Der Reporter als Schwindler

Zeit der Aufarbeitung: Der „Spiegel“, der Fall Relotius und der Journalismus

Von René Martens
03.02.2019 •

Die aus mehr als 30 Atollen bestehende Republik Kiribati ist ein sinnbildlicher Ort für die Folgen des Klimawandels. Bereits 2020 könnte die im pazifischen Ozean gelegene Inselgruppe nicht mehr bewohnbar sein. Dem früheren „Spiegel“-Reporter Claas Relotius waren das Generationenthema Klimawandel und der Alltag der am stärksten davon Betroffenen offenbar gleichgültig. Anders ist es kaum zu erklären, dass Relotius so tat, als hätte er für eine von mehreren Autoren gemeinsam bestrittene „Spiegel“-Titelgeschichte zum Thema, die Ende November 2018 erschien, auf Kiribati recherchiert.

„Den Flugbuchungen zufolge ist Relotius am 10. Juli 2018 zwar noch wie geplant nach Los Angeles geflogen, den gebuchten Weiterflug nach Kiribati hat er jedoch nicht angetreten. Die Motelbuchung für Kiribati hatte Relotius kurzfristig per Mail storniert“, schreibt der „Spiegel“ dazu am 24. Januar. Der Buchhaltung des Hauses liege zudem „keine Reisekostenabrechnung aus Kiribati vor, auch nicht von einem späteren Zeitpunkt“.

Diese Nachrecherchen in eigener Sache sind Teil der bisher umfangreichsten Veröffentlichung des „Spiegels“ zu den Verfehlungen seines früheren Star-Reporters. Der bei „Spiegel Online“ frei zugängliche Artikel umfasst Prüfergebnisse zu Texten von Claas Relotius in 28 Fällen. Dass es sich bei dem mehrfach ausgezeichneten Journalisten um einen Schwindler handelt, hatte das Hamburger Medienhaus am 19. Dezember 2018 öffentlich gemacht. Die Zeit der Aufarbeitung hatte begonnen. Was da geschehen ist, geschehen konnte, wirkt noch lange nach.

Symptome eines strukturellen Problems?

Nun hat Relotius nicht nur – mehr als einmal – den Eindruck erweckt, an Orten recherchiert zu haben, an denen er zumindest zum suggerierten Zeitpunkt nie war. Er hat auch jahrelang Zitate gefälscht (unter anderem von Traute Lafrenz, der letzten Überlebenden der gegen den Nationalsozialismus kämpfenden Widerstandsgruppe „Weiße Rose“), er hat Personen, Telefonate oder auch mal einen Wald erfunden (in einem Artikel über die US-amerikanische Kleinstadt Fergus Falls, ein Text, der in der Berichterstattung zu Relotius relativ häufig aufgegriffen wurde) und er hat realen Menschen andere Namen verpasst oder ihnen erfundene biografische Details zugeordnet. Nicht zuletzt hat er aus anderen Medien übernommene Informationen verändert beziehungsweise dramatisiert.

Eine zentrale Frage in der Debatte zu Relotius lautet: Sind seine Fälschungen Symptome eines strukturellen Problems? Hans Leyendecker beispielsweise, einst Redakteur beim „Spiegel“ und bei der „Süddeutschen Zeitung“, verneint dies. In einem Interview mit dem vom Deutschen Journalisten-Verband (DJV) herausgegebenen Medienmagazin „Journalist“ (Ausgabe 1-2/19) sagt er: „Der entstandene Schaden ist groß, aber er wäre wirklich nur dann riesig, wenn es sich nicht um einen Einzelfall handeln würde. Das kann ich derzeit nicht erkennen.“ Der Kulturjournalist Georg Seeßlen vertritt in der Februar-Ausgabe der Monatszeitschrift „Konkret“ die größtmögliche Gegenposition: „Das Verbrechen des Claas Relotius war, wie es das Verbrechen aller Fälscher ist, sich erwischen zu lassen. Denn jede Fälschung ist, solange sie funktioniert, wesentlicher Teil eines semantisch-ökonomischen Systems, und sie stellt, wenn sie entlarvt wird, ebendieses System bloß.“ Der Kunstfälscher etwa, so Seeßlen weiter, stelle das Kunstsystem bloß und der Verkäufer von Markenfälschungen das Markensystem.

Für die Beantwortung der gerade angerissenen Frage ist es unter anderem hilfreich, einen Blick auf Relotius’ Stil zu werfen. Eine Reportage von ihm, die 2017 unter dem Titel „Wie der IS aus zwei Kindern Attentäter machte“ erschien, beginnt so: „Vier Minuten bevor Nadim, Kind mit geröteten Augen, den Auslöser an seiner Weste ergriff, um sich mit neuneinhalb Kilo Sprengstoff in den Tod zu reißen, riefen die Muezzine von Kirkuk über Lautsprecher in alle Viertel der Millionenstadt zum Abendgebet.“ Ähnlich liest sich der Einstieg zu einem 2018 veröffentlichten Text über eine Frau, die angeblich durch die USA reist, um bei Hinrichtungen zuzusehen: „An einem späten Januarabend, der Himmel über Joplin, Missouri, ist ohne Mond, verlässt eine kleine zierliche Frau ihr Haus, um einen Mann, den sie nicht kennt, sterben zu sehen. Sie verriegelt die Tür, dreht den Schlüssel dreimal um.“ Beide Texte bezeichnet der „Spiegel“ mittlerweile als „in wesentlichen Punkten gefälscht“.

Abhol-Journalismus und Methoden des Marketings

Unter Bezug auf die mondlose Nacht und den dreimal umgedrehten Schlüssel schreiben Simon Drescher, Sebastian König und Mario Gotterbarm, zwei Rhetorikwissenschaftler und ein Germanist der Universität Tübingen, in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS): „Solche überflüssigen, das heißt keine weitere Bedeutung tragenden Details generieren einen Wirklichkeitseffekt.“ Der Begriff „Wirklichkeitseffekt“ wiederum geht zurück auf den französischen Philosophen Roland Barthes.

Thomas Assheuer ordnet Relotius’ Stil in einem Artikel für die Wochenzeitung „Die Zeit“ in einen größeren Zusammenhang ein: „Schon seit längerer Zeit beobachten Kulturwissenschaftler einen Funktionswandel journalistischer Texte. Journalisten versuchen, die Realität nicht mehr bloß zu beschreiben, sondern sie zu erzählen – und zwar so, dass der Text eine geschlossene Welt entstehen lässt, in die der Leser eintauchen kann, die ihn abholt und umfängt. Das Fachwort heißt ‘Atmosphäre’“. Claas Relotius habe diese Technik „pervertiert“.

Dass Assheuer hier den Begriff „abholen" ins Spiel bringt, ist verdienstvoll. „Wir müssen den Zuschauer/Leser da abholen, wo er ist“ – Äußerungen dieser Art kennt man seit den 1990er Jahren, sie dienen in der Regel als Rechtfertigungen für verflachende Berichterstattung. Stand also auch Claas Relotius für diesen Abhol-Journalismus, der den Rezipienten systematisch unterschätzt?

Eine weitere Perspektive bringt der Schriftsteller und Dramatiker Lukas Bärfuss in einem Essay für das Schweizer Online-Magazin „Republik“ ins Spiel: „Ein großer Teil der Verantwortung“ für „das verlorene Vertrauen in den Journalismus“ liege bei den Medien selbst. „Die Macht der Geschichten ist groß und Dramaturgie ist eine wirkungsvolle Droge. Der Journalismus hat sie in den letzten Jahren in großen Schlucken getrunken, er ist davon süchtig und krank geworden. Die Medien meinten, mit ihrem Storytelling die Aufmerksamkeit der Leser gewinnen zu können, aber sie haben sich damit den Methoden des Marketings übergeben.“ Der Fall Relotius sei „die Nemesis dieser Entwicklung“.

Es ist nicht ohne Ironie, dass die Charakteristika, die „FAS“, „Zeit“ und „Republik“ skizzieren, auch in einigen Texten zu finden sind, mit denen der „Spiegel“ den Fall Relotius aufarbeitet. Über die entscheidenden Stunden, in denen die Verantwortlichen erstmals annähernd das Ausmaß der Fälschungen überblicken, heißt es in der „Spiegel“-Ausgabe Nr. 52/18: „Relotius’ engste Vertraute im Ressort ist die stellvertretende Leiterin Özlem Gezer, mit 37 Jahren nur wenig älter als er […]. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag vergangener Woche um 0.16 Uhr schickt sie Relotius eine WhatsApp-Nachricht: ‘Ich komme jetzt gleich, und du kommst raus.’ Sie nimmt sich einen DriveNow-Wagen, fährt zu seiner Wohnung, ruft an, er kommt runter. Es ist 1 Uhr, sie sitzen im Auto, sie reden bis kurz nach vier Uhr.“

Das Meinen fängt bereits mit dem Beschreiben an

Die drei bereits zitierten Tübinger FAS-Autoren Drescher, König und Gotterbarm versuchen, noch ein anderes in der Debatte um Relotius kursierende Missverständnis aus dem Weg zu räumen: „Ein gutes Stück Aufarbeitung des Falls Relotius“ werde „darin bestehen, sich einzugestehen, dass vermeintlich die Wirklichkeit spiegelnde Reportagen rhetorisch-narrative Konstruktionen“ seien. Letzteres gilt demnach also auch für Reportagen, in denen ein Reporter faktengetreu schildert, was sich wirklich abgespielt hat. Das Autorentrio bilanziert: „Vor allem wird es der ehrlichste Akt in der Post-Relotius-Zeit sein, nicht weiter einen Diskursstil zu propagieren, der vorgeblich vor jedes politische Meinen zuerst die Darstellung der Wirklichkeit setzt – so als seien Meinung und Wirklichkeit zwei getrennte Sphären.“ Anders gesagt: Das Meinen und Kommentieren fängt bereits mit dem Beschreiben an.

Dass der Fall des früheren „Spiegel“-Redakteurs Anlass gibt, über generelle Schwächen des Journalismus nachzudenken, zeigen auch am 8. Januar veröffentlichte Recherchen des Portals „Übermedien“. Dem waren Ähnlichkeiten aufgefallen zwischen der „Spiegel“-Reportage „Der Junge, mit dem der Syrienkrieg begann“, für die eine Jury des „Reporter-Forums“ Relotius noch Anfang Dezember 2018 mit dem Deutschen Reporterpreis auszeichnete, und zahlreichen (älteren) Veröffentlichungen sowohl deutscher als auch internationaler Medien. Unter der Überschrift „Die Legende des Jungen, der angeblich den Krieg in Syrien auslöste“, rekapituliert Übermedien-Autor Boris Rosenkranz, dass eben diese „Legende“ im März 2011 mit einem Artikel im US-amerikanischen Magazin „Time“ begann. Das Blatt berichtete seinerzeit, dass in der Woche vor seinem Erscheinen eine Gruppe von „15 Kindern“ in einer Stadt im Südwesten Syriens ein regimekritisches Graffiti an eine Mauer gesprüht habe. Die „Täter“ seien ins Gefängnis gesteckt worden.

Sehnsucht nach einfachen Geschichten

In den folgenden Monaten und Jahren wurde „die Geschichte der Kinder immer detaillierter erzählt, in vielen westlichen Medien, bald auch in deutschen. Sie wird mit der Zeit zum Ursprung des Kriegs erklärt und sie wird auf einen einzelnen Jungen verengt; einen einzigen Jungen, der den Krieg herbeisprühte“, schreibt Rosenkranz weiter. Der Name des Jungen variierte dabei – ebenso sein Alter und das Datum des vermeintlich bedeutsamen Sprühakts. Rosenkranz’ Fazit: Es handle sich um „eine Story, eine Legende, die sich unter den Menschen in Syrien herumsprach, die auch einen wahren Kern hat, aber beim Weitererzählen ausgeschmückt wurde“ – erst recht, als Journalisten Wind davon bekamen. Der Eindruck, dass es in Redaktionen angesichts der Unübersichtlichkeit der Lage in Syrien – die globalpolitische Gemengelage hinter dem Krieg, die Heterogenität der Gruppierungen, die darin eine Rolle spielen oder spielten – eine Sehnsucht nach einfachen Geschichten gibt, ist schwer von der Hand zu weisen.

Längst nicht alle Analysen des Relotius-Skandals sind anregend. Mathias Döpfner etwa, der Vorstandsvorsitzende des Springer-Konzerns, brachte am 14. Januar in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) einen geradezu gebetsmühlenartig geäußerten Vorwurf zur Aufführung. „Das Problem dieser ‘Spiegel’-Affäre liegt tiefer. Man sitzt auf dem hohen Ross und beschreibt in schöner, fast literarischer Sprache die Welt, wie sie sein soll. Haltung ist oft wichtiger als Handwerk“, sagte er in dem Gespräch, das unter anderem die bei Springer erscheinende Tageszeitung „Die Welt“ online veröffentlichte.

Döpfner nutzt, wie viele andere Journalisten aus dem rechtskonservativen Milieu, „Haltung“ hier als negativen Kampfbegriff, der suggeriert, dass die in seinem Konzern arbeitenden Journalisten für keine Haltung stünden, sondern wertungsfrei berichteten. Die Äußerung des Springer-Vorstandschefs richtet sich hier gegen eine vermeintlich typische, nach seiner Auffassung linke „Spiegel“-Haltung. Dass Claas Relotius auch für rechts zu verortende Medien („Cicero“, „Weltwoche“) geschrieben und gefälscht hat, fällt bei dieser Argumentation unter den Tisch. Ausgerechnet den Schwindler Relotius mit einer „Haltung“ in Verbindung zu bringen, ist ohnehin absurd. Sollte er eine haben, hat er sie bisher jedenfalls nicht im Rahmen seiner Berufsausübung zum Ausdruck gebracht.

Die Interview-Aussagen Döpfners enthalten noch ein weiteres verbreitetes Missverständnis. Einerseits ist von einem „fast literarischen“ Stil die Rede, andererseits insinuiert der Konzernmanager, dass Handwerk bei dieser Art des Schreibens eine eher geringe Rolle spiele. Das ist in zweierlei Hinsicht falsch: Eine gewisse Art von Handwerk beherrscht Relotius nämlich durchaus, aber „literarisch“ ist an seinem Stil bisher nichts gewesen (siehe dazu auch den Abschnitt „Zu Beginn“ in Dietrich Leders Jahresrückblick in MK-Heft Nr. 1-2/19).

Felix Stephan, Feuilletonredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, hat dort ausgeführt, dass Relotius’ Texte „mit Literatur noch weniger zu tun“ hätten „als mit Journalismus“: „Sie erzählen stets das Wahrscheinliche. Nicht jedoch das Wahrscheinliche in der Variante des realistischen Romans, der die Wirklichkeit künstlerisch überformt und eine eigene Welt hervorbringt, die bei genauerem Hinsehen irrsinnig artifiziell, arrangiert, prototypisch ist und von tausenden Zufällen abhängig und so nie existiert haben kann, die auf das Publikum aber trotzdem wahrscheinlich wirkt, so als könnte es sich wirklich so zugetragen haben.“ Anders gesagt: Relotius mag ein guter Handwerker sein, aber Literatur, also Kunst, ist bei seiner Arbeit bisher nicht herausgekommen, sondern bloß Kunsthandwerk – also Nippes, wie man ihn an Urlaubsorten in Souvenirgeschäften kauft. Hübsch anzusehen, aber mehr eben auch nicht.

Ein Versäumnis der Medienkritik

Rainer Hank, Leiter der Wirtschafts- und Finanzredaktion der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und 2018 Mitglied der Jury, die Relotius mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet hat, sagt zu derlei Urteilen: „Nur wer es vorher besser gewusst hat, der werfe jetzt den ersten Stein. Die anderen Steinewerfer, die jetzt überall aus den Gassen kommen, finde ich dagegen nicht überzeugend.“ Dieses Statement ist Teil eines umfangreichen „Erklärungsversuchs“ der Jurorinnen und Juroren, den das „Reporter-Forum“ am 25. Januar veröffentlichte. Hank blendet dabei aber aus, dass es neben den vielen Journalisten, die Relotius nicht durchschauten, und jenen, die nun behaupten, sie hätten es schon immer gewusst, noch eine dritte Gruppe gibt: Journalisten, die den Namen Claas Relotius vor dem 19. Dezember noch nie gehört hatten. Dazu gehört auch der Autor dieser Zeilen.

Wer beklagt, es werde in der Relotius-Debatte zu viel in einen Topf geworden, dem lässt sich entgegenhalten: Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen einerseits schamlosen Erfindungen à la Relotius und andererseits Wirklichkeitsverzerrungen, die einem Hang zur Unterkomplexität geschuldet sind. Aber offenbar brauchte es erst einen krassen Anlass wie die Enthüllungen von Relotius’ Fälschungen, um über Dinge zu reden, über die man auch vorher längst hätte reden können. Dass das nicht passiert ist, ist zumindest zu einem kleinen Teil auch ein Versäumnis der Medienkritik, die das deutsche Reportagewesen bisher offenbar nicht ausreichend im Blick hatte.

Ein ähnliches Phänomen ist bei den jüngst enthüllten Unsauberkeiten in Filmen der Reportage- und Dokumentationsreihe „Menschen hautnah“ zu beobachten, die seit 1996 im Dritten Programm WDR Fernsehen läuft. Nicht etwa ein Medienjournalist, sondern Paul Bartmuß, Social-Media-Redakteur bei der Sportzeitschrift „Kicker“, machte am 14. Januar mit einem Twitter-Thread auf schwerwiegende journalistische Mängel bei zwei Filmen aufmerksam. Demnach tauchte ein Paar aus dem Film „Liebe ohne Zukunft: Heimliche Affären und ihre Folgen“ (Erstausstrahlung: 15.12.2016) im Beitrag „Ehe aus Vernunft – geht es wirklich ohne Liebe?“ (10.1.2019) wieder auf – allerdings trug der Mann im zweiten Film einen anderen Namen und außerdem spielten Gattin und Gatte darin andere Rollen als in der Dokumentation von 2016. Bartmuß wies außerdem auf irreführende Altersangaben hin.

Verfälschte Inhalte in WDR-Filmen

Mit seinem Thread löste er interne Untersuchungen beim WDR und Recherchen verschiedener Medien aus. Im Zuge dessen kam unter anderen ans Tageslicht, dass die Autorin der inkriminierten Dokumentationen einen Protagonisten für „Ehe aus Vernunft“ über die Website komparse.de gebucht hatte. Als mit Mängeln behaftet deklarierte der WDR in einer Pressemitteilung vom 18. Januar einen weiteren von der umstrittenen Autorin angelieferten Film aus der Reihe „Menschen hautnah“: den Beitrag „Heimliche Liebe“ (Erstausstrahlung: 13.11.2014).

Zwar betonte Ellen Ehni, Chefredakteurin des WDR Fernsehens, am 24. Januar gegenüber dem Online-Portal „Meedia“, es gebe „keine Parallele zwischen Relotius und diesem Fall“. Was in einer Hinsicht stimmt: Die Autorin hat nichts gefälscht – aber sehr wohl Inhalte verfälscht. Wie bei Relotius sollte man auch hier allemal darüber diskutieren, was die enthüllten Einzelfälle über das System aussagen. Wenn die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Ausgabe vom 22.1.2019) über die Nutzung der Plattform komparse.de bei der Produktion von „Ehe aus Vernunft“ schreibt: „Die Journalistin hatte nach vergeblicher Recherche eine Annonce geschrieben“, dann stellt sich beispielsweise die Frage: Welchen Anteil hat der WDR an dem Druck, dem sich die Autorin offenbar ausgesetzt fühlte? Generell gilt: „Wenn Redaktionen sich quotenbringende Themen ausdenken und dann Protagonisten suchen, die zur Geschichte passen, verschwimmen Erwartungen und Realität“, schreibt Kathrin Hollmer in der „Süddeutschen Zeitung“ (Ausgabe vom 25.1.2019).

Es gilt also, die Strickmuster in Frage zu stellen, die die Redaktion von „Menschen hautnah“ von den Autoren erwartet. Im Kern geht es um ein zumindest ähnliches Problem wie beim Fall Relotius: Weil am Schreibtisch oder in Redaktionskonferenzen erdachte „gute Geschichten“ sich als in der geplanten Form nicht umsetzbar erwiesen, wurde nachgeholfen. Das mag die inkriminierte, mittlerweile geschasste WDR-Autorin in viel kleinerem Maßstab getan haben als Claas Relotius. Abhilfe schaffen kann da aber nur eine neue Herangehensweise an Themen, aber Selbstkritik, die auf ein diesbezügliches Umdenken hindeutet, war vom WDR bisher leider nicht zu vernehmen.

03.02.2019/MK

Print-Ausgabe 20-21/2019

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