USA: HBO und die Welt nach „Game of Thrones“

10.05.2019 •

Waren die zehn Jahre „Game of Thrones“ ein singuläres Ereignis oder der Beginn einer neuen Fernseh-, sprich: Streaming-Ära? Das fragen sich seit dem 14. April dieses Jahres, dem US-Ausstrahlungsbeginn der achten und letzten Staffel der viel gesehenen und vielfach preisgekrönten HBO-Serie, die Fernsehchefs wie auch die Zuschauer. Wie kann es weitergehen nach einer Serie, die alle bis dahin gültigen Regeln des TV-Geschäfts und alle Erwartungen des auf rasch vergängliche Ware programmierten Publikums auf den Kopf gestellt hat?

Zum Abschied von „Game of Thrones“ nannte man die Serie im amerikanischen Blätterwald ein „globales Phänomen“. Mit einem Budget von 15 Mio Dollar pro Folge in einer Vielzahl von Ländern gedreht, mit Effekten ausgestattet, die man bis dahin nur im Kino gewöhnt war, in 150 Ländern der Welt auf den Bildschirmen und allein in den USA (in der siebten Saison) von im Schnitt 32,8 Mio Menschen gesehen, markiert „Game of Thrones“ ein neues Kapitel Fernsehgeschichte. Ist das nun alles vorbei? Oder haben die auf Massenangebote versessenen Tech-Konzerne, zu denen das individuelle, vielschichtige TV-Universum der Vergangenheit neuerdings zusammenschrumpft, etwas von HBO gelernt, das sich auch im Streaming-Zeitalter wiederholen lässt?

Quantität statt Qualität?

Es sieht so aus, als würden in der Branche zweifelnde und ängstliche Stimmen überwiegen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Anfang vom Ende der Serie „Game of Thrones“ gleichzeitig der Zeitpunkt einer großen Umorganisation von Medienunternehmen war. Der Kabelsender HBO, der unter dem Dach von Time Warner eine große Selbständigkeit besaß, befindet sich nun in der eisernen Klaue von AT&T, eines Telekommunikationskonzerns, der bisher mit Kunst und Kultur wenig zu tun hatte und von dem niemand genau weiß, wie man sich dort die Zukunft vorstellt. Kein gutes Zeichen war deshalb der Rücktritt von HBO-Chefs Richard Plepler am 28. Februar dieses Jahres. Pepler hat 27 Jahre lang die Geschicke des Unternehmens gelenkt; er galt als Förderer und Beschützer der kreativen und niveauvollen Elemente bei HBO.

Und die HBO-Mannschaft der Zukunft darf jetzt nicht einmal mehr in ihrem gewohnten Zuhause bleiben. Sie muss in die Büroetagen des ebenfalls zu AT&T gehörenden Unternehmens Warner Media umziehen, was vermutlich finanziell begründbar ist, aber für die Stimmung wie die Autonomie mit Sicherheit schädlich sein wird. Mit Bob Greenblatt, dem einstigen Chairman von NBC Entertainment, hat HBO einen neuen Vorgesetzten bekommen, der als erstes die Losung ausgegeben hat, die Produktion zahlenmäßig zu erhöhen, um mit den Streaming-Anbietern, allen voran Netflix, konkurrieren zu können. Die HBO-Mitarbeiter befürchten nun, ihre Verpflichtung zu beständiger Steigerung der Qualität könnte aufs zweite Gleis geschoben werden.

Angeheizter Streaming-Wettbewerb

Wie wenig Phantasie da derzeit bei HBO erst einmal investiert wird, zeigt sich daran, dass hauptsächlich von mehreren Spin-offs und Prequels zu „Game of Thrones“ die Rede ist. Das heißt, HBO will hier der Kinoproduktion nachmachen, was dort das große Geld einbringt. Nachdem die Hollywood-Studios ihren Umsatz immer mehr mit Fortsetzungen aus ihrem „Star-Wars“- und Marvel-Universum bestreiten und dabei nicht schlecht verdienen, zeichnet sich eine Duplizierung dieses Denkens nun auch auf dem Fernsehsektor ab. Nicht einmal vor einer „Game-of-Thrones“-Studiotour schreckt man zurück. Diese Imitation eines Disneylands und von Universals Studiotour soll im Frühjahr 2020 in Nordirland eröffnet werden, wo der größte Teil des HBO-Dramas gedreht wurde. Die Fans sollen sich „in den beliebtesten Dekorationen der Serie vergnügen können“, heißt es in der Werbung dazu.

Die Konkurrenz ist derweil nicht untätig. Bei Netflix & Co. weiß man, dass ein ernst zu nehmender TV-Anbieter in den Startlöchern steht, um den Streaming-Wettbewerb weiter anzuheizen. Dass man allgemein bereit ist, hohe Summen zu investieren, zeigt sich zum Beispiel daran, das Amazon angekündigt hat, eine „Lord-of-the-Rings“-Serie produzieren zu lassen. Für die Rechte an Tolkiens Büchern hat Amazon 250 Mio Dollar auf den Tisch gelegt. Bei Disney steht die Produktion von „Star Wars: The Mandalorian“ obenan, einer Serie für das im Herbst 2019 startende Streaming-Angebot Disney Plus (vgl. vorstehende Meldung). Für Apple TV dreht Francis Lawrence, der Regisseur von „Die Tribute von Panem“, eine Serie, deren englischsprachiger Titel „See“ darauf anspielt, dass die Bewohner der Erde nach einer Virus-Epidemie blind geworden sind. Die Streaming-Plattform Hulu versucht sich an den „Vampire Chronicles“ von Anne Rice, Amazon außerdem an Greg Ruckas „Lazarus“-Comics. Alles das nur Kostproben für die Welt nach „Game of Thrones“.

10.05.2019 – Ev/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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