Detlef Soost – Der Talk. Nachmittags-Talkshow, 22 Folgen (RTL 2)

Enthemmte Kommunikation

31.10.2017 •

Himmel, selbst Jesus hätte nichts mehr retten können an dieser Fernsehmisere. Und das lag nicht daran, dass jener Mann, der an einem, huuuuuuuuuh, schaurigen Oktober-Freitag, dem 13., die neue Sendung von Detlef Soost im RTL-2-Nachmittagsprogramm beehrte, so gar nichts Jesushaftes an sich hatte außer seinem Vornamen. Die Haare kurz und dunkel, der Umfang rund (sehr rund sogar) und bespannt mit einem sportiven Polohemd stellte sich Jesus, 39, als „Geistheiler“ vor, der die negative Energie aus seinen Kunden quasi heraussaugt, auf dass es ihnen bessergeht. Wer’s glaubt... Der Moderator dieser speziellen Ausgabe von „Detlef Soost – Der Talk“ jedenfalls tat es (auch) nicht. Das spricht für ihn, nicht fürs Format und seine Inhalte.

Vier Wochen und eine halbe hat RTL 2, der Trashkanal aus München-Grünwald mal wieder, muss man sagen, die Grenzen des guten Fernsehgeschmacks ausgetestet und mit Talk-Titelgeber Detlef Soost ein Genre kurzzeitig wiederbelebt, das man eigentlich schon längst auf dem Fernsehfriedhof wähnte: die werktägliche Nachmittags-Talkshow.

Für alle, die in den 1990er Jahren noch nicht oder gerade erst auf der Welt waren, hier eine kurze Rückblende: Mit Hans Meiser fing es 1993 bei RTL an. Die bis dato den Nachmittag füllenden US-amerikanischen Serien mussten im RTL-Programm einem hierzulande neuen Fernsehgenre Platz machen, das bald schon als „Pöbel-Talk“ gebrandmarkt wurde, sich schnell aber auch bei Sat 1 („Vera am Mittag“), Pro Sieben („Arabella“) und sogar im öffentlich-rechtlichen Ersten („Fliege“) ausbreitete. Fortan wurde, insbesondere bei den Privaten, gepöbelt, bis die Galle platzt. Töchter bekannten sich zum Berufswunsch Pornostar, Mütter rangen mit nymphomanen Großmüttern, Söhne prahlten mit ihrer Potenz.

So höchst emotional und höchst dramatisch wurden all diese Beziehungsprobleme im Fernsehtalk verhandelt, als hätte sich das lautstarke Theater ein kreativer Kopf erst ausgedacht und im Nachhinein die passende Besetzung mit Laiendarstellern dafür zusammengesucht. (Im Fall von „Annica Hansen – Der Talk“, 2012 wenige Wochen auf Sat 1 gesendet, war das tatsächlich so!) Ob komplett gescripted oder nur gut gecastet – die wahre „Queen of Daily Talk“ hieß Britt Hagedorn und hielt sich mit ihrem „Talk um eins“ unfassbare zwölf Jahre auf dem Sat-1-Schirm, bis sie als letzte ihrer Zunft 2013 den Talk-Betrieb einstellte. Und es ward Ruhe. Bis zu diesem Herbst auf RTL 2.

„Detlef Soost – Der Talk“, produziert von der Münchner Firma Constantin Entertainment, unterscheidet sich nun nicht wesentlich von dem, was Britt & Co. in den Jahren zuvor um die Mittagszeit anstellten. Auch hier treffen solariumgebräunte Langhaaramazonen mit prächtiger Körperbemalung an Armen, Beinen und sonstwo auf muskelbepackte Testosteronbomber, die häufig an einer markanten sch-Schwäche leiden („Isch bin“), aber nie und nimmer an unterentwickeltem Selbstbewusstsein. Sie reden dann an einem sehr nüchtern gestalteten Stehtisch (bei „Hans Meiser“ wurde noch gesessen!) über Themen wie diese: „Ich bin zu geil für diese Welt“, „Golddigger – Ich suche einen reichen Partner“ oder „Operationen: Was an dir ist eigentlich noch echt?“. Diejenigen, die auch den Moderator der Sendung rein optisch exakt in jene männliche Gästeschublade einordnen würden, liegen sicher nicht ganz daneben, nur dass Detlef „Ick bin“ Soost gepflegt berlinert.

Soost wer nochmal? Für all jene, die auch in den Nullerjahren noch nicht oder gerade erst auf der Welt waren, hier ein kurzer biografischer Einschub: Als strenger Tanzlehrer und Choreograph Detlef D! Soost lehrte der Berliner, Jahrgang 1970, in der Castingshow „Popstars“ (zunächst bei RTL 2, dann bei Pro Sieben) mehrere Kandidatengenerationen das Fürchten. Irgendwann – man wird ja nicht unbedingt gelenkiger – verstieg er sich auf Wellness und Coaching. Das D! für Dance im Künstlernamen verschwand, die Attitüde des Dompteurs blieb, was in so einer Talkshow wie bei RTL 2 auch vonnöten ist. Wobei selbst ein Detlef Soost an seine Grenzen stößt, wie jene Sendung exemplarisch zeigte, in der es um Frauen ging, die, statt zu arbeiten, von der Zuwendung von wohlhabenden Männern leben: Als Sunny auf Sandy verbal losgeht („Lass doch einfach mal dein Gehirn auf Erbsengröße aufblasen!“) und dann auch noch Denise auf Sunny rumhackt, kommt Soost mit seinem „Freunde-der-Sonne-beruhigt-euch“-Appell nicht weiter. Entnervt richtet er sich direkt an die Fernsehzuschauer, als wäre er nicht selbst Teil des Exzesses: „Drei Weiber hier am Tisch – ick dreh durch. Echt! Mann ey!“

Überhaupt fixiert Moderator Soost sehr oft die Kamera, sucht quasi die Komplizenschaft des Publikums, um sich aus dem Schmuddel der Talk-Arena wenigstens für einen Moment zu erheben. Ritual jeder Sendung ist sein versöhnliches Schlusswort am Ende: „Liebe Zuschauer, Frieden, der kann nur von innen kommen.“ Pastoral wie einst der öffentlich-rechtliche Jürgen Fliege, ausgebildeter Theologe, kommt Soost dann daher und will damit wohl versuchen, größtmögliche Distanz zu Britt und all den anderen Krawallschwestern und -brüdern von einst zu schaffen. Nun ja, es ist bloß ein Versuch, es ist eine neue Sendung, die man sich mal anschauen kann, um zu sehen, wie RTL 2 das heute so macht.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang etwa, dass der Sender auch schon mal selbst vor den Risiken und Nebenwirkungen des Soost-Talks warnte. So wurde der Humbug in der Jesus-Folge für die Zuschauer mit einer Art Beipackzettel versehen: „Geistiges Heilen ersetzt keinen Arzt und keine Medikamente. Bei Beschwerden suchen Sie bitte immer Ihren Hausarzt auf.“ Vorausgegangen war dieser Einblendung freilich ein längerer Disput zwischen Jesus und Marcel. All die in der Sendung demonstrierten „Prozesse im Unsichtbaren“ (Jesus) machten auf Marcel, der „Kristallglotzer und Handleser“ für „Abzocker“ hält, keinen Eindruck. Im Gegenteil, der Mann war auf 180, was nicht schön für seinen Blutdruck war, aber den von den Fernsehleuten gewünschten Zoff in der Quasselbude brachte.

Man muss nicht in den Neunzigern die volle Dröhnung Daily Talk mitbekommen haben, um festzustellen, dass diese Art der enthemmten Kommunikation auch im Jahr 2017 schwer zu ertragen ist. Für RTL 2 war das Talk-Experiment ein Quotendesaster: selten mehr als vier Prozent Marktanteil bzw. 130.000 Zuschauer in der jüngeren Zielgruppe; manchmal (wie am 10. Oktober) schauten sogar nur 80.000 14- bis 49-Jährige zu (Marktanteil: 2,8 Prozent). Jesus konnte, so steht’s in der Bibel, aus Wasser Wein machen. RTL 2, das zeigen die vergangenen Wochen mit Detlef Soost, kann Trash nicht in Fernsehgold umwandeln. Halleluja! Eine Fortsetzung wird es sicher nicht geben.

31.10.2017 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 17/2019

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