Aus Geldgier auf Mord gewettet: Fußball, Fernsehen, Wettanbieter und der Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund

Am 31. März veröffentlichte die „Medienkorrespondenz“ das nachfolgend zu lesende „Journal“, das unter der Überschrift „Fußball, Fernsehen, Wettanbieter: Von der Stresskompensation über Spielmanipulationen bis zur Suchtgefahr“ stand. In dem Text gab es auch einen Hinweis auf suchtartig betriebene Börsenspekulationen, die ein Fußballfunktionär betrieben hatte. Zwei Wochen später, am 13. April, widmete sich das „Journal“ dem Thema, wie das Fernsehen mit den Ereignissen um den Anschlag auf den Mannschaftsbus der Fußballmannschaft von Borussia Dortmund umging (siehe hier). Heute steht fest, dass beide Artikel in einem engeren Zusammenhang stehen, als zu erwarten war. Nach Angaben der Polizei hat, wie heute (21. April) die Medien berichten, der mutmaßliche Täter den Bus mit Tötungs- und Verletzungsabsicht der Insassen deshalb angegriffen, weil er zuvor auf einen dramatischen Kurssturz der an der Börse geführten Aktie der Lizenzspielerabteilung des Dortmunder Fußballvereins gesetzt hatte. Wenn sich das in einem Strafprozess bewahrheiten sollte, hat der Täter so gehandelt, wie es im „Journal“ zu den Fußballwetten stand: Er hat die Umstände, die den Ausgang eines Spiels oder hier die Veränderungen eines Aktienwerts bestimmen, mit größter Gewalt manipuliert. Er hat auf Mord gewettet. Er hat mit Mordversuch spekuliert. Das Motiv bei den Wetten wie den Aktienspekulationen: Geldgier. • D.L., 21.04.2017

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Wer sich im Fernsehen Fußball anschaut, kann ihnen nicht entgehen – den Werbespots der vielen Anbieter von Sportwetten. Beim Pay-TV-Sender Sky besteht mitunter der gesamte Werbeblock aus kurzen Reklamefilmchen, in denen Firmen wie Tipico, Bet-at-home, Betway, Bwin und wie sie alle heißen für Wetten auf Fußballspiele werben. Nicht genug damit, diese Firmen sponsern auch einige Mannschaften wie den FC Bayern München und zudem Teile der Sky-Sendungen; so müssen zum Beispiel die Kommentatoren des Senders zur „Tipico-Halbzeitanalyse“ überleiten. Man ist also von der Botschaft, sein Geld auf den Ausgang eines Spiels zu setzen, gleichsam umstellt. Man kann ihr gar nicht entkommen.

Angesichts dieser so intensiven wie teuren Werbeanstrengungen muss es sich um ein lukratives und offenbar steigerungsfähiges Geschäft handeln, das diese Wettanbieter betreiben. Der Sport hat sich darauf eingestellt. Die Vereine nehmen – so hat es den Anschein – jeden Sponsor, egal wie unseriös dessen Ruf ist und ganz gleich, als wie illiquide sich die Firmen nach einiger Zeit herausstellen. Es muss nur auf den ersten Blick so aussehen, als käme da regelmäßiges Geld rein. Doch anders als Energieunternehmen, Autohersteller oder Versicherungen handeln die Wettanbieter mit jenem Stoff selbst, der von den Vereinen oder angeschlossenen (Aktien-)Unternehmen fabriziert wird – nämlich mit dem Fußballspiel als solchem.

Denn jeder, der auf eine Partie wettet, möchte auf deren Ausgang in seinem Sinn Einfluss nehmen, indem er – wie es auch in einigen Werbespots dargestellt wird – mitfiebert oder zu okkultistischen Handlungen neigt. Da der Erfolg dieser glaubenstechnischen Verfahren nicht unbedingt garantiert ist, greifen professionelle Wetter zu anderen Methoden, die größeren Erfolg versprechen: Sie manipulieren Spiele, auf die sie setzen, indem sie Schiedsrichter, Trainer oder Spieler bestechen. Das wurde spätestens durch den Wettskandal im Jahr 2005 bekannt, als ein Bundesliga-Schiedsrichter gestand, mehrere Spiele unter anderem der zweiten Bundesliga manipuliert zu haben. Schon damals hatte man den Eindruck, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB), der für den Amateursport, den Pokalwettbewerb und die Nationalmannschaft zuständig ist, und die Deutsche Fußball-Liga (DFL), die den Profi-Spielbetrieb der ersten beiden Ligen organisiert, schnellstens von diesen Betrügereien ablenken wollten. Man habe alles im Griff, beteuerten die Funktionäre.

Dass es nicht stimmen kann, dass in Sachen Fußball und Wetten alles in Ordnung ist, sei es in Deutschland oder international, wird klar, wenn man die Ausgabe der holländischen Tageszeitung „De Volkskrant“ vom 25. März gelesen hat. In einer großen Story berichtete das Blatt an diesem Samstag, wie Patrick Kluivert – einer der Stars des holländischen Fußballs der 1990er Jahre – in die Fänge einer Wettmafia geraten war, bei der er zwischenzeitlich mit rund 1 Mio Euro verschuldet war. In dieser Zeit arbeitete Kluivert unter anderem auch als Trainer. Die Schulden hatte er aufgehäuft, weil er in immer größer werdenden Ausmaß auf den Ausgang von Fußballspielen gewettet hatte, darunter auch in den Jahren 2011 und 2012 auf Partien des Vereins Twente Enschede, bei dem er damals angestellt war. Spiele, auf die er wettete, will er als Trainer aber nicht beeinflusst haben. Öffentlich wurde der Fall, als die Wettmafia unter anderem mit Briefen an Kluiverts Ehefrau die Schulden eintreiben wollte – ein für diese Branche überraschend ziviles Mittel.

Die Einlassungen von Patrick Kluivert und seinen Anwälten zu alldem sind windelweich, erklären ihn allein zum Opfer und nicht zum Täter. Doch da der Vorgang juristisch noch nicht aufgeklärt ist, sollte man Mutmaßungen unterlassen. Wichtiger sind die allgemeineren Überlegungen, die in diesem Zusammenhang von der „Volkskrant“ angestellt werden. Die Zeitung erklärt die Wettsucht zu einer Ersatzhandlung, mit der Fußballspieler der höchsten Klassen in West- und Mitteleuropa gleichsam den Stress ihres Berufsalltags kompensieren. Das ermöglichte früher der Konsum von Alkohol, Nikotin und anderen Drogen. Durch die intensive Blut- und Gesundheitskontrolle der Doping-Agenturen wie der Vereine ist dieser Kompensationsweg inzwischen versperrt.

Eine Alternative bieten heute die Wetten – nicht nur auf den Ausgang von Fußballspielen, sondern auch beim Pokern auf Karten. Viele Spieler setzen regelmäßig bei diesem Kartenspiel hohe Summen, was vor einiger Zeit durch den Fall von Max Kruse (derzeit Werder Bremen) öffentlich wurde, als er einen Spielgewinn in einem Taxi verlor. Sie setzen aber auch auf Börsen- und Kursschwankungen. In diesem Sinne ist der größte Fall einer Spiel- und Wettsucht der des früheren Nationalspielers und nachmaligen FC-Bayern-Funktionärs Uli Hoeneß, der in den Jahren nach 2010 Summen im dreistelligen Millionenbereich in Devisentermingeschäfte investierte. Doch was in der Begrifflichkeit der Börse seriös klingt, ist nichts anderes als Wetten auf Verfahren, deren Ausgang ungewiss ist. Beschreibungen, wie intensiv Hoeneß das betrieben hat, lassen auf einen psychischen Zwang schließen, immer schneller zu setzen und die Einsätze kontinuierlich zu steigern. Diesen Zwang nennt man Sucht. Öffentlich wurde das nicht diskutiert, da es im Strafverfahren gegen Hoeneß in erster Linie um die Steuerhinterziehung ging, die er während dieser Börsenwetten begangen hatte. Der Zusammenhang zwischen der Wettsucht und dem Stress des Fußballgeschäfts blieb unerkannt.

Wenn Spielmanipulationen bekannt werden, wird der Betrug bekannt. Fußballfans, die betrogen wurden, werden unleidlich. Die größte Krise der Bundesliga-Geschichte trat ein, als Anfang der 1970er Jahre bekannt wurde, dass Spiele manipuliert worden waren, um den Abstieg mancher Vereine zu verhindern. Die Folge war ein drastischer Zuschauerrückgang. Ein erneuter Betrugsskandal, der durch Wettleidenschaft und Wettsucht ausgelöst würde, würde die Bundesliga heute ungleich schwerer treffen. Davon erzählen die Fernsehwerbespots der Wettanbieter natürlich nichts, wie sie auch auf die Suchtgefahr nur gezwungenermaßen hinweisen.

31.03.2017 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 10/2017

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