ZDF-Gutachten: Fernsehen stärker aufs Internet ausrichten

28.10.2016 •

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss stärker auf die Online-Welt ausgerichtet werden. Dafür plädieren die zwei Medienrechtler Dieter Dörr (Universität Mainz) und Bernd Holznagel (Universität Münster) sowie der Wirtschaftswissenschaftler Arnold Picot (Universität München) in einem Gutachten, das sie im Auftrag des ZDF erstellt haben, aber auch die ARD mitbetrifft. Das Gutachten mit dem Titel „Legitimation und Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Zeiten der Cloud“ wurde am 7. Oktober vorgestellt. An diesem Tag kam auch der ZDF-Fernsehrat zu einer Sitzung in Mainz zusammen, in der die drei Professoren ihr Gutachten erläuterten. In ihrer Expertise gehen die Autoren nicht auf Fragen der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein.

Die ZDF-Fernsehratsvorsitzende Marlehn Thieme sieht in der Studie einen Beitrag zur medienpolitischen Debatte über die Zukunft des Fernsehens: „Das Gutachten zeigt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk moderne und technologieneutrale Rahmenbedingungen benötigt, um seinen Programmauftrag auch in der digitalisierten Medienwelt erfüllen zu können.“ ZDF-Intendant Thomas Bellut schrieb im Vorwort zu der 108-seitigen Expertise: „Dem öffentlich-rechtlichen Angebot sollten künftig verstärkt die neuen, auch nicht-linearen technischen Möglichkeiten offenstehen – nicht um seiner selbst willen, sondern im Dienste unserer Gesellschaft.“

Auf dem Weg zum Cloud TV

In der nicht-linearen Welt des Internets gibt es nach Einschätzung der drei Wissenschaftler „vielfältige, zum Teil komplex verkettete und oftmals nicht leicht bewertbare audiovisuelle Informationsmöglichkeiten mit potenziell hoher Suggestivkraft, Breitenwirkung und Aktualität“. Vor diesem Hintergrund mache „die Präsenz öffentlich-rechtlicher Anbieter mit ihrem spezifischen Funktionsauftrag auch in der nicht-linearen Medienwelt  […] sehr viel Sinn“, heißt es im Gutachten. In diesem Zusammenhang verweisen die Autoren auch auf die Rundfunkrechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG), konkret auf dessen ZDF-Urteil vom 25. März 2014.

In diesem Urteil machte das höchste deutsche Gericht nicht nur Vorgaben zur politikferneren Besetzung der Sendergremien. Das BVerfG hob auch hervor – worauf die drei Wissenschaftler verweisen –, dass die Wirkungsmöglichkeiten des Rundfunks, vor allem des Fernsehens, in Form von Suggestivkraft, Breitenwirkung und Aktualität zusätzliches Gewicht dadurch erhielten, dass neue Technologien das mediale Angebot vergrößerten und neuartige programmbezogene Dienstleistungen ermöglichten. Neue Kommunikationstechnologien und Medienmärkte erforderten weiterhin eine gesetzliche Ausgestaltung der Rundfunkordnung zur Sicherung der Rundfunkfreiheit (Art. 5 Abs. 1 Satz 2 Grundgesetz). Das Bundesverfassungsgericht begreift mithin den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als entwicklungsoffen und dynamisch.

Aus Sicht der drei Wissenschaftler wird sich Fernsehen – jenseits der auch künftig weiterbestehenden linearen Ausstrahlung – durch die Digitalisierung und das Internet verstärkt zu einem „Cloud TV“ entwickeln. Cloud TV bündele „Programmfernsehen, Video-on-Demand, Onlinedienste und zahlreiche begleitende Dienste wie Social Media sowie die Distribution über verschiedene Übertragungswege und Endgeräte“. Nutzer könnten jederzeit und überall über breitbandige Internetzugänge auf Mediatheken, Programme und Dienste aller Art zugreifen. Das Fernsehen aus der Cloud sei „nicht primär aus Innovationen der Medienbranche im engeren Sinne (TV, Video) entsprungen, sondern eine Entwicklung der IT- und Internetwirtschaft“. Das Videoportal YouTube, das zu Google gehört, und das Angebot des Streaming-Unternehmens Netflix stufen die Wissenschaftler als Cloud TV ein, wie vor allem auch Amazons Videodienst (Amazon Instant Video).

Vermachtungstendenzen in der Online-Welt

Amazon biete, schreiben Dörr, Holznagel und Picot in ihrem Gutachten, seinen Kunden „eine digitale Lebenswelt“, wozu die Online-Nutzung der Inhalte der „Washington Post“ (Amazon-Chef Jeff Bezos kaufte die Zeitung 2013) genauso gehöre wie die der Amazon-Dienste Instant Video und Prime Music. Die Gutachter verweisen auch auf eigene Produktionen von Amazon und die Pläne des US-Konzerns demnächst „ein breites Paket an linearen TV-Kanälen“ anzubieten. Schließlich gebe es bei Amazon noch „ein übergreifendes Personalisierungs- und Empfehlungssystem, das zwischen den Inhalten und den Nutzern ‘vermittelt’“.

Die Wissenschaftler sehen zugleich „Vermachtungstendenzen beim Cloud TV“: Es gebe „Anzeichen dafür, dass sich das im Medien- und Telekommunikationssektor bekannte Konzentrationsproblem beim Cloud TV im neuen Gewande zeigen wird“. Vermachtungstendenzen gebe es „zunächst im Hinblick auf die neu entstandenen Plattformen für Videos oder Hörfunksendungen“. Diese Plattformen, etwa YouTube, Facebook und Tune In, produzierten in der Regel keine eigenen, sondern offerierten fremde Inhalte, so dass Nutzer nicht mehr in Kontakt mit dem eigentlichen Inhalteanbieter kämen. Derartige Plattformen seien umso attraktiver, je mehr Nutzer sie hätten. Dieser Netzwerkeffekt führe „zu starken Konzentrationsprozessen, wenn nicht gar monopolähnlichen Situationen“. YouTube, Facebook oder Tune In bildeten daher „heute wichtige, wenn nicht gar zentrale Dreh- und Angelpunkte des Mediengeschehens“.

Die drei Professoren rechnen damit, dass der Abruf von Inhalten aus der Cloud bei allen Altersgruppen ansteigen werde. Auch in Zeiten des Cloud TV müsse der öffentlich-rechtliche Rundfunk „unter den jeweils vorherrschenden technologischen und gesellschaftlichen Bedingungen in Unabhängigkeit sowie mit hohem Qualitätsanspruch die seinem Funktionsauftrag gemäßen Angebotsformen finden und diese weiterentwickeln“. Der Gesetzgeber habe die Rahmenbedingungen so zu gestalten, „dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seiner Verantwortung in einer digitalen Medienwelt gerecht werden kann“. Neuartige Verbreitungsmöglichkeiten dürften dabei keinesfalls außen vorbleiben.

„Intensivierte Präsenz auf Drittplattformen“

Die Rundfunkanstalten müssten ihren „verfassungsrechtlich vorgegebenen demokratischen und kulturellen Auftrag auch in der digitalen Medienwelt erfüllen können“, so heben es die Gutachter hervor. Die derzeitigen Rahmenbedingungen, die für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Online-Bereich gelten, müssen nach Ansicht von Dörr, Holznagel und Picot „auf das sich wandelnde Nutzungsverhalten und auf die technischen Herausforderungen der Digitalisierung kontinuierlich angepasst werden“.

Die heute geltenden starren Vorgaben dazu, wie lange Inhalte von ARD und ZDF im Netz abgerufen werden dürfen, lehnen die drei Professoren ab: „Die Verweildauer sollte vielmehr flexibel auf den jeweiligen Auftrag des Dienstes abgestimmt werden.“ Mediatheken der Sender sollten ferner zu Angeboten ausgebaut werden, für die „ohne weiteres und unabhängig vom linearen Sendeprogramm eigene audiovisuelle Inhalte erstellt werden können“. Damit sich Inhalte öffentlich-rechtlicher Anbieter stärker verbreiten, „sollte eine intensivierte Präsenz auf Drittplattformen ermöglicht werden“, fordern die Wissenschaftler und verweisen dabei etwa auf YouTube und Facebook. Hier ließe sich indes einwenden, dass eine solche Strategie der öffentlich-rechtlichen Sender zugleich die von den Gutachtern konstatierten Konzentrationsprozesse bei den Online-Plattformen weiter befördern würde.

Einen ersten Schritt, sich stärker den Nutzungsgewohnheiten im Internet anzupassen, hat das ZDF bereits getroffen: Zum 28. Oktober wurden das Programmportal zdf.de und die ZDF-Mediathek zusammengelegt. Die neue ZDF-Mediathek soll von nun an „auf möglichst allen relevanten Geräten und Drittplattformen“ abrufbar sein. Nutzbar wird die ZDF-Mediathek etwa über Fire TV (Amazon) Android TV (Google) und Apple TV sein. Zudem lassen sich über die neue ZDF-Mediathek nach Anmeldung auch Inhalte nach Interessensgebieten nutzen (Personalisierung).

28.10.2016 – vn/MK