John Goetz/Poul Heilbuth: Jagd auf Snowden. Wie der Staatsfeind die USA blamierte (ARD/NDR/WDR) // James Bamford/Svea Eckert/Alexandra Ringling: Schlachtfeld Internet – Wenn das Netz zur Waffe wird (ARD/NDR)

Bedrohliche Stimmung

23.01.2015 •

23.01.2015 • „MonsterMind“ könnte man für ein gruseliges Computerspiel halten, doch tatsächlich verbirgt sich dahinter Horror auf anderem Niveau. Es ist der Name eines automatischen Rückschussprogramms, das der amerikanische Geheimdienst NSA entwickelt hat. Dieses Programm kann ohne menschliches Zutun auf einen tatsächlichen oder vermeintlichen Cyberangriff mit einem Gegenschlag auf die Infrastruktur eines anderen Staates reagieren. „Wir sollten niemals einem Computer erlauben, eigenständig eine solche Entscheidung zu treffen“, fordert der Whistleblower Edward Snowden. Die Gefahr eines versehentlichen Kriegsschlags sei groß, weil Angreifer den Ursprung einer Aktion verschleiern und die Aufmerksamkeit auf unschuldige Staaten lenke könnten.

Snowden sagt dies im Rahmen eines ausführlichen Interviews, das die ARD für den Film „Schlachtfeld Internet – Wenn das Netz zur Waffe wird“ verwendet hat. Die Dokumentation gehörte zu einem zweiteiligen NSA-Schwerpunkt im Rahmen der ARD-Reihe „Die Story im Ersten“. Vor „Schlachtfeld Internet“ war der Beitrag „Jagd auf Snowden“ zu sehen. In beiden Fällen handelte es sich um internationale Koproduktionen. An letzterem Film waren der Rechercheverbund von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ sowie Danmarks Radio beteiligt, bei „Schlachtfeld Internet“ neben dem NDR das Red-Bull-Tochterunternehmen Servus TV (Österreich) und der amerikanische Wissenschaftssender WGBH Nova.

In „Schlachtfeld Internet“ geht es – erstmals im deutschen Fernsehen thematisiert – um die Cyber­angriffskonzepte der NSA. Die Recherchen basieren auf bis dato unveröffentlichten Dokumenten aus dem Snowden-Fundus. Diese Offensivstrategie des US-Geheimdienstes nahm am Samstag nach der Ausstrahlung des Films auch der „Spiegel“ (Ausgabe Nr. 4/15) in den Blick. Wie der NDR wies auch das Print-Magazin darauf hin, dass es auf „exklusives Material“ habe zurückgreifen können.

Der Filmemacher James Bamford, Autor des Buchs „The Shadow Factory: The Ultra-Secret NSA from 9/11 to the Eavesdropping on America“, führte das Interview mit Snowden; die Koautorinnen Svea Eckert und Alexandra Ringling hatten, wie es im Film heißt, unter anderem Dokumente zur Verfügung, die derart geheim seien, dass „nur eine Handvoll US-Politiker“ zu ihnen Zugang habe. Dies betrifft konkret das von der Öffentlichkeit geheim gehaltene „Black Budget“, in dem aufgeschlüsselt ist, welcher Geheimdienst wie viel Geld für welchen Zweck zur Verfügung hat. Zu den Stärken des Film gehörte, dass Snowden sich hier erstmals ausführlich zu verschiedenen Cyberkriegsstrategien der NSA äußert: zu Angriffsszenarien, in denen etwa die Infrastrukturen von Kliniken im Mittelpunkt stehen. „Wir müssen uns darüber im Klaren sein: Wenn du anfängst, Krankenhäuser anzugreifen oder Universitäten, wenn du Internet-Knotenpunkte attackierst und etwas schiefläuft – dann kann das Menschenleben kosten“, sagte Snowden.

Man erfährt in dem Film darüber hinaus, dass mehr als 100 Staaten „offensive Cyberprogramme“ konzipiert haben, darunter auch als militärische Großmächte bisher nicht in Erscheinung getretene Länder wie Tunesien. Was deutsche Strategen in dieser Hinsicht planen, kommt in „Schlachtfeld Internet“ indes nicht vor. Vielleicht wäre dieses Thema einen eigenen Film wert, vielleicht fehlt auch ein deutscher Snowden, der das dafür notwendige Material herbeischafft.

Die beiden NDR-Autorinnen kritisierten aber nicht nur potenzielle Angreifer, sondern auch deutsche Unternehmen, die geradezu dazu einladen, in ihre Systeme einzudringen: Götz Schartner, Geschäftsführer des IT-Sicherheitsunternehmens 8com, demonstrierte im Film, wie leicht es ist, übers Internet in den Betrieb von Produk­tionsstätten einzugreifen. Dieser Aspekt kam am 13. Januar noch einmal in einem Beitrag des Magazins „Panorama 3“ im Dritten Programm NDR Fernsehen zur Sprache.

Ein besonderes Lob verdient beim Film „Schlachtfeld Internet“ im Übrigen die Musikauswahl. Mehr als 30 dezent eingesetzte Stücke – darunter zwei von Damon Albarns Projekt Gorillaz, das Stück „Evil Dub“ vom dänischen Techno- und House-Produzenten Trentemøller und kleine Hits wie „Every other freckle“ von alt-J – trugen dazu bei, dass der Zuschauer trotz der nicht untrockenen Materie nicht das Interesse verlor. Die Musik schaffte zwar einerseits eine angenehme Klangtapete, dennoch spiegelte sich in ihr auch die bedrohliche Stimmung wider, die der Inhalt des Films vermittelte. Erwähnenswert ist dieses adäquate Untermalung auch, weil Musik in Dokus und Reportagen sehr oft nur ein billiger Geschmacksverstärker ist, der zum Abschalten verleitet.

Der zugänglichere Film des ARD-Schwerpunkts war gewiss „Jagd auf Snowden“ von John Goetz und Poul Heilbuth. Sie rekonstruierten die mehrwöchige Flucht Snowdens vor seinen US-Verfolgern im Sommer 2013 – unter anderem auf der Basis von drei Gesprächen mit Edward Snowden. Der äußerte sich hier erstmals selbst dazu, wie er die Odyssee erlebte, die ihn von Hongkong nach Moskau führte, wo er, bevor er Asyl bekam, erst einmal mehrere Wochen auf dem Flughafen festsaß. Goetz und Heilbuth schilderten den Kampf zwischen den USA und der Organisation Wikileaks, die Snowden zur Seite stand und seine Verfolger immer wieder auf falsche Fährten lockte.

Die beiden Autoren gingen dabei auf diverse Pannen der Verfolger ein. Ihren peinlichsten Fehler begingen die Amerikaner, als sie – diplomatische Regeln hin oder her – in Österreich den Jet des bolivianischen Präsidenten Evo Morales vom Himmel holen ließen und zur Landung zwangen, weil Wikileaks den Eindruck erweckt hatte, Snowden befinde sich in der Maschine. Dies sei „ein Moment der Klarheit für alle“ gewesen, erzählt Snowden in dem Film: „Handelt so die gute Seite?“, fragt er.

Alles in allem war dies ein verdienstvoller Mini-Themenabend im Ersten. Ein, zugegeben, wenig origineller Einwand drängt sich aber auf: Angesichts dessen, dass etwa bei „Schlachtfeld Internet“ viele politisch sehr relevante Details zur Sprache kamen, die zwar Fachleuten bekannt sind, jedoch kaum einem breiteren Publikum, wäre hier wirklich ein früherer Sendetermin als die Zeit um Mitternacht angebracht gewesen.

23.01.2015 – René Martens/MK