Arne Birkenstock: Schlagerland (ARD/SWR)

Eher dürftige Momentaufnahmen

28.02.2017 •

War der deutsche Schlager nicht mal tot? Zumindest wurde er in schöner Regelmäßigkeit totgesagt. Aber in den letzten Jahren erleben Sangeskünstler deutscher Zunge mal wieder eine beeindruckende Renaissance. Frontfrauen wie Andrea Berg und Helene Fischer füllen mit ihren Konzerten ganze Stadien und parallel dazu gibt es einen neudeutschen Gefühligkeitspop mit Sängern wie Tim Bendzko, Max Giesinger oder Andreas Bourani, die ganz neue, junge Zielgruppen für Liedgut in deutscher Sprache gewonnen haben.

Und dann sind da noch echte Überlebenskünstler des Genres wie etwa Jürgen Drews, der mit „Ein Bett im Kornfeld“ (1976) nur einen einzigen Hit hatte, aber auch mit 71 Jahren noch munter durch die Lande tourt und dabei manchmal noch veritable Marathons absolviert. Zumindest konnte man Drews im Dokumentarfilm „Schlagerland“ dabei bestaunen, wie er zunächst mittags vor einem Einkaufszentrum im Ruhrgebiet sang, dann zum Flieger hetzte, um am Nachmittag auf der Berliner Waldbühne zu stehen und am Abend auf einem dörflichen Spargelfest in Brandenburg noch einmal das „Kornfeld“ anzustimmen.

Jürgen Drews ist immer ein dankbarer Gesprächspartner, wenn es um seine Branche geht. Schon weil er nie vorgibt, sein Tun habe irgendetwas mit Kunst zu tun. „Das Lied ist so bescheuert, dass es fast schon wieder gut ist“, urteilte er über seinen Ballermann-Gassenhauer „König von Mallorca“. Demgegenüber gab sich Roland Kaiser am Rand eines Soundchecks auf einem Konzertgelände unter einer Autobahnbrücke überaus tiefschürfend. „Kunst ist reflektierte Gegenwart“, zitierte er Jean-Paul Sartre und beklagte das Fehlen des politischen Zeitgeists im aktuellen Schlager. Auf die Frage, warum er diesen Mangel nicht mit seinen eigenen Liedern aus der Welt schaffe, fiel Herrn Kaiser dann allerdings nichts ein.

Eine durchaus beeindruckende Zahl an Menschen aus der Schlagerbranche bot Autor Arne Birkenstock in seinem Film „Schlagerland“ auf. Neben Sängern kamen da auch Komponisten, Produzenten, Plattenbosse und Fans zu Wort. Ob es dabei einmal mehr Ralph Siegel gebraucht hätte, ist indes eine andere Frage. Der Mann darf sich schließlich in schöner Regelmäßigkeit im Fernsehen seiner Großtaten von „Ein bisschen Frieden“ bis Dschingis Kahn rühmen.

Mit der Nachwuchssängerin Franziska Wiese hatte der Film so etwas wie einen dramaturgischen roten Faden. Man sah sie bei Proben im Studio, ließ sich von ihr ihre Karriereträume erklären, begleitete sie zu einer Branchenpräsentation ihre Plattenfirma und bangte mit ihr schließlich um die Einladung zur von Florian Silbereisen präsentierten ARD-Samstagabendshow „Das große Schlagerfest“: Erst wurde sie ein-, dann aus- und schließlich wieder eingeladen. Ein Drama mit Happy End. Was bei Michael Jürgens, dem Produzenten dieses dreistündigen Schlager-Olymps im Ersten, zum finalen Sinneswandel geführt hatte, fragte der Autor ihn seltsamerweise nicht. Man könnte ja durchaus auf den Gedanken kommen, dass man sich solche Auftritte auch kaufen kann. Doch was den Schlager als Geschäft angeht, hielt sich der Film mit Informationen nahezu gänzlich zurück. (Kaufen Schlagerfans noch CDs oder sind die inzwischen auch bei Spotify?)

Stattdessen begnügte sich Arne Birkenstock, der – gemeinsam mit Jan Tengeler – 2012 im Film „Sound of Heimat“ auch schon das Lager der volkstümlichen Musik begutachtet hatte, in den 90 Minuten „Schlagerland“ weitgehend mit Momentaufnahmen (Produktion: C-Films Deutschland GmbH). Zwar gab es ein paar Rückblicke in die Sechziger, aber dass der Schlager in den 1920er Jahren mal eine ganz andere Qualität hatte, kam hier schon nicht mehr vor. Und bis der Schlager aus der DDR Erwähnung fand, lief der Film schon fast eine Stunde lang. Dabei erfreute sich, so erzählte es Frank Schöbel, einer der erfolgreichsten Schlagersänger der DDR, das Genre dort sogar staatlicher Förderung, um dem dekadenten englischsprachigen Rock etwas entgegenzusetzen.

Schließlich erhielten auch die Hörer noch das Wort. Hier die Mitglieder eines Ute-Freudenberg-Fanclubs im Osten, dort eine Gruppe Schlagerfans aus Bottrop bei ihrem wöchentlichen Disco-Gang. Erhellendes zum derzeitigen Boom des Schlagers hatten die Fans allerdings so wenig beizutragen wie Off-Kommentare wie dieser: „Schlager ist der Soundtrack der Menschen, die in der Woche hart arbeiten und am Wochenende umso härter feiern.“ Aha. Und was hören Arbeitslose?

Bleibt noch zu erwähnen, dass der ganze Film von Helene Fischers Hit „Atemlos“ durchzogen wurde. Zunächst äußerten sich Komponistin Kristina Bach und Produzent Jean Frankfurter ausführlich zum Zustandekommen des Liedes und schließlich sah man die aktuelle Schlagergöttin in mehreren Mitschnitten ihrer Auftritte. Nur das erwartbare Interview mit Helene Fischer, das gab es dann seltsamerweise nicht. Könnte das womöglich damit zu haben, dass sie einen Vertrag mit dem ZDF hat? Man weiß es nicht. Eingefleischte Schlagerfans werden den gänzlich ironiefreien Film dennoch mit Genugtuung verfolgt haben. Für alle, die mit dieser Musik nichts am Hut haben und sich einen erhellenden Blick hinter die Kulissen der Branche erhofft hatten, nahm sich der Informationsgehalt dieser eineinhalb Stunden hingegen recht dürftig aus.

28.02.2017 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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