Dirk Kämper/Lothar Machtan/Christoph Röhl: Kaisersturz (ZDF)

In dieser Güte nicht häufig

05.11.2018 •

Als das Jahr 1918 heraufzog, erkannte noch kaum jemand die Gewitterwolken, die sich mehr und mehr über Europa und seine Monarchien ausbreiteten. Unruhe war hier und da wohl zu spüren, doch war sie – zumindest für die damaligen Herrscherhäuser – kaum wahrnehmbar. Zu sehr war man mit seinen eigenen Visionen beschäftigt, nicht zuletzt der Ausdehnung der Macht, aber auch einer geschickten Heiratspolitik, so wie es die österreichische Kaiserin Maria Theresia und die englische Königin Victoria vorgemacht hatten. Auch in Berlin galt für den preußischen Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Viktoria Ähnliches.

Der historische Hintergrund ist komplex und lässt sich in einer fiktional angereicherten Dokumentation nicht vollständig wirklichkeitsgetreu wiedergeben. Die Intention der beiden Autoren des ZDF-Doku-Dramas „Kaisersturz“, Dirk Kämper und Lothar Machtan, konnte dies auch nicht sein. Gewollt war „eine Spielhandlung, die dokumentarisch verwurzelt ist und wahre Geschehnisse erzählt“, so der Koautor, Historiker und Fachberater Lothar Machtan, der als Professor an der Universität Bremen lehrt.

Zwei Handlungsstränge dominieren in dem 90-minütigen Film. Zum einen der historische, der vor allem das bereits marode Krisenmanagement des Kaiserreichs nachzeichnet. Die politische Führung wird als machtbewusstes, aber kaum mehr handlungsfähiges Ensemble dargestellt. Allen voran der deutsche Kaiser, in Personalunion oberster Befehlshaber des Heeres, der als ebenso schwach wie seine Entourage gezeigt wird und als Mensch, der nicht in der Lage und schon gar nicht willens ist, sein Versagen zu erkennen und daraus Schlüsse zu ziehen. Im Gegenteil: Er hält sich für den Herrscher gleichsam von Gottes Gnaden, dem niemand zu widersprechen hat.

Widerspruch wagt auch Kaiserin Auguste Viktoria nicht, mit der ihn – glaubt man der auf authentisches Material gestützten Interpretation der beiden Autoren – eine respektvolle Beziehung und Zuneigung verband. Die Gewissheit des Kaisers („Gott ist mit uns“) ist auch Auguste Viktorias Gewissheit. Eine andere Regierungsform als die der Monarchie ist für beide nicht denkbar. Abgeschirmt im prachtvollen Neuen Palais in Potsdam nehmen sie die erdbebenartigen Verwerfungen überall außerhalb ihrer Welt nicht wahr – und konnten es wohl auch nicht. Ähnlich wie ihre Verwandten auf dem Zarenthron.

Die historischen Verwicklungen verknäueln sich zum gordischen Knoten. Auch den sozialistischen Kräften mit Friedrich Ebert an der Spitze gelingt es nicht, ihn zu zerschlagen – wobei der Film Zweifel an dem unbedingten Willen zum Umsturz seitens führender Sozialdemokraten lässt. Zu verführerisch sind Angebote, sich mit dem „Ancien Régime“ zu arrangieren, oft mit der gut gemeinten Begründung, dadurch Schlimmeres – und das heißt Blutvergießen – zu verhindern. Ebert sieht sogar einen Bürgerkrieg voraus. Reichskanzler Prinz Max von Baden, ein Vetter Kaiser Wilhelms, verkündete dann am 9. November 1918 dessen Abdankung, die auch die seines Sohnes, Kronprinz Wilhelm von Preußen einschließt. Juliana, Königin der Niederlande, war bereit, dem Kaiser und seiner Familie Asyl zu gewähren. Er nahm an. Verbürgt ist dazu sein Ausspruch: „Das deutsche Volk ist eine Schweinebande. Wilhelm II. ging ins Exil ins Haus Doorn in der Provinz Utrecht.

Die Emigration des Kaisers bedeutete, dass ein neuer Reichskanzler gefunden werden musste, denn Max von Baden verweigerte sich aus dynastischen und persönlichen Gründen. Friedrich Ebert übernahm – wenn auch nicht ohne Skrupel – dessen Amt als Reichskanzler. Am 11. Februar 1919 wurde er schließlich zum Präsidenten der neu gegründeten Weimarer Republik ernannt. Die Zeitenwende war besiegelt.

Regisseur Christoph Röhl führt das große Ensemble der handelnden Personen sicher durch die Darstellung einer krisengeschüttelten Epoche. Es gelingt ihm dabei, auf Klischees – hie Adel, dort Arbeiter – zu verzichten. Die Personen sind allesamt den Zwängen ihrer Epoche und ihres jeweiligen Standes ausgesetzt und sozusagen Gefangene ihrer Situation.

Die Kaiserin, geboren 1858 als Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, hatte sich ohne erkennbaren Widerspruch in die Konventionen des preußischen Hofes gefügt. Sechs Söhne und als jüngstes Kind eine Tochter entstammten dieser Ehe, von der einige Kommentatoren meinen, sie sei eine Liebesheirat gewesen. Regisseur Röhl lässt sich nicht dazu verleiten, daraus eine Love Story avant la lettre zu machen. Die Kaiserin bleibt schön und reserviert. Bis zu ihrem letzten Tag.

Mit unnachahmlicher Souveränität wird diese auch wegen ihrer Gläubigkeit und Wohltätigkeit beim Volk durchaus beliebte Herrscherin („Kirchenjuste“ nannten sie die Berliner) von Sunnyi Melles dargestellt. Offensichtlich hat diese hervorragende Schauspielerin ihren heimlichen Spaß daran – hat sie doch selbst vor über zwanzig Jahren in den deutschen Hochadel eingeheiratet. Kostüm und Maske tragen dazu bei, aus der Kaiserin die Frau zu machen, die ihr Mann und ihr Vater „Dona“ nannten. Beide müssen sie als Geschenk empfunden haben (Donata = die Geschenkte, die von Gott Geschenkte).

Etwas unglücklich in seiner Rolle als Kaiser scheint sich Sylvester Groth gefühlt zu haben, auch wenn sein schauspielerisches Können dem von Sunnyi Melles in nichts nachsteht. Dennoch lässt die Regie auch dieser Rolle ihre ganz persönlichen Züge, ohne sie zu verkitschen oder gar zu verteufeln. Beides wäre denkbar gewesen. Christian Redl zeigt Friedrich Ebert als harten Kämpfer und gewieften Politiker ohne auffällige menschliche Regungen. Einzig seiner Frau Louise (Gerti Drassl) zeigt er seine Empfindungen und seine Skrupel.

So setzt sich durch diesen Film ein Gesamtbild um die Geschehnisse von vor hundert Jahren zusammen und um die Menschen, die den Sturz des Kaisers herbeigeführt bzw. erlitten haben. Kameratechnisch hervorragend gestaltet, unterstützt durch eingespielte Originalaufnahmen, ergibt sich in der Summe eine fiktionalisierte Dokumentation, wie man sie in dieser Güte nicht häufig sieht.

05.11.2018 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK