Katja Röder/Fred Breinersdorfer/Urs Egger: Ein Kind wird gesucht (ZDF/Arte)

Intensiv, beklemmend, ungewöhnlich

06.11.2018 • Mitten hinein ins Geschehen wirft dieser Film seine Zuschauer. Er beginnt damit, dass Mirco verschwunden ist, sein Bett ist leer, der Zehnjährige ist am Vorabend nicht nach Hause gekommen. Und er wird auch nie wieder nach Hause kommen – trotz einer der größten Suchaktionen, die je in Deutschland durchgeführt wurden.

Der Fernsehfilm „Ein Kind wird gesucht“ (Produktion: Lailaps Pictures) basiert auf einem echten Fall, dem des 2010 in der Nähe von Grefrath in Nordrhein-Westfalen ermordeten Mirco Schlitter. Das Drehbuch haben Katja Röder und Fred Breinersdorfer auf Grundlage der Bücher entwickelt, die Mircos Eltern Sandra und Reinhard Schlitter und der federführende Ermittler Ingo Thiel später darüber geschrieben haben. Weshalb die Protagonisten im Film auch bei ihren Klarnamen genannt werden und man sich bei dieser Produktion auch nicht so sehr am fernsehüblichen fiktionalen Erzählen, sondern an einer eher nüchternen, sachlichen Bestandsaufnahme orientiert hat.

Der Film nimmt sowohl die Perspektive der wartenden, hoffenden, bangenden Familie Mircos ein wie auch die der monatelang nach der sprichwörtlichen Stecknadel im Heuhaufen suchenden Polizisten in den Blick. Und er tut dies auf eine streckenweise fast dokumentarisch anmutende Weise: Man sieht Polizeiarbeit in all ihrer Akribie, in all ihrer Wiederholung und auch Langeweile – doch langweilig ist dieser Film deshalb mitnichten, im Gegenteil. „Ein Kind wird gesucht“ ist spannend, intensiv und fesselnd, auch noch, wenn es um Tag 112 oder 136 dieser schier endlosen Suche geht.

Überaus stimmig greift hier die Arbeit von Buch, Regie und Schauspielern ineinander, aber auch Kamera, Ton und Kostüm überzeugen. In gedeckten Farben und fast ohne Musik erzählt Regisseur Urs Egger von der völlig unerträglichen Zeit von Mircos Verschwinden bis zum Auffinden seiner Leiche nach 145 Tagen. Die „SOKO Mirco“ war dem Film zufolge die bis dato größte in der Bundesrepublik, was hier in allen Einzelheiten zu sehen ist: Da werden Mantrailing-Hunde eingesetzt, Seen durchtaucht, Wälder und Wiesen durchforstet, Straßensperren errichtet, Telekommunikationsdaten gecheckt, Tausende Hinweise ausgewertet, die fragliche Region wird von zwei Tornado-Flugzeugen mit Wärmebildkameras abgeflogen, unzählige Autos werden nach Spuren abgesucht und sogar Mülleimer werden beschlagnahmt und durchwühlt.

Ingo Thiel, der oberste Ermittler, ist bei alldem die treibende Kraft. Hart und rücksichtslos gegenüber sich selbst, seiner eigenen Familie und seinem Team beharrt er darauf, weiterzusuchen und keine Kosten und Mühen zu scheuen, um den verschwundenen Jungen zu finden. Heino Ferch spielt diesen Ermittler gewohnt überzeugend, zurückgenommen und ungeduldig-leidenschaftlich zugleich. Thiel ist der offensichtliche Held im Zentrum des Films, doch eine reine Hagiografie wird trotzdem nicht daraus – da ist allein schon die Tatsache vor, wie die Polizisten anfangs versuchen, Mircos Eltern gegeneinander auszuspielen und sie zum gegenseitigen Ausspionieren anzustiften.

Sandra und Reinhard Schlitter sind neben Ingo Thiel die zwei eher ‘stillen’, aber nichtsdestotrotz präsenten Helden. Silke Bodenbender gibt die Mutter geradezu grandios. Und zwar nicht primär deshalb, weil sie dabei Mut zu einem sehr durchschnittlichen Äußeren zeigt, sondern vor allem, weil man dieser von ihr dargestellten Mutter all deren auch widerstreitende Gefühle abnimmt, selbst wenn man nicht etwa dasselbe fast grenzenlose Gottvertrauen hat, über das die tiefgläubigen Schlitters verfügen (und das ihnen großen Halt gibt). Auch Johann von Bülow als zwischenzeitlich an seinem Glauben zweifelnder Vater stellt seine Figur höchst feinfühlig und stimmig dar. Ohnehin ist es bemerkenswert, wie hier Glaube und Gottvertrauen eine wesentliche Rolle spielen und dabei ernstgenommen werden, ohne aber andererseits im Zentrum des Films zu stehen, ohne dessen primäres Thema zu sein. Ein solch selbstverständlicher, ganz ‘normaler’ Umgang mit Religion ist eher selten in deutschen Fernsehfilmen.

Überhaupt ist das Bemühen, die Geschichte und die Figuren weder dem Voyeurismus noch dem schnellen Effekt zu opfern, diesem ungewöhnlichen Krimi stets anzumerken. Ein leiser, sensibler Ton prägt den Film, der nüchtern zeigt, was war. Nur in Nuancen werden die realen Geschehnisse um zusätzliche dramatische Elemente ergänzt: So erzählt etwa Johann von Bülow im Presseheft zum Film, dass man aus Gründen der größeren dramaturgischen Spannung die Gotteszweifel des Vaters im Drehbuch stärker betonte. Doch auch hierbei bleibt der jetzt im ZDF als „Fernsehfilm der Woche“ zu sehende und am 15. Dezember 2017 bei Arte zuerst gezeigte Neunzigminüter „Ein Kind wird gesucht“ dezent und pietätvoll. Ein beklemmender Film, der seinem schwierigen Sujet in jedem Moment angemessen begegnet. (Die Zuschauerzahl bei der ZDF-Ausstrahlung betrug 5,46 Mio Zuschauer, der Marktanteil lag bei 17,0 Prozent.)

06.11.2018 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 24/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren