Achtung, die Dietrichs kommen! – Das Leben der etwas anderen Millionärsfamilie. 4-teilige Doku‑Soap mit Comedy‑Elementen (RTL 2)

Minimaler Spaß

28.02.2017 • Mit „minimaler Provokation maximale Reaktion erreichen“ – das war es, was den Komiker Christian Ulmen einst an seinen „psychologischen Experimenten“ in einer Reihe für den Privatsender Pro Sieben faszinierte: In dem Reality-Format „Mein neuer Freund“ (Produktion: Brainpool), ausgestrahlt im Jahr 2005, nistete sich Ulmen für ein Wochenende bei einer Kandidatin in der Wohnung ein, und zwar verkleidet, als liebenswerter Trottel Uwe Wöllner zum Beispiel. Dabei handelte es sich um ein besonders peinliches Männer-Mängel-Exemplar mit pferdeartiger Kauleiste, Speckbrille, Baseball-Käppi und Klamotten vom Discounter. Spielleiter Ulmen und seine „Mitspielerin“ gaben vor, befreundet zu sein, wobei er sich in den jeweiligen Rollen danebenbenahm wie ein Mensch gewordener Tinnitus, den man 72 Stunden lang aushalten muss. Die versteckte Kamera filmte. Nahmen Angehörige und der Freundeskreis der Kandidatin ab, dass diese Katastrophe die große Liebe oder zumindest der allerliebste Kumpel sei, gab es 10.000 Euro Belohnung.

Das war damals ein so unverschämter wie unverschämt unterhaltsamer Fernsehspaß, weil Ulmen das Fremdschämen zur unnachahmlichen Kunst am Siedepunkt des Echte-Menschen-Fernsehens erhob. Eine Kunst im Übrigen, die er über die Jahre immer weiterentwickelte. So lebte die Phantasiefigur Uwe in den Folgejahren in der ebenfalls bei Pro Sieben laufenden Real-Life-Satire „Who wants to fuck my girlfriend?“ fort. Aktuell provoziert Christian Ulmen in der Maxdome-Produktion „Jerks“ an der Seite des kongenialen Fahri Yardim sein Umfeld mit allerlei Peinlichkeiten, dies allerdings in einem rein fiktionalen Rahmen mit improvisierten Dialogen.

All das muss man jetzt ganz schnell vergessen, wenn man sich mit der RTL-2-Comedyreihe „Achtung, die Dietrichs kommen!“ befasst. Vom Grundprinzip her ähnelt das Format zwar Ulmens früheren Werken; bei der Ausführung liegen allerdings (Humor-)Welten dazwischen. Produziert wurde die vier Folgen umfassende RTL-2-Reihe von der Firma Endemol Shine.

Die Dietrichs – das sind Mutter Vera, Vater Jürgen, Tochter JayJay und Sohn Niko. Hinter diesen Phantasiefiguren stecken wenig bekannte Kleindarsteller aus dem komischen Fach. Sie geben vor, als angeblich einfache Familie aus dem Kohlenpott durch eine Erbschaft an viel Geld gekommen zu sein und jetzt mal bei den oberen Zehntausend mitmischen zu wollen. Villa, Porsche, Yacht und Trainerstunden im Golfclub inklusive. „Eine Familie, viel Geld und ganz wenig Stil“, so heißt es im Intro – und damit ist der Inhalt dieses Reality-Formats klar umrissen. Es braucht auch nicht viel Phantasie, um diese Kurzbeschreibung auf eine andere Millionärsfamilie aus dem Hause RTL 2 umzumünzen: „Die Geissens“ aus Köln, die bereits in mehr als 200 Episoden ihr „schrecklich glamouröses“ Familienleben zwischen Monaco und dem Rest der Welt zur Schau gestellt haben, gehören zum Inventar des Trash-TV.

In puncto Protz und Proll kommen Vera und Jürgen Dietrich (dargestellt von Christiane Olivier und Markus Krebs) mit ihrer Bling-Bling-Optik und den oft fragwürdigen Umgangsformen Carmen und Robert Geiss tatsächlich sehr nahe. Das echte Millionärspaar lädt ja auch geradezu zur Persiflage ein: Markus Krebs beherrscht das perlweiß-blitzende Grinsen genauso gut wie Robert Geiss und Christiane Olivier teilt mit Carmen Geiss die Vorliebe für High Heels und leberwurstpellenartige Kleidung.

Die „Fernsehkinder“ von Christiane Olivier und Markus Krebs werden von Tobias von Freyend und JayJay Jackpot gespielt. Letztere, ein blondiertes, grell geschminktes Kunstwesen, hat sich über den eigenen YouTube-Kanal mit „Erklär-Videos“ zu einer Art Star des Bildungsprekariats entwickelt, mit Aufträgen auch von den ‘klassischen’ Medien wie der RTL-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ oder bild.de. Bei den „Dietrichs“ auf RTL 2 ist JayJay in ihrer einstudierten Rolle der Ghetto-Barbie zu sehen. Ihrer Fernsehmutter erklärt sie einmal, was „Färöer-Lachs“ ist: „Das sind die, die immer 0:6 gegen Deutschland verlieren [...], das ist ein Loser-Lachs.“ Nun ja. Kann man lustig finden. Muss man nicht.

Im Unterschied zu den echten Geissens haben die falschen Dietrichs die Aufgabe – und da ist das Format mehr Verlade-Comedy nach Ulmen-Art als Doku-Soap-Persiflage –, ihr Umfeld durch schlechtes Benehmen absichtlich bis zum Geht-nicht-mehr zu reizen: Im Sterne-Lokal packt Papa Jürgen die Käsestulle aus, in der Skihalle pullert er in den Kunstschnee. Mama Vera kippt bei der Villenbesichtigung eine teure Vase um und JayJay erschreckt bei ihrem Streben, ein großer Popstar zu werden, mit ihrer Krächzstimme die Gesangslehrer.

Die Dietrichs provozieren also maximal – doch die Reaktion ist minimal. Und das liegt daran, dass ihre jeweiligen Opfer, also der Restaurantchef, der Skilehrer, die Maklerin, der Fahrlehrer, in dem Glauben sind, Protagonisten einer Doku-Soap über die neureiche Millionärsfamilie Dietrich zu sein. Sie wissen, anders als bei den diversen „Candid-Camera“-Klonen, dass sie vor einer Kamera agieren. Und zügeln deshalb ihre Fassungslosigkeit ob der Dietrichschen Unverschämtheiten. Selten, dass ein Opfer, wie im Nobelrestaurant geschehen, irgendwann aus purer Verzweiflung das Kamerateam heranwinkt und um Abbruch der Dreharbeiten bittet. Bevor es dazu kommt, wird die Situation recht lieblos aufgelöst: „Ist ja nur Spaß.“

Nein, mit Spaß hat das aus Zuschauersicht nur minimal zu tun.

28.02.2017 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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