Game of Clones – Ein Klon zum Verlieben. Dating‑Reihe (RTL 2)

Beschämend, sexistisch, verlogen

01.02.2019 •

Das Fernsehjahr 2019 ist noch sehr jung, aber den Preis für die schmuddeligste, beschämendste, sexistischste und verlogenste Sendung des Jahres verdient schon jetzt RTL 2 für „Game of Clones – Ein Klon zum Verlieben“. Es handelt sich dabei um eine neue, aus Großbritannien importierte Spielart im Dating-Show-Segment, das mit den Reizfaktoren Schmuddel, Scham und Sexismus generell nicht geizt. Balz-Gehabe und Zickenkrieg? Hohe Hacken und Weibchenblick? Zungenkuss und Unter-der-Bettdecke-Sex? Alles schon gesehen, ist die Aufregung nicht mehr wert. Mit Abstand gruselig ist’s hier in dem Format des britischen Entertainment-Studios Youngest Media, das die deutsche Produktionsfirma Constantin Entertainment für den Privatsender RTL 2 adaptierte, weil eine pseudowissenschaftliche Ebene eingezogen wird: Man könne sich seine Traumfrau selber backen, äh, kreieren mittels einer App. Und sind die Äußerlichkeiten erst einmal am digitalen Reißbrett geklärt, stehe der Konzentration auf die berühmten „inneren Werte“, auf „Herz, Hirn und Charakter“, nichts mehr im Wege. Theoretisch.

Die Partnersuche beginnt in „Game of Clones“ also am PC. Dort lässt der Kandidat nach seinen Vorlieben die Traumfrau „mit kompletter Wunschausstattung konfigurieren“. Das sei „fast so, wie man es vom Autokauf kennt“, jubelt die Stimme aus dem Off in bester Privatfernsehmanier und lässt dabei null ethische Bedenken an den Designer-Babydolls erkennen. Körperbau, Gesichtsform, Haar- und Augenfarbe, Körbchengröße, Kleidung und Accessoires, all diese „Komponenten“ stehen zur Wahl. Und Marcel, der Single aus Folge 1, greift ordentlich zu. Bei seinem Designspielchen kommt eine „dunkelhaarige exotische Hammerfrau“ heraus, natürlich mit „schönem Ausschnitt“. Was sonst!? Dieser Avatar ist die Vorlage für sechs nahezu identische Frauen aus Fleisch und Blut, die der Sender für Marcel per Plakataktion sucht. Im „Haus der Klone“ wird der Kaufmann aus Hamburg von den sechs Kandidatinnen schon erwartet. Vier Tage und vier Nächte darf er jede einzelne „testen“. Die richtige Einstellung bringt der Hahn im Korb selbstredend mit: „Ich lass’ nichts anbrennen“, sagt er. Stimmt. Seine Zunge steckt schon am ersten Abend in Fabianas Mund. Später in Isabellas. Dann in Susannes. So läuft der „Charakter-Check“ beim Doppelgänger-Dating.

Wenn es um die Herausstellung der physischen Merkmale bei der Partnerwahl geht, kann RTL 2 durchaus Expertise vorweisen. 2017 und 2018 lief auf dem Kanal „Naked Attraction“ (Tower Productions). Bei jenem Dating-Format rutschte die Gürtellinie buchstäblich so weit nach unten, dass die Kamera die unverhüllten primären Geschlechtsmerkmale in direkten Fokus nehmen konnte. Schimpf und Schande ging auf diese außergewöhnliche Form der Anatomiekunde herunter, und das nicht ganz zu Unrecht. Doch bei allem verwerflichen Voyeurismus ließ diese Show der nackten Tatsachen, wie es der „Stern“ treffend beschrieb, „erstaunlich viel Platz für Wertschätzung und Menschen, die nicht ganz so perfekt selbstoptimiert sind“. Bei „Game of Clones“ dagegen ist nix mit Individualität und Diversität und Ehrlichkeit und so. Die Klone sind allesamt auf das 90-60-90-Klischee optimiert: große Brüste, schlanke Taille. Sie tragen alle exakt die gleichen Outfits, das gleiche Make-up, den gleichen Schmuck. Mit Kontaktlinsen ist die gewünschte Augenfarbe passend gemacht. Ach du sechsfaches Lottchen!

Die Laborsituation von „Game of Clones“ wird verstärkt durch den steril-künstlichen SciFi-Look der Sets. So findet die anfängliche „Konfiguration der Traumfrau“ in der „Klonzentrale“ statt, deren Gebäudehülle allerdings nur virtuell im rechnergestützten Design entstanden ist. Das Drinnen ist ein stinknormales reales Studio und so schlicht, da hätten die Ausstatter der legendären ARD-Serie „Raumpatrouille“ (1966) mehr Grips ins Interieur zu stecken gewusst. Nicht weniger abweisend und abschreckend ist die komplett in grellem Weiß gehaltene „Klonvilla“ (in der britischen und französischen Variante von „Game of Clones“ sind wenigstens die Möbel bunt). Sie kann bei Weitem nicht mithalten mit dem luxuriösem Liebeszauber, mit der bei RTL die neue „Bachelor“-Show gerade wieder punktet: Während in diesem noch immer erstaunlich erfolgreichen Hochleistungsflirtformat aktuell (es läuft die 9. Staffel) ein Junggeselle namens Andrej sich mit gut einem Dutzend Damen unter der Sonne Mexikos verlustiert, reicht es beim „Picker“ genannten Junggesellen von RTL 2 nur für ein Haus im deutschen kleinstädtischen Irgendwo. Stürzt sich der RTL-Bachelor samt Gespielin am Bungee-Seil in einen spektakulären Canyon, springen die RTL-2-Klone ‘nur’ von einem Fabrikhallendach, was in der RTL-2-Sprache „Charakterprüfungs-Challenge“ heißt, aber de facto Fummel-Fernsehen in der Sparvariante ist.

Woran kein Mangel herrscht: Alkohol. Kaum eine Szene, in der die Protagonisten von „Game of Clones“ nicht ein Sektglas in der Hand halten und auf die große, große Liebe anstoßen. Man kann es aber auch so interpretieren: Die Klone trinken sich die peinliche Versuchsanordnung schön. Nüchtern wäre der Schmarrn auch nicht zu ertragen. Klaren Kopf scheint einzig die 19-jährige Lea in Folge 2 behalten zu haben. Sie steigt am ersten Abend freiwillig aus der Sendung aus: Es sei schwierig für sie, „in dieser kurzen Zeit aus sich herauszukommen“, gesteht sie dem Picker Marc, einem früheren Profi-Motorsportler. Nach dieser (womöglich auch inszenierten) Abfuhr kommentiert die Stimme aus dem Off wie beschwipst: „Da haut’s dem Marc glatt das Blech weg.“ Aber nicht lang. Da sind ja noch Jasmin, Sonja, Aneta etc. …

Damit wohl niemand auf die böse Idee kommt, dass sich der Sexismus in „Game of Clones“ allein gegen Frauen richte, ist das Geschlechterverhältnis in Folge 3 umgekehrt: eine Pickerin, sechs männliche Klone. Trotzdem nicht weniger schlimm. Bei RTL 2 war die Geschichte von Yana allerdings nicht mehr zu sehen. Weil sich das Zuschauerinteresse unterhalb jener Linie bewegte, die ein werbefinanzierter Sender zu verkraften bereit ist, war „Game of Clones“ fix nach Ausstrahlung der zweiten Folge (370.000 14- bis 49-jährigen Zuschauern bei einem Marktanteil von lediglich 2,6 Prozent) aus dem linearen Programm herausgeflogen; die restlichen zwei Folgen gibt’s nur über die RTL-Streaming-Plattform TV Now zu sehen (wo auch die ersten beiden Folgen noch abrufbar sind). Auf dem RTL-2-Sendeplatz am Donnerstagabend um 20.15 Uhr, wo „Game of Clones“ lief, werden jetzt wieder Frauen getauscht, mit prompt verdoppelten Marktanteilen (am 24. Januar: 770.000 Zuschauer und 5,5 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe). Das niveauvollere Fernsehen ist „Frauentausch“ gleichwohl nicht.

01.02.2019 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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