Nadia Nasser/Carola Wedel/Stephan Merseburger: Die Ära Kosslick – 18 Jahre Berlinale (ZDF/3sat)

Flickenteppich

21.02.2019 •

Neben den Festivals in Cannes und Venedig zählt die Berlinale zu den wichtigsten Ereignissen der Branche. Seit 2001 wurden die Geschicke der Internationalen Filmfestspiele Berlin von einem Mann geprägt, der sich jetzt verabschiedet. Das ZDF und 3sat nahmen das Ende einer bedeutenden Dienstfahrt zum Anlass, um auf die „Ära Kosslick“ zurückzublicken: Die 69. Internationalen Filmfestspiele (7. bis 17. Februar) sind die letzten für Dieter Kosslick. Die Kamera begleitet den noch amtierenden Festivaldirektor, wie er atemlos von Termin zu Termin jettet. Off-Kommentar: „Die mit den Reisen verbundenen Strapazen steckt der 70-Jährige weg.“ Parallel dazu rekapituliert der Film die Geschichte der Berlinale, deren Höhepunkte der vergangenen zwanzig Jahre von Schauspielstars kommentiert werden, darunter Jeff Goldblum, George Clooney und Tilda Swinton, die sich mit ihrem Lob für Dieter Kosslick gegenseitig überbieten.

Wer also ist dieser Mann, der laut Einschätzung der „taz“ die „Aura eines Sparkassenfilialleiters“ hat und dem trotzdem charismatische Hollywood-Größen zu Füßen liegen? Der Film skizziert das Bild eines unverkrampft sich gebenden Machers, der der Berlinale endlich mehr Glamour eingebracht hat. Im Gegensatz zu seinem steifen und bürokratisch anmutenden Vorgänger Moritz de Hadeln, der die Berlinale von 1980 bis 2001 leitete, hat der Mann mit dem Schlapphut und dem roten Schal keine Berührungsängste mit Hollywood-Größen, weil er, wie Kosslick von sich selbst sagt, Humor habe – „was man von einem Deutschen nicht erwartet“. Außerdem öffnete Dieter Kosslick die Berlinale für den deutschen Film, der vorher fast nur auf den kleineren Festivals in Hof und Saarbrücken dabei war. Für Karrieren wie die von Fatih Akin, der mit „Gegen die Wand“ 2004 den Goldenen Bären gewann, oder die von Tom Tykwer und auch noch von anderen Filmmachern fungierte der Berliner Festivalleiter als „Karriere-Booster“.

Dabei hat Kosslick die Berlinale auch zu einem „Publikumsfestival“ gemacht. Nirgendwo sonst gelangen Zuschauer so problemlos an Kinokarten für ein solches Festival. Dank Kosslicks Initiative wird der rote Teppich sogar vor kleinen Kinos in Berlin ausgerollt, wodurch sich der Kontakt zwischen Filmleuten und Zuschauern intensivierte. Der Festivalleiter, so ein weiterer Aspekt der Dokumentation, sei kein idealistischer Träumer, er wisse, dass Filme finanziert werden müssen. Er habe daher die Bedeutung des Marktes erkannt und die Berlinale zu einem wichtigen Treffpunkt für das internationale Filmgeschäft gemacht.

Das „Alleinstellungsmerkmal“ der Berlinale, so der Tenor des Films von Nadia Nasser, Carola Wedel und Stephan Merseburger, sei jedoch die politische Dimension des Festivals. Zwischen dem Goldenen Bären, den Michael Winterbottom 2003 für seine über pakistanische Migranten handelnde Semidokumentation „In This World“ erhielt, und dem für das Lampedusa-Drama „Fuocoammare“ („Seefeuer“), das die begehrte Auszeichnung 2016 gewann, schließt sich ein thematischer Kreis. Es habe den Anschein, als hätte Kosslick durch seine Filmauswahl die Bedeutung der sogenannten Flüchtlingskrise schon zu Beginn der Jahrtausendwende vorausgeahnt. In diesem politischen Kontext weist die Dokumentation auch auf Kosslicks Engagement für den Iraner Jafar Panahi hin. 2011 wurde der renommierte Regisseur in die Jury des Festivals berufen, wo er aber nicht anwesend sein konnte, da er im Iran wegen regimekritischer Aktivitäten inhaftiert worden war. Das Bild seines leer gebliebenen Platzes, das der Film zitiert, ging durch die Weltpresse.

Das Festival war aber bekanntlich schon immer sehr politisch ausgerichtet. Da die Dokumentation den Eindruck erweckt, als habe Dieter Kosslick die politische Bedeutung der Berliner Filmfestspiele mehr oder weniger erfunden, gerät der Film streckenweise zur Hofberichterstattung. Wenn Kosslick, wie hier nahegelegt wird, tatsächlich ein Heilsbringer des deutschen Films und der Kinokultur ist – warum eigentlich gewährt das Fernsehen seiner „Ära“ dann nur einen knapp 40-minütigen Rückblick in Form eines verlängerten Magazinbeitrags? Ein Filmchen, das als Erstausstrahlung weit nach Mitternacht im ZDF-Hauptprogramm versendet wurde? Im atemlosen Stil à la „Europe in ten days“ werden dabei knapp zwanzig Jahre Berlinale durchgehechelt. Kritik? Gibt es auch, aber die bleibt vage. So wird beispielsweise die Bedeutung jenes offenen Briefs, in dem namhafte Filmschaffende im vergangenen Jahr, darunter auch Fatih Akin, die grundlegende inhaltliche Ausrichtung der Berlinale Festivals unter Kosslick bemängelten und einen Führungswechsel forderten, weil dem Festival ein „künstlerisches Herz“ fehle, nicht wirklich deutlich.

Wenig zu erfahren ist auch über den Werdegang Kosslicks, der sich mit SPD-Stallgeruch von einer Werbeagentur zum Redenschreiber des ehemaligen Hamburger Bürgermeisters Hans-Ulrich Klose und schließlich zum Geschäftsführer der wirtschaftlich einflussreichen Filmstiftung NRW hocharbeitete. Ein Thema wie das Eindringen der Streaming-Anbieter Netflix und Amazon ins Filmbusiness, was in Cannes und Venedig unlängst für Diskussionen sorgte, wird in der Dokumentation ebenfalls ausgespart.

Zusammengehalten wird der Film von Off-Kommentaren über Spielfilme, die auf der Berlinale liefen. Über Tom Tykwers misslungenen Film „Heaven“ heißt es, er sei „ein poetisches Drama um eine Terroristin und einen Polizisten mit internationaler Starbesetzung“. Ein zarter Hinweis, dass nicht alles, was Kosslick gefördert hat, auch gelungen ist, hätte diese Retrospektive ausgewogener gestaltet. So bleibt die Erinnerung an einen hektisch wirkenden Flickenteppich der Bilder. Deutsche Stars, darunter Iris Berben und Anke Engelke, lobten Kosslick in kurz getakteten Sätzen. Wer einmal auf Pressekonferenzen war, weiß, dass solche Statements mehr PR als tatsächliche Meinung beinhalten. Ein wenig mehr hätte man von diesem Rückblick schon erwartet.

(Den Film sahen nächtens im ZDF 360.000 Zuschauer bei einem Marktanteil von 5,9 Prozent. Zwei Tage später wurde die Dokumentation zu besserer Sendezeit bei 3sat wiederholt, am Samstag um 19.20 Uhr; hier gab es 150.000 Zuschauer und einen Marktanteil von 0,6 Prozent.)

21.02.2019 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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