Barbara Eder: Blick in den Abgrund – Profiler im Angesicht des Bösen (ARD/SWR)

Entzauberung der Psycho‑Detektive

14.07.2015 •

14.07.2015 • Profiler – bei diesem modischen Anglizismus assoziiert man sofort blutige Bilder aus reißerischen Kinofilmen und einschlägigen Fernsehserien. Dabei handelt es sich schlichtweg um eine Bezeichnung für Psychologen aus dem Bereich der forensischen Psychiatrie, die sich auf einen bestimmten Bereich der Verbrechensaufklärung spezialisiert haben. Sie helfen der Polizei bei der Suche nach flüchtigen Mehrfachmördern, deren Motive schwierig zu ergründen sind, weil Kapitalverbrechen oder Beziehungstaten meist ausgeschlossen werden können. Mit anderen Worten: Es geht um die Suche nach Lustmördern und Triebtätern, Psychopathen und Soziopathen.

Sechs dieser Spezialisten hat Barbara Eder für ihren 90-minütigen Dokumentarfilm bei der Arbeit über die Schulter geschaut. Das Besondere an ihren Annäherungen ist die filmische Form, die von der ersten Einstellung an beeindruckt. Zu sehen ist eine kleine Felseninsel, die sanft von Wellen angebrandet wird. Zunächst nur aus dem Off hört man die finnische Psychologin Helinä Häkkänen-Nyholm, die sich mit ihrem Lebenspartner beim friedlichen Angeln im Plauderton über einen makaberen Fall unterhält. Der Golden Retriever darf dabei nicht fehlen. Man wähnt sich in einem nordischen Thriller. Einige Szenen, etwa wenn die Psychologin mit dem Taxi ins Präsidium fährt, werden in Schuss-Gegenschuss-Einstellungen aufgelöst. Die Inszenierung greift stark in die Beobachtungen ein, lenkt den Blick aber nicht so radikal wie bei einer Doku-Soap.

Wegen eines ungelösten Falls ruft Häkkänen-Nyholm schließlich ihren Kollegen in Südafrika an. Der Film nutzt diese Situation für einen verblüffenden Szenenwechsel. Der aufwendig gestaltete Dokumentarfilm – der bei seiner Kinoauswertung auf ein geteiltes Echo stieß – beobachtet sechs Profiler auf drei Kontinenten. Als nächstes dokumentiert Barbara Eder die Arbeit von Gérard Labuschagne, der in Pretoria einen Tatort besichtigt. Dabei erzeugen die intensiv eingesetzten O-Töne eine fesselnde Atmosphäre. Die Bilder sind geschickt inszeniert, wirken aber in ihrer schroffen Direktheit rau und authentisch. Wenn am Ende nach erfolgter Obduktion die blutigen Tragen mit dem Schlauch abgespritzt werden, dann kommt der Film der prosaischen Routine und dem alltäglichen Handwerk dieses Berufs beklemmend nahe.

Im US-Bundesstaat Virginia besucht die Dokumentaristin daraufhin Roger L. Depue und Robert L. Hazelwood, zwei pensionierte FBI-Profiler, die sich vor der Kamera „Das Schweigen der Lämmer“ ansehen. Scherzend kommentieren die zwei, wie dieser berühmte Hollywood-Thriller ihren einstigen Arbeitsplatz fiktional umgesetzt hat. Man hat zwar nicht den Eindruck, dass die beiden medienbewussten Profis das zum ersten Mal machen. Dennoch ist die Wirkung beeindruckend. Profiler, so scheint es, stehen immer schon mit einem Bein im Spielfilm. Das zeigt sich auch beim nächsten Kurzporträt. Barbara Eder spricht mit der forensischen Psychiaterin Helen Morrison aus Chicago, die seit 40 Jahren exzessiv – teilweise bis zu 16 Stunden am Tag – über Serienmörder forscht. Sie brennt darauf, inhaftierten Straftätern Elektroden ins Gehirn zu setzen, denn sie ist überzeugt davon, dass Menschen wie Maschinen funktionieren. Bei Serienmördern gebe es einen falsch umgelegten Schalter im Gehirn. Nach dem sucht sie – sogar in ihrem eigenen Keller, wo sie ihrem Sohn das in Scheiben geschnittene Hirn eines Mörders präsentiert.

Mit gemischten Gefühlen beobachtet man, wie bei der nächsten Station dieser Reise ins Herz der Finsternis der deutsche Serienkiller-Experte Stephan Harbort einen Mehrfachmörder über dessen Gewaltphantasien ausfragt. Der etwa Vierzigjährige entspricht dem Klischee eines tumben Sextäters. Er greift offenbar nur die Worte auf, die der Psychiater ihm vorsagt: „Sie wollten Macht?“ „Ja, ja, Macht“, wiederholt der Triebtäter getreu.

Kein Zweifel: Mit ihrem ungewöhnlichen Dokumentarfilm gelingt Barbara Eder eine Reise in die Welt des Bösen, zuweilen auch in die erschreckende Banalität des Bösen. Auch die Profiler erscheinen dabei nicht wie üblich als sensible, ausgefuchste Spezialisten. Helinä Häkkänen-Nyholm versucht beispielsweise zu ergründen, warum das Opfer eines flüchtigen Mörders rund um die Augen Dutzende Einstiche hat. Er ist „sadistisch und will andere mit Gewalt erniedrigen. Alkohol, Psychose – warum nicht?“ Darauf wäre man auch selbst gekommen; der Übergang zur Trivialität scheint fließend zu sein. In einer anderen Szene sucht ein Profiler mit der Wünschel­rute nach einem Serienkiller. Komplizierte, um zwei Ecken gedachte Psycho-Erklärungen? Fehlanzeige. Der formal aufwendige Blick hinter die Kulissen entzaubert die Psycho-Detektive ein Stück weit. Das hat auch etwas Beruhigendes.

14.07.2015 – Manfred Riepe/MK