Christoph Silber/Thorsten Wettcke/Hans Steinbichler: Walpurgisnacht – Die Mädchen und der Tod. 2‑teiliger Fernsehfilm (ZDF)

Nadja im dunklen Haus

21.02.2019 •

„Psycho“ lässt grüßen: Die Auflösung des Krimis und Thrillers „Walpurgisnacht – Die Mädchen und der Tod“ zitiert ganz selbstbewusst den Hitchcock-Klassiker aus dem Jahr 1960. Auch in „Walpurgisnacht“ gibt es – Achtung, Spoiler! – einen Mann mit gespaltener Persönlichkeit, der in die Identität einer toten Frau schlüpft, um jungen Frauen zu töten. Auch dieser Mann lebt abseits der Menschen in einem düsteren Haus – wenn auch nicht im US-amerikanischen Westen, sondern im deutschen Mittelgebirge, im Harz. Schierke heißt sein Heimatdorf, es ist die letzte Ortschaft unterhalb des Brockengipfels. Und der wiederum ist aus Sagen und Legenden als Blocksberg und Hexentanzplatz in der Walpurgisnacht bekannt. Womit sich der Kreis zum Titel und zur düster-mysteriösen Anmutung dieses zweiteiligen ZDF-Fernsehfilms schließt.

Dabei hat dieser Karl Albers (Ronald Zehrfeld) auf den ersten Blick so gar nichts gemein mit Norman Bates, dem Psychopathen aus Hitchcocks berühmten Filmklassiker: Der Polizist ist scheinbar gut integriert, kennt alles und jeden, wird gemocht und geschätzt von den Menschen in seinem Heimatdorf. Dass er sich im Privaten bedeckt hält und jenseits der Arbeit den Kontakt zu seinen Mitmenschen scheut, schiebt man zunächst auf seine zurückgezogen lebende, pathologisch eifersüchtige Ehefrau (Jördis Triebel).

In kleinen Schritten bekommt dieses Bild Risse. Da ist die Bemerkung eines Dorfbewohners, dass Albers’ Frau Doris ihn ja vor über zehn Jahren verlassen habe. Oder die Recherche seiner West-Kollegin Nadja Paulitz (Silke Bodenbender), die eine angebliche Republikflucht von Doris Albers zutage fördert. Denn wir befinden uns in der DDR des Jahres 1988. Die Polizistin Paulitz vom hessischen Landeskriminalamt (LKA) ist in den Osten gereist, um gemeinsam mit Karl Albers und dessen Vorgesetztem, Hauptmann Lothar Wieditz (Jörg Schüttauf), im Fall einer ermordeten West-Touristin zu ermitteln. Tatsächlich gab es keine solche deutsch-deutsche Polizeikooperation, wie sie in „Walpurgisnacht“ (Produktion: Wiedemann & Berg) dargestellt ist; die Drehbuchautoren Christoph Silber und Thorsten Wettcke haben sich die grenzüberschreitende Ermittlungsarbeit ausgedacht.

Doch es bleibt nicht bei dem einen Mord. Bald liegt Steffi, die nach Ruhm und Bestätigung gierende Vize-Miss-Harz, tot vor der Kirche. Wie der West-Touristin wurde auch ihr eine Zehe abgeschnitten – und wie jene hat auch sie einen kleinen Reisigbesen bei sich. Letztere führen zu den selbstgebastelten Hexenfiguren des religiösen Außen­seiters Jörg Spengler. Als der beim Festnahmeversuch ins tödliche Schussfeuer der Grenzschützer gerät, am nächsten Tag allerdings die nächste Frauenleiche im Wald liegt, ist klar, dass man den Falschen im Visier hatte. Überhaupt gelingt es Buch und Regie von Anfang an gut, zahlreiche Fährten auszulegen, mit dem Mikrokosmos dieses abgeschiedenen Dorfes viele potenziell Verdächtige einzuführen und die Whodunit-Spannung (durchaus Hitchcock-like) bis zum Schluss zu halten.

Ganz ohne Klischees läuft das nicht ab. So ist der seltsame Einzelgänger Jörg ein recht schematischer Protagonist, wie man ihn schon zu oft gesehen hat. Auch andere Elemente des Films sind zu wenig aus der Story und den Figuren heraus begründet, als dass sie überzeugen würden. Eine klassische Thriller-Situation wie die mit einer Person, die sich aufgrund verdächtiger Geräusche nachts alleine durch ein dunkles Haus tastet, funktioniert nur dann richtig gut, wenn dieses Verhalten für den Zuschauer nachvollziehbar ist – und einer Ermittlerin wie Nadja Paulitz nimmt man dann aber so viel Naivität dann doch nicht ab, dass sie nicht einmal das Licht anschaltet.

Ohnehin bleibt ausgerechnet die Figur der Nadja blass – was angesichts einer Top-Schauspielerin wie Silke Bodenbender doppelt schade ist. Doch gesteht das Drehbuch der LKA-Ermittlerin außer einem Hang zum Profilertum einfach zu wenige Facetten zu. Eine Scharte, die selbst die hier unterforderte Silke Bodenbender nicht auswetzen kann. Bei ihrem Gegenpart Karl Albers gelingt die Anlage des Charakters deutlich besser. Bei diesem von Ronald Zehrfeld als „Allerweltsmann“ gespielten Polizisten schillern trotz oder gerade aufgrund der betont harmlosen Fassade schon eher Geheimnisse und Abgründe. Allerdings nimmt die Figur zuletzt etwas Schaden durch das dick aufgetragene Ende.

Dennoch hat die von Hans Steinbichler inszenierte Mischung aus Krimi, Thriller und deutsch-deutscher Geschichte ohne Frage ihre Stärken. Die bedächtige Erzählweise passt gut zu der deutlich langsameren Zeit und dem verschlafenen Ort des Geschehens. Schön ist zudem, dass die hier Ermittelnden keine Superhelden, sondern betont normale Menschen sind (was sich erst kurz vor Schluss ändert). Auch wird die trist-abgeschiedene Atmosphäre des Schauplatzes von Kamera und Musik stimmig eingefangen, so dass sich die Sehnsucht der Schierker Dorfjugend nach Leben, Glanz und Freiheit spürbar vermittelt. Und ganz am Ende schließlich erlaubt sich der Film in all seiner Düsternis sogar einen schönen kleinen Witz: nämlich den, dass die Sache mit den Zehen gemeinerweise einfach nicht aufgelöst wird.

21.02.2019 – Katharina Zeckau/MK