Fragwürdige Fortsetzung

US-Fernsehen: Die Serie „24: Legacy“ reicht nicht an ihr erfolgreiches Vorbild heran

Von Franz Everschor

24.2.17 • „24“ war eine der erfolgreichsten und unbestreitbar spannendsten amerikanischen Fernsehserien des beginnenden 21. Jahrhunderts. Zwei Monate nach den Attentaten vom 11. September 2001 kam sie zum ersten Mal auf den Bildschirm. Bald schon wurde die Serie zu einem großen Publikumserfolg, und das nicht zuletzt deshalb, weil ihre Handlung nach den Terroranschlägen geradezu hellseherisch die Atmosphäre im Land reflektierte. Der fiktive Spezialagent Jack Bauer, der Held von „24“, wurde zum Gesprächsthema nicht nur der Fernsehkritiker, sondern auch des Publikums.

Es war insbesondere die Grundausgangsposition, dass Jack Bauers oft alle menschlichen Grenzen verletzendes Verhalten die Verstörtheit und Furcht des amerikanischen Volkes nach 9/11 widerspiegelte, die der Serie das hohe Maß an Akzeptanz sicherte, mit der sie sich neun Jahre im Programm des Fox-Networks gehalten hat. Nicht zuletzt die Novität, die Ereignisse in Echtzeit ablaufen zu lassen, und die bei den Höhepunkten konsequent durchgehaltene Verwendung von Split-Screens trugen dazu bei, dass „24“ sogar von seinen Gegnern ein echter Neuwert im stagnierenden Umfeld des amerikanischen Serien-Einerleis jener damals noch nicht von den Kabelsendern okkupierten TV-Landschaft zugestanden wurde. Kiefer Sutherland wurde in der Rolle des Jack Bauer berühmt.

Zwei Enttäuschungen

Nun gibt es „24: Legacy“, ein Spin-off der ikonischen Serie, neugierig erwartet, aber einem völlig veränderten Programmumfeld ausgesetzt. Das amerikanische Publikum hat heute eine ungleich größere Auswahl und kann auf dem Sektor der in der Realität verankerten Serien auf zahlreiche andere, anspruchsvoller konzipierte Angebote zugreifen. Man denke nur an „Homeland“ oder „American Crime“. Fox sicherte dem „24“-Spin-off deshalb zum Start einen ganz außergewöhnlichen Sendeplatz: Die erste Folge wurde am 5. Februar direkt nach dem Mega-Ereignis Super Bowl ausgestrahlt, dem Finale um die Meisterschaft im American Football. Erste Enttäuschung: Die Auftaktfolge erreichte nur eine Sehbeteiligung von 17,6 Mio Zuschauern – an dieser herausragenden Stelle die niedrigste Einschaltquote seit dem Jahr 2003. Zweite Enttäuschung: Auch auf ihrem regulären Sendeplatz am Montagabend konnte sich „24: Legacy“ bisher nicht profilieren: Die Episoden 2 und 3 brachten es gerade mal auf rund 5 Mio bis 6 Mio Zuschauer.

Ist die neue Serie nun so viel schlechter gemacht oder um so viel weniger spannend als das Original? Diese beiden Fragen müssen verneint werden. Es sind dieselben Produzenten am Werk und sie haben sich nach Kräften bemüht, Handlung und Stil der Serie unverändert zu erhalten. Oft bis in kleinste Details entspricht die Machart dem Original. Die dramaturgische Zuspitzung auf ein die Neugier des Publikums stimulierendes Ende jeder Folge hat sich ebenfalls nicht verändert. Und auch die Geschichte, die von Eric Carter berichtet, einem Army Ranger, der mit seiner Spezialeinheit einen islamistischen Terroristenanführer getötet hat, nun in seine Heimat zurückkehrt und sogleich von Anhängern der Terroristengruppe verfolgt wird, entspricht durchaus dem vertrauten „24“-Konzept.

In Zeiten von Donald Trump

Doch der (diesmal schwarze) Held der Serie ist eben nicht mehr Jack Bauer und er wird auch nicht mehr von Kiefer Sutherland gespielt. Der hat sich sozusagen längst zivilisiert und spielt einen US-Präsidenten wider Willen in der neuen ABC-Serie „Designated Survivor“ (vgl. diese MK-Meldung und diesen MK-Artikel). An die Stelle von Kiefer Sutherland ist nun Corey Hawkins getreten, den manche Zuschauer aus dem Kinofilm „Straight Outta Compton“ kennen mögen. Hawkins ist kein Star und die Rolle in „24: Legacy“ hat auch zu wenig Ecken, um ihn interessant zu machen. In seiner Not muss Carter, der neue Protagonist, die Hilfe der Antiterroragentur CTU anrufen (für die auch Jack Bauer im Einsatz war) – und auch dort hat in der Zwischenzeit ein radikaler Personalwechsel stattgefunden: Die altbekannten Agentinnen und Agenten sind nicht mehr da, blasse neue Figuren haben deren Platz übernommen, der kuriose Edgar ist tot und von der kontaktgestörten Chloe O’Brian fehlt (zumindest bisher) jede Spur.

Ganz unabhängig von der geringen Begeisterung über „24: Legacy“, die sich auch in Äußerungen vieler TV-Kritiker und auf den Social-Media-Seiten im Internet niederschlägt, müssen sich die Produzenten die Frage gefallen lassen, ob sie eine in ihrer gesellschaftlichen Tendenz so vereinfachende und klischeehafte Serie im heutigen politischen Umfeld verantworten können. Was einst nichts anderes als spekulative Versatzstücke einer Actionserie waren, bekommt durch die realen politischen Entwicklungen der jüngsten Zeit ein anderes Gewicht. So ist nach dem Amtsantritt von Donald Trump als US-Präsident und dessen ersten Dekreten die unterschwellige Dämonisierung von Muslimen, die undifferenziert im Hintergrund der Story von „24: Legacy“ ihr Unwesen treibt, kaum noch zu tolerieren.

24.02.2017/MK

Print-Ausgabe 7/2017

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