500 – Die Quiz-Arena. 5‑teilige Showreihe mit Günther Jauch (RTL)

Auf der Zunge

08.07.2016 •

Das Zungenspitzenphänomen, klärte Birgit Schrowange an diesem Montagabend (4. Juli) in ihrem RTL-Magazin „Extra“ auf, bezeichne einen Zustand, in dem einem das Wort auf der Zunge liege, es von dort aber partout nicht wegkomme. Gerade in Stress-Situationen wie einer Quiz-Sendung nütze das Wissen um die richtige Antwort wenig, „wenn man sie nicht in wenigen Sekunden über die Lippen bringt“, sagte die Moderatorin und ließ ihre Reporter in deutsche Fußgängerzonen ausschwirren, um zu beweisen, wie alltäglich dieses Phänomen doch sei. „Das kommt“, O-Ton Schrowange, „nicht nur in Günther Jauchs ‘Quiz-Arena’ vor.“

Wenige Minuten zuvor hatte eben jener Günther Jauch die erste Ausgabe seiner neuen Rateshow „500 – Die Quiz-Arena“ abgeschlossen. Also jener Mann, der vor nunmehr 17 Jahren begann, den deutschen Zuschauern die Freude am Quizzen (wieder) beizubringen. Sein fast schon legendäres Quiz „Wer wird Millionär?“ pausiert bei RTL momentan bis zum Beginn der 38. Staffel im Herbst. Zig Varianten des Quiz-Klassikers hat Jauch durchgehechelt: Es gab das Highspeed-Special, Sonderausgaben für Zocker oder die Ende Mai ausgestrahlte 32. Sendung mit Prominenten. Gut möglich, dass da bei Jauch nach all den Jahren die Luft etwas raus ist. Und allzu verständlich, wenn er und sein Haussender RTL mit der „Quiz-Arena“ eine neue Herausforderung suchen.

Bei diesem Format handelt es sich um eine Rateshow, die – dank Birgit Schrowanges Premieren-Nachbetrachtung hat man es so kapiert – auf besagtem Zungenspitzenphänomen aufbaut. Vorbei die Zeiten, dass sich Kandidaten wie bei „Wer wird Millionär?“ minutenlang Zeit lassen können, bis ihnen die korrekte Antwort auf Umwegen und nach oft sehr unterhaltsamen Ablenkungsmanövern durch Quizmaster Jauch endlich über die Lippen kommt. In der „Quiz-Arena“ wird Tempo gemacht. Kandidaten ringen mit Worten, sie ringen mit der Zeit.

Neu ist das nicht. Quiz-Formate wie zum Beispiel „Gefragt, gejagt“ im Ersten Programm der ARD haben mit diesem Pressing Erfolg. Ein Quotenhit war nicht zuletzt auch die US-amerikanische Vorlage der „Quiz-Arena“: Beim Network ABC ging gerade die zweite Staffel von „500 Questions“ zu Ende; die Produktionsfirma Warner Brothers Inter­national hat das Format bis ins kleinste Studiodetail inklusive LED-Stromlinien für RTL adaptiert. Und wenn man sich die Einschaltquoten der deutschen „Arena“-Premiere anschaut, dann dürfte RTL sich diese Zahlen wohl sehr gerne auf der Zunge zergehen lassen. Denn 4,48 Mio Zuschauer und ein Marktanteil von 15,8 Prozent beim Gesamtpublikum konnten sich ebenso sehen lassen wie die 1,59 Mio Zuschauer und die 16,6 Prozent in der jüngeren Zielgruppe.

Und so gehen die Spielregeln des laut Sender-PR „vielleicht härtesten Quiz aller Zeiten“: 500 Fragen aus allen möglichen Wissensgebieten müssen gemeistert werden. Die Fragetypen variieren dabei: Mal muss sich der Kandidat mit einem Herausforderer duellieren, mal in speziellen „Temporunden“ bestehen, mal „Listen“ abarbeiten. Wer wann wie dran ist? Moderator Jauch, souverän wie eh und je, hat da Gott sei Dank den Durchblick, den man als Zuschauer leicht verliert. Antwortvorgaben wie bei „Wer wird Millionär?“ gibt es nicht, ebenso wenig Joker, die helfen könnten. Stattdessen muss der Hauptkandidat innerhalb von fünf Sekunden, manchmal sind es auch fünfzehn, antworten. Das soll Stress aufbauen und Drive ins Spiel bringen; beides gelingt, aber nicht immer zum Vergnügen des Zuschauers. Die Spannungskurve will einfach nicht steigen, was womöglich auch daran liegt, dass sich der Schwierigkeitsgrad der Fragen aus Wissenskategorien wie „An der Bar“, „Horror“ oder „Zoobesuch“ nicht steigert.

Für jede richtige Antwort gibt es 1000 Euro. Liegt der oder die Befragte daneben, leuchtet, wie Jauch es formulierte, „ein blödes rotes X“ auf der großen Spielwand auf. Schon mit der nächsten korrekten Antwort verschwindet dieses X aber wieder. Nach drei Fehlern in Folge und damit drei kassierten X endet das Spiel allerdings sofort und der Kandidat muss die Show verlassen, im schlimm­sten Fall ohne einen einzigen Cent erspielt zu haben. Das ist dann, Tempo hin oder her, wohl die eigentliche „Härte“ des Spiels.

Nach dem ersten Durchlauf der „Quiz-Arena“ – vier weitere Ausgaben montags sind geplant – ist es ein großes Rätsel, wie ein Kandidat es jemals bis zur 500. Frage schaffen soll. 2,5 Mio Euro seien im besten Fall zu gewinnen, so preist RTL die Sendung an – und kann sich zugleich ziemlich sicher sein, diese Gewinnsumme niemals ausschütten zu müssen. Erst nach der 50. Frage wird die erste Gewinnstufe erreicht. Was bis dahin erspielt wurde, ist dem Kandidaten dann sicher. So weit die Theorie. In der Praxis schaffte in der ersten Ausgabe nur der dritte Kandidat, ein Langzeit-Lateinstudent aus Mainz, diese Hürde; er darf in der kommenden zweiten Sendung mit 40.000 Euro in der Kasse weiterspielen. Die ersten beiden Spielteilnehmer gingen komplett leer aus. Ob es am verflixten Zungenspitzenphänomen lag oder einfach an mangelndem Grips, ist schwer zu sagen. Sicher ist: So billig kam RTL in einer Quiz-Sendung selten davon.

Unter den Kandidaten war übrigens auch ein Justizvollzugsobersekretär. Welcher spannende Beruf sich hinter dieser Bezeichnung verbirgt, erfuhr man dabei nicht. Jauch fragte hier nicht nach, wie er es bei „Wer wird Millionär?“ sehr wahrscheinlich getan hätte. Überhaupt scheint er in der „Quiz-Arena“ kein großes Interesse an seinen Kandidaten zu haben. Mit Smalltalk hält er sich jedenfalls auffallend zurück. Und das tut dem Format nicht gut. Vor lauter Pressing geht unter, was gute Unterhaltung auch auszeichnet: sich zu unterhalten und dabei gerne mehr als ein Wort über die Zungenspitze zu bringen.

08.07.2016 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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