USA: Die Nivellierung des Streaming‑Angebots

27.01.2019 •

Streaming ist das Fernsehen der Zukunft. Darüber scheinen sich alle klar zu sein. Seitdem die Giganten aus dem Silicon Valley traditionelle Medienkonglomerate immer stärker in den Schatten stellen, wird in den USA der Glaube an einen Fortbestand des gewohnten altmodischen Fernsehangebots mit jedem weiteren Monat und jedem weiteren Streaming-Angebot mehr und mehr ausgehöhlt. Auch Optimisten neigen inzwischen zu der Auffassung, dass die „drei großen As“, nämlich Apple, Amazon und Alphabet (Google), in nicht allzu ferner Zukunft den Fernseh- bzw. Videosektor beherrschen und ihm ihre Regeln aufzwingen werden.

Die Mitspieler aus Zeiten des guten alten Kabelfernsehens bäumen sich nach Kräften gegen die anscheinend unabwendbare Entwicklung auf und sie versuchen, durch immer neue Fusionen ihre Stellung zu behaupten. Leider gehen sie dabei den Weg des geringsten Risikos und der ausschließlichen Maximierung ihrer Umsätze auf Kosten des ohnehin längst reduzierten Anspruchs.

Ein Beispiel dafür, was bei einem solchen Vorgehen herauskommt, lieferte nun der inzwischen mit dem Medienhaus Time Warner fusionierte Telekommunikationskonzern AT&T. Noch in seinem Kampf um die notwendige staatliche Genehmigung der Firmenkoalition pochte das Unternehmen darauf, dass die Fusion in erster Linie den Kunden zugutekommen werde. „Unvergleichbare Auswahlmöglichkeiten und stärker personalisiertes Fernsehen“ versprach man dem gutgläubigen Richter Richard Leon, der dem Zusammenschluss der beiden Firmen im Juni 2018 seinen Segen verliehen hatte (vgl. diese MK-Meldung und diese MK-Meldung). Zur Begründung seiner Entscheidung nannte Leon unter anderem das Streaming-Angebot FilmStruck als Beispiel für die innovativen Absichten des neu geschaffenen Konglomerats.

Der einzige Anspruch: Profit

Zwei Jahre nach seiner Gründung gibt es FilmStruck seit Ende November vorigen Jahres nicht mehr. AT&T machte dem anspruchsvollen Streaming-Angebot den Garaus, und das kurz nachdem FilmStruck sein Geschäftsfeld auch auf Großbritannien, Frankreich und Spanien ausgedehnt hatte. In der kurzen Spanne seines Daseins war FilmStruck in den USA zur Fluchtburg des ernsthaft an klassischen Kinofilmen interessierten Publikums geworden. Während anderswo ununterbrochen dieselben Hollywood-Titel abgespult werden, konzentrierte sich das junge und wagemutige Unternehmen auf eine Staunen erregende, beständig wachsende Kollektion filmhistorisch wichtiger Produktionen aus den Archiven von 20 Studios und der auf dem Videomarkt seit langem etablierten „Criterion Collection“. Filme, die man bis dahin im US-amerikanischen Fernsehen vergeblich sucht, hatten endlich eine Heimat gefunden.

Doch Qualität zählt im Zeitalter der Massengeschmacksverbreiter Netflix, Amazon und Hulu allenfalls in zweiter Linie. Profitsteigerung heißt das magische Stichwort des digitalen Zeitalters. Dem konnten bei AT&T weder FilmStruck noch das Comedy-Angebot Super Deluxe oder der fremdsprachige Streaming-Dienst DramaFever entsprechen. Allen wurde kurz und bündig der Hahn abgedreht. Proteste der überraschten und enttäuschten Kunden, Nachrufe im amerikanischen Blätterwald und kritische Berichte in den Fachzeitschriften der Branche nützten nichts. Die Abonnenten der betroffenen Angebote wurden damit vertröstet, dass sich einige der erneut in der Versenkung verschwundenen Filme demnächst auf einer Mega-Website von Warner Media wiederfinden könnten, deren Start für Ende 2019 geplant ist. Wer sich auf dem Markt auskennt, glaubt nicht daran. So schrieb die „Los Angeles Times“: „Das Warner-Angebot wird fast mit Sicherheit genauso aussehen wie alle anderen Streaming-Angebote – ein vorgekauter Brei sattsam bekannter populärer Filme, denen hier und da ein paar Kuriositäten wie Rosinen beigemischt werden.“

27.01.2019 – Ev/MK