ARD-Vorsitzende Karola Wille macht sich für verlässlichen Journalismus stark

22.01.2016 •

Den inoffiziellen Startschuss erhielt MDR-Intendantin Karola Wille per SMS: Ihr NDR-Amtskollege Lutz Marmor schickte ihr zu Silvester um Mitternacht eine Nachricht und übergab ihr damit persönlich den Vorsitz der ARD-Anstalten, den Marmor ab Anfang 2013 innehatte. Der Mitteldeutsche Rundfunk, an dessen Spitze Karola Wille seit November 2011 steht, ist nun mindestens bis Ende 2017 die vorsitzführende Anstalt des Senderverbundes. Der MDR hat den ARD-Vorsitz jetzt zum zweiten Mal übernommen. In den Jahren 1997/98 war Willes Amtsvorgänger Udo Reiter ARD-Vorsitzender. Am 11. Januar stellte die neue ARD-Chefin sich und ihr Team in Leipzig offiziell den Journalisten vor.

Ihre Amtszeit falle in eine Zeit „enormer Herausforderungen“, erklärte die ARD-Vorsitzende: internationaler Terrorismus, erstarkender Rechtspopulismus, die Flüchtlingsfrage und, für Karola Wille zentral, die „Erosion unserer Wertegrundlage“ und damit einhergehend der Vertrauensverlust in die öffentlich-rechtlichen Medien. Wie radikal sich diese Mischung entladen kann, konnte man am selben Abend noch in Leipzig sehen: In der Innenstadt marschierte die fremdenfeindliche „Legida“-Bewegung, im südlichen Stadtteil Connewitz randalierten 200 Rechtsextreme. Eine MDR-Reporterin wurde dabei ins Gesicht geschlagen.

Den Umgang mit Fehlern verbessern

Karola Wille möchte in ihrer Amtsperiode als ARD-Vorsitzende Glaubwürdigkeit und Transparenz zu ihren großen Themen machen – ganz ähnlich wie bei ihrem Amtsantritt als MDR-Intendantin vor rund vier Jahren. Damals musste sie vor allem innerhalb des Hauses aufräumen: Es ging um die Aufklärung des Betrugsskandals beim in Erfurt ansässigen Kinderkanal (Kika) und die Finanzaffäre des damaligen MDR-Unterhaltungschefs Udo Foht. Diesmal gehen die Probleme über internen Filz hinaus. Laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage sind 51 Prozent der Deutschen unzufrieden mit der Berichterstattung zur Flüchtlingskrise. „Lügenpresse“ ist längst nicht mehr nur noch unter Rechtspopulisten und Verschwörungstheoretikern ein Schlagwort.

In der Kritik standen ARD und ZDF zuletzt nach ihrer verspätet einsetzenden Berichterstattung über die Gewalt in Köln in der Silvesternacht. Unter anderem der ehemalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) sprach hier von einem „Schweigekartell“. Wille sieht daher Vertrauen mittlerweile als „journalistische Währung“. Die 56-jährige Juristin plädierte auf dem Pressetermin am 11. Januar in Leipzig für einen verlässlichen Journalismus, um die Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu erhalten und zu stärken. „Um das Vertrauen in ein gemeinwohlorientiertes, unabhängiges und solidarisch finanziertes Mediensystem weiterhin zu festigen, brauchen wir die Abbildung der Lebenswirklichkeit der Menschen“, so Wille. Dazu gehöre es, „differenzierende Perspektiven“ einzunehmen und sich „ausdrücklich auch außerhalb von ‘Mainstreamkorridoren’ und der gängigen politischen Agenda“ zu bewegen.

Um Vertrauen beim Publikum zurückzugewinnen oder zu retten, möchte Karola Wille auch eine neue Fehlerkultur etablieren: Es gehe darum, Fehler zu akzeptieren, zu kommunizieren und richtigzustellen. Das hatte zuletzt nicht ganz so gut geklappt: Während sich das ZDF fünf Tage nach Silvester offensiv in einem Facebook-Post für „Versäumnisse“ und „Fehleinschätzungen“ in seiner Köln-Berichterstattung entschuldigte, folgte der WDR erst einen Tag später – dann auch nicht mit einer Entschuldigung, sondern mit einer Erklärung der Redaktionsabläufe. Wenn man bedenke, wie durcheinander die Nachrichtenlage in dieser Zeit gewesen sei, dann halte sie die Berichterstattung des WDR generell für angemessen, sagte Wille in Leipzig. Allerdings müsse senderintern untersucht werden, ob es nicht frühere Berichte hätte geben können. Ein „Schweigekartell“ könne sie allerdings innerhalb der ARD nicht erkennen, betonte sie.

Zentrum für Medienkompetenz geplant

Karola Wille glaubt, dass die ARD-Intendantenkollegen ihre Vorstellungen von Transparenz teilen werden. Mit einigen habe sie bereits darüber gesprochen und festgestellt, dass sich alle einig seien, dass es eine neue Fehlerkultur brauche. Dazu gehöre auch ein neuer Ort für Berichtigungen. Sie könne sich eine Plattform der ARD vorstellen, auf der ähnlich jener, die das ZDF auf heute.de anbietet, Fehler korrigiert werden. Bisher ist der einzige Ort, an dem das innerhalb der ARD unregelmäßig passiert, der Blog der „Tagesschau“. Darin schreibt auch Kai Gniffke, der Chef von ARD-aktuell (u.a. „Tagesschau“, „Tagesthemen“). Dessen Blogeinträge dienen aber meist eher der Verteidigung der ARD-Berichterstattung als der Richtigstellung von Fehlern.

Wille räumte auf der Leipziger Veranstaltung ein, dass die Legitimation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Teilen der Gesellschaft nicht mehr selbstverständlich sei: Dieser Tatsache müssen man sich weiterhin stellen, sich damit auseinandersetzen, gegensteuern und aufklären. Dass so viele Menschen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht mehr vertrauten, liege auch daran, dass sie zu wenig über die Medien wüssten, glaubt Wille. In Erfurt möchte sie daher ein Zentrum für Medienkompetenz aufbauen, das trimedial arbeiten soll. Von dort soll dann auch ein monatliches Medienmagazin fürs Fernsehen produziert werden, das medienkritisch, aber auch medienpädagogisch berichten soll. Im Dritten Programm NDR Fernsehen gibt es seit 2002 das Medienmagazin „Zapp“, das sich auch mit der ARD kritisch auseinandersetzt. Und seit dem 8. August 2015 wird im von ARD und ZDF gemeinsam betriebenen Kika auch das speziell auf Kinder und Jugendliche zugeschnittene wöchentliche Medienmagazin „Timster“ ausgestrahlt (vgl. MK 19/15).

Ein zweites großes Thema sieht Karola Wille in der Digitalisierung. Die ARD habe bislang nicht das volle Potenzial der digitalen Möglichkeiten ausgeschöpft. Diskutieren will sie daher mit ihren Intendantenkollegen unter anderem über die Online-Mediatheken. Sie sollen nutzerfreundlicher werden. Dazu gehöre auch die Personalisierung des Angebots. Bisher hatten Verantwortliche innerhalb der ARD eine solche Personalisierung abgelehnt – zu groß war die Skepsis gegenüber der Datensammelei. Doch kommerzielle Streaming-Anbieter, die ihren Zuschauern schon seit langem ein personalisiertes Programm auf Basis von deren Lieblingssendungen bieten, zwingen den Öffentlich-Rechtlichen das Thema nun gleichsam auf.

Die Konkurrenz der Digitalmedien

Konkurrenz sieht die ARD-Vorsitzende unter anderem im US-Streaming-Anbieter Netflix, der jüngst angekündigt hat, in weitere 130 Länder expandieren und ein globales Fernsehnetz werden zu wollen, aber auch in Facebooks Angebot „Instant Articles“. 20 Prozent der Deutschen nutzen nach Angaben von Wille soziale Medien als primäre Informationsquelle – in dieser sich wandelnden Welt müsse die ARD ihren Platz finden. Ein wichtiger Schritt dahin soll das von ARD und ZDF gemeinsam betriebene Jugendangebot im Internet werden, das am 1. Oktober 2016 starten soll.

Um in der digitalen Medienwelt voranzukommen, setzt Karola Wille darüber hinaus auf mehr Kooperationen – ARD-intern wie mit privaten Medien. Aktuell zum Beispiel kooperiere der MDR mit dem Privatradio RSA bei der Verbreitung von DAB plus. Aber auch der Rechercheverbund von WDR, NDR und „Süddeutscher Zeitung“ sei ein Beispiel dafür, wie fruchtbar Kooperationen sein könnten. Als ARD-Vorsitzende wird sich Wille auch damit beschäftigen, inwieweit die ARD künftig noch über Olympische Spiele live berichten kann.

Der US-Medienkonzern Discovery hatte 2015 die Übertragungsrechte an den Olympischen Spielen 2018 bis 2024 erworben – und damit überraschend die öffentlich-rechtlichen Anbieter ausgestochen. Seit Ende vorigen Jahres verhandelt die ARD mit Discovery über Sublizenzen. Das Szenario, dass die Spiele nicht im Ersten übertragen werden, könne sie sich nur schwer vorstellen, sagte Wille in Leipzig. Eine Obergrenze, wie viel man maximal für die Rechte ausgeben wolle, sei aber noch nicht definiert worden. Das Sportbudget sei allerdings begrenzt, so die ARD-Vorsitzende.

22.01.2016 – Anne Fromm/MK