leben nun neu ordnen müssen. Am Ende von „Geheimsache Doping“ erfährt der Zuschauer, dass das Ehepaar Stepanov Russland „für immer verlassen“ habe. Und im Beitrag von „Sport Inside“ heißt es, dass die Familie nunmehr in Wien lebe.

• Text aus Heft Nr. 50/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

12.12.2014 – René Martens/FK

Print-Ausgabe 15/2020

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