Ein großes Maß an Freiheit

Interview mit der früheren RBB‑Intendantin Dagmar Reim

Von Dieter Anschlag

17.1.17 MK Dagmar Reim, geb. am 4. November 1951, war von Mai 2003 bis Juni 2016 Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), der bei ihrer Amtsübernahme aus der Fusion von Sender Freies Berlin (SFB) und Ostdeutschem Rundfunk Brandenburg (ORB) entstanden war. Reim war die erste Frau an der Spitze eines ARD-Senders, zweimal wurde sie vom RBB-Rundfunkrat wiedergewählt. Ihre dritte Amtszeit hätte eigentlich noch bis April 2018 gedauert; doch Reim entschied sich aus privaten Gründen dafür, Mitte dieses Jahres als Intendantin aufzuhören, was sie im November 2015 bekannt gegeben hatte (vgl. MK-Meldung). Dagmar Reim hat eine rund 40-jährige Karriere bei ARD-Sendern hinter sich: Bevor sie RBB-Intendantin wurde, arbeitete sie beim Bayerischen Rundfunk (BR), dann beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) und danach beim Norddeutschen Rundfunk (NDR); während ihres Studiums hatte sie ein Praktikum beim damaligen Südwestfunk (SWF) absolviert. Dieter Anschlag sprach mit Dagmar Reim in Berlin über ihre ausgeprägte öffentlich-rechtliche Rundfunkkarriere. • MK

- - - - - - - - - - - - - - - - - - -

MK: Frau Reim, nachdem Sie seit gut fünf Monaten nicht mehr Intendantin, sondern im Ruhestand sind, wie geht’s Ihnen jetzt?

Reim: Gut.

MK: Vermissen Sie denn trotzdem etwas?

Reim: Ich vermisse viele liebenswürdige und interessante Menschen, mit denen ich tagtäglich zusammengearbeitet habe. Aber an der Entscheidung aufzuhören gibt es nichts zu deuteln.

MK: Hat Ihr Medienkonsum mit Blick auf die Beobachtung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, also auch des früheren eigenen Senders, sich schon irgendwie geändert?

Reim: Nein. Mein Mann hält mich für einen News-Junkie. Er sagt: „Du liest alles, inklusive der Etiketten, die auf Mineralwasserflaschen kleben.“ Das heißt: Mein Konsum ist weiterhin nach dem Betäubungsmittelgesetz zu hoch.

MK: Dann beobachten Sie also weiterhin auch die öffentlich-rechtlichen Programme ganz besonders.

Reim: Alles.

MK: Alles?

Reim: Alles! Dankenswerterweise kann ich nicht alles sehen, nicht alles hören, nicht alles lesen, aber es hat einen überdurchschnittlichen Anteil an meinem Zeitbudget.

MK: Ihre eigene Karriere war von den Stationen her gleichsam eine bilderbuchhafte öffentlich-rechtliche Karriere. Sie sind vom Süden in den Westen, dann weiter in den Norden und schließlich in den Osten gegangen, konkret vom Bayerischen über den Westdeutschen zum Norddeutschen Rundfunk und schließlich zum Rundfunk Berlin-Brandenburg.

Reim: Es wäre vom Norddeutschen Rundfunk aus nur noch das Studio Flensburg möglich gewesen als nördlichste Station.

MK: Sie sind ja fast das öffentlich-rechtliche System in Person, haben fast 40 Jahre lang dort gearbeitet, und das war wahrscheinlich eine sehr bewusste Entscheidung. Hatten Sie niemals vor, vielleicht zur Presse zu gehen, einmal etwas anderes zu machen?

Beginn im Lokaljournalismus: Eine Schule der Präzision

Reim: Ich habe bei der Presse angefangen. Ich habe während meines Studiums bei kleineren Tageszeitungen als Praktikantin begonnen und ich habe das geliebt. Als ich bei der „Wormser Zeitung“ in den innerredaktionellen Eierhandel aufgenommen wurde, wusste ich, dass ich es geschafft hatte. Ich empfehle es heute noch jungen Berufsanfängern: Der Lokaljournalismus ist eine Schule der Präzision. Wenn man sonntags bei der Festveranstaltung ‘125 Jahre Männergesangverein Worms-Hochheim’ war und montags fand sich der Vereinsvorsitzende mit einem falschen Vornamen in der Zeitung, dann stand er alsbald in der Redaktion und es wurde sehr unangenehm. Sie können dagegen über Entwicklungen, die beispielsweise die Terrororganisation IS betreffen, fast alles kommentieren, weil es ja keiner überprüfen kann, und es wird Sie kaum einer zur Rechenschaft ziehen.

MK: Als in Deutschland 1984 das Privatfernsehen startete, waren Sie bereits knapp zehn Jahre beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, zuerst beim BR- und dann beim WDR-Hörfunk. Haben Sie seinerzeit, in dieser Aufbruchstimmung, mal an einen Wechsel zum privaten Fernsehen gedacht? Oder hatten Sie da schon so viel öffentlich-rechtliches Blut in Ihren Adern, dass Sie diesen Reiz gar nicht verspürt haben?

Reim: Ich halte die duale Medienordnung in Deutschland für richtig. Meine Sache ist aber immer der öffentlich-rechtliche Rundfunk gewesen.

MK: Warum?

Reim: Warum? Weil ich dieses unglaubliche Geschenk, das die Alliierten den Deutschen gemacht haben nach der Katastrophe des „Dritten Reiches“, für so wichtig halte; gleichzeitig für so erhaltenswert, aber auch für so zukunftsfähig, dass ich dachte: Es müsste schön sein, für ein System arbeiten zu dürfen, das frei ist von wirtschaftlichem Druck – und heute ist das wichtiger denn je –, das frei ist von gekaufter Sendezeit, frei von Lobbyismus und frei – daran habe ich immer gearbeitet – von politischem Einfluss.

MK: Sie haben gerade Ihren Medienkonsum beschrieben, was ja belegt hat, dass Sie, um es mal so zu nennen, weiterhin ein Medienmensch sind. Sie waren es Ihr ganzes Berufsleben lang und waren und sind es auch jetzt noch privat. Wie war denn Ihre Mediensozialisation? Wie fing das an in Ihrem Elternhaus, früher als Kind?

Reim: Meine Mediensozialisation war sozusagen eine selbständige. Meine Mutter und meine Großmutter haben so viel gearbeitet, die hatten wenig Zeit für Medien. Aber ich saß schon als kleines Mädchen im Stoffregal des Geschäfts, das meine Mutter führte, auf der Etage für Gardinenstoffe und habe Bücher gelesen. Und ich habe so intensiv gelesen, dass ich allenfalls mit einem halben Ohr mitbekommen habe, was die Frauen verhandelten, während sie Gardinenstoffe kauften. So hat es begonnen. Das war in Lorsch, einem kleinen Städtchen in Südhessen. Dann, ungefähr mit 14, 15 Jahren, bin ich zur örtlichen und einzigen Lokalzeitung gegangen und habe gefragt, ob sie Mitarbeiter bräuchten. Die brauchten sie. Sie konnten aber nichts bezahlen. Was mir aber egal war. Das heißt, ich habe lange Riemen über das Innenleben der katholischen Jugend Lorsch verfasst, die alle eins zu eins ins Blatt fielen, und das war ein sehr schönes Erfolgserlebnis. Ich war jung und brauchte das Geld nicht.

MK: Sie waren noch Schülerin.

Reim: Ja. Ich war natürlich auch Mitglied der Redaktion unserer Schülerzeitung. Die selbstverständlich eine Schülerinnenzeitung war und „Puella“ hieß, „das Mädchen“.

MK: Und wie hieß die Lokalzeitung in Lorsch genau?

Reim: Die Zeitung hieß „Lorscher Anzeiger“, eine Lokalausgabe des „Bergsträßer Anzeigers“. Aber sie existiert noch.

MK: Geboren sind Sie ja in Heidelberg in Baden-Württemberg.

Reim: Ja, da bin ich aber lediglich geboren, das Elternhaus war in Lorsch an der Bergstraße, Südhessen. Lorsch liegt nur knapp 40 Kilometer nördlich von Heidelberg.

MK: Spielten für Ihre Eltern Medien damals eine Rolle?

Reim: Ich bin in einem Matriarchat aufgewachsen. Und die Frauen hatten so viel zu arbeiten – es war Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit –, die hatten wenig Zeit für Medien, und es gab lange in unserem Haushalt keinen Fernseher. Ein Fernseher war etwas Tolles, was ein kleines Mädchen sich ersehnte. Also habe ich mich freiwillig bereiterklärt, jeden Abend die Milch vom Bauern zu holen. Ich ging also los mit meiner silbern glänzenden Kanne und kehrte lange nicht wieder zurück. Warum? Der Bauer hatte auf seiner Anrichte einen ungefähr 25 mal 35 Zentimeter großen Apparat stehen, der mich unfassbar faszinierte und sehr, sehr, sehr grobkörnige Bilder herausschickte. Da stand ich und stand ich und stand ich. Es ist nicht so, dass die Milch sauer geworden war, als ich nach Hause kam, aber ich roch noch so nach Bauernhof, dass meine Mutter immer sagte, es könne nicht sein, dass man bei einem kurzen Trip zum Bauern so einen Geruch an sich habe. Also, Fernsehen hat mich fasziniert. Irgendwann bekamen wir sogar ein Gerät und einer der Höhepunkte des Kinderlebens war, wenn ich dann aufbleiben durfte zu „Einer wird gewinnen“ mit Hans-Joachim Kulenkampff.

MK: Können Sie noch etwas zu Ihrem Elternhaus erzählen? Was heißt zum Beispiel, sie wuchsen in einem Matriarchat auf? Was hat Sie seitens Ihrer Eltern geprägt? War Ihre Jugend in Lorsch vom Katholizismus geprägt, was ja für Hessen eher untypisch ist?

Urgroßmutter, Großmutter, Mutter und ich

Reim: Bei uns lebten vier Frauengenerationen unter einem Dach: Urgroßmutter, Großmutter, Mutter und ich. Das waren – untypisch für die Fünfziger – selbständige Frauen mit der Überzeugung: „Wir lassen uns nie von Männern ernähren. Das macht abhängig.“ Ihr Katholizismus war tief verwurzelt, sie stammten aus Tschechien und konnten in der katholisch dominierten Kleinstadt nahtlos an ihre Tradition anknüpfen.

MK: Haben Sie dann in Lorsch Abitur gemacht?

Reim: In Bensheim. In Lorsch gab es kein Gymnasium.

MK: Wie ging es dann nach Schülerinnenzeitung, Lokalzeitungspraktikum und Abitur weiter?

Reim: Ich bin dann zum Studium nach Mainz gegangen. Während dieser Zeit habe ich ein Praktikum gemacht beim Südwestfunk, wie er damals hieß, im Landesstudio Mainz, und ein anderes bei der „Wormser Zeitung“, einer Lokalausgabe der Mainzer „Allgemeinen Zeitung“.

MK: Es war für Sie dann also spätestens jetzt klar, dass Sie beruflich, wie man heute so sagt, „was mit Medien“ machen würden.

Reim: Ich wusste das schon mit 15. Von Mainz bin ich dann nach München gewechselt, wo ich weiterstudiert habe, und während des Studiums habe ich dort als freie Mitarbeiterin beim Bayerischen Rundfunk angefangen.

MK: Sie haben Publizistik, Germanistik und Geschichte studiert...

Reim: ...Bayerische Geschichte im Hauptfach!

MK: Warum das?

Reim: Weil ich es so interessant fand. Wir hatten einen sensationellen Professor in München, Karl Bosl, der einfach eine – wie er immer sagte – „mentalité collective“ schilderte und der uns so die bayerische Wirtschafts-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte vielfältig und eindrucksvoll vermittelte. Heutzutage würde man sagen: Der Mann hatte ein Narrativ – neudeutsch. Der war anders als die anderen Professoren, der hat uns mitgerissen. Das hat mich so begeistert, dass ich freiwillig eine Magister-Arbeit über Ludwig II. geschrieben habe. Und während dieser Zeit habe ich frei beim Bayerischen Rundfunk gearbeitet, beim Radio. Es war schon damals ein renommiertes Jugendprogramm mit Rüdiger Stolze – „Club 16“, „Pop Sunday“ et cetera.

MK: Sie waren auch eine der ersten Stipendiatinnen am ifp, dem Institut zur Förderung des publizistischen Nachwuchses, also der Journalistenschule der katholischen Kirche in München.

Wunderbare Leute wie Oswald von Nell-Breuning und Karl Rahner

Reim: So ist es. Und das ifp hat mir diese Praktika vermittelt. Das machen sie bis heute: für ihre Stipendiatinnen und Stipendiaten Praktikumsplätze zu organisieren. Es begann so: Als ich in München studierte, hing irgendwo in der Uni ein Zettel: „Interesse am Journalistenberuf?“. Das war das ifp. Ich habe mich dem Auswahlverfahren gestellt und bin angenommen worden. Das lief dann parallel zum Studium. Und in den Semesterferien gab es sogenannte Ferienakademien, wo wir uns trafen und diskutierten mit wunderbaren Leuten wie Oswald von Nell-Breuning oder Karl Rahner. Das war eine ausgezeichnete Ausbildung, daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich gehöre dem Förderverein des ifp an.

MK: Nachdem Sie dann Ihr Studium und die Ausbildung beim ifp beendet hatten, hatten Sie da im Visier, beim BR eine feste Stelle zu bekommen?

Reim: Damals war es so, dass ich mich eher spielerisch um eine Stelle beim Bayerischen Rundfunk beworben habe, weil ich mir sicher war, dass ich die nicht bekomme.

MK: Weil sich so viele darum bewarben, zu viele?

Reim: Klar. Ich kam direkt von der Uni und war 23.

MK: Aber Sie wollten jetzt nicht zum Beispiel zur „Süddeutschen Zeitung“?

Reim: Nein.

MK: Es hat ja dann geklappt für Sie mit der festen Stelle beim BR. Und man kann also sagen: Sie wollten gleich zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, weil Sie dieses System schon damals dermaßen schätzten...

Reim: Ich fand das attraktiv. Es hatten mir ganz viele Leute vorher erzählt, der Bayerische Rundfunk sei ein persönliches Besitztum von Franz Josef Strauß. Ich habe das völlig anders erlebt. Wir hatten ein großes Maß an Freiheit in diesem Jugendprogramm.

MK: Das werden viele kaum glauben, aber man merkt das ja dem Bayerischen Rundfunk auch heute noch an. Das Dritte Fernsehprogramm des BR ist zum Beispiel sehr gut und in großen Teilen kulturell anspruchsvoll.

Reim: Wenn dort nicht gerade Herr Söder in einer Serie auftritt…

MK: Es gab und gibt halt beides. Nach fünf Jahren beim BR-Hörfunk sind Sie dann 1979 nach Köln zum WDR gewechselt. Was war der Grund? Sind Sie abgeworben worden?

Reim: Ich habe den klassischen Frauenweg eingeschlagen. Mein Mann war Korrespondent für Tageszeitungen: „Frankfurter Rundschau“, „Hannoversche Allgemeine“ und „Tagesspiegel“. Er ist damals als Korrespondent der „Hannoverschen Allgemeinen“ nach Bonn gewechselt, in die Hauptstadt. Und als gute Gattin ging ich mit. Beruflich habe ich für mich gedacht: „Bonn, öffentlich-rechtlicher Rundfunk, WDR, Köln“...

MK: ...und haben sich dort beworben?

Reim: Auch mein früherer Chefredakteur vom BR hat seinen Kollegen beim WDR mal angerufen und gesagt: ‘Die wäre vielleicht was für euch.’

MK: Und auch das hat dann geklappt. Wo waren Sie beim WDR tätig?

Reim: Ich war beim Radioprogramm WDR 2: Sechs Jahre „Morgenmagazin“, „Mittagsmagazin“ und „Thema heute“.

Chefs, die mit breitem Kreuz vor uns standen

MK: Sie waren also bei WDR 2, als dieses Programm noch journalistisch geprägt und politisch-gesellschaftlich relevant war und nicht die Service- und Rätselspielchen-, Hausparty- und Wohlfühlwelle, die das Programm heute geworden ist.

Reim: Ich habe da leider keinen Überblick mehr. Ich habe aber damals zum Beispiel eine Kollegin gehabt, mit der ich jeden Mittag um 15.00 Uhr um die Themen streiten musste. Sie war Redakteurin beim „Morgenmagazin“ und ich war beim „Mittagsmagazin“. Diese Redakteurin war Monika Piel.

MK: Und diese beiden Sendereihen, die sind verbunden mit legendären Moderatorennamen: Klaus Jürgen Haller, Manfred...

Reim: ...Erdenberger, Rolf Buttler, Dieter Thoma. Bei WDR 2 habe ich dann auch angefangen zu moderieren, in der Sendereihe „Zwischen Rhein und Weser“.

MK: Was war das Prägende für diese WDR-Zeit?

Reim: Das Prägende für die WDR-Zeit war, ebenso wie ich es im BR erlebt habe, ein großes Maß an Freiheit. Unsere Chefs – Dieter Thoma, Manfred Jenke – haben ein Klima geschaffen, in dem wir viel ausprobieren durften, und es gab reichlich oft Ärger und da habe ich festgestellt, dass sie mit breitem Kreuz vor uns standen. Der größte Ärger, an den ich mich erinnere, war der legendäre „Radiothek“-Krach bei WDR 2, der 1980 zur Abschaffung der Sendung führte. Nun gehörten wir mit unserer Redaktion nicht zur „Radiothek“, aber wir waren Zimmernachbarn. Die „Radiothek“ war bei den jungen Hörern Kult.

MK: Im Jahr 1986 wechselten Sie dann zum Norddeutschen Rundfunk nach Hamburg. Sagen wir mal so: Es ist zu vermuten, dass der auslösende Grund nicht direkt bei Ihnen lag?

Die parteipolitisch verfestigten Blöcke beim ZDF

Reim [lächelt]: Ja, mein Mann ging nämlich nach Hamburg zum „Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt“. Ich selbst wollte weder aus München weg noch aus Köln, aber es war gut, dass es so kam. Und wenn mein Man mich heute ärgern will, dann sagt er: „Wenn es nach dir gegangen wäre, säßest du heute noch im Jugendfunk des Bayerischen Rundfunks.“ Was aber Unsinn ist, denn ich war ja damals bereits beim Zeitfunk – also in der aktuell-politischen Redaktion.

MK: Beim NDR waren Sie dann rund 17 Jahre und Sie stiegen die Karriereleiter nach oben.

Reim: Ich war zuerst Redakteurin bei den Radioprogrammen NDR 2 und NDR 4. Dann war ich NDR-Pressesprecherin. Und ARD-Sprecherin, als NDR-Intendant Jobst Plog Vorsitzender der ARD war. Ich war danach Chefredakteurin Hörfunk und habe das Programm NDR Info mitgegründet. Ab 1998 war ich dann Direktorin des Landesfunkhauses Hamburg.

MK: Wie sehen Sie diese Zeit beim NDR im Rückblick?

Reim: Als ich zum NDR kam, war die Anstalt mit den Nachwirkungen eines fundamentalen politischen Streits beschäftigt, der auch bundesweit beachtet wurde. Ich hatte noch in Köln auf der Domplatte an einem sehr regnerischen Tag mit vielen Kollegen für den Erhalt des NDR demonstriert unter dem Motto: „Drei Länder, ein Sender“. Es ging damals um die Kündigung des NDR-Staatsvertrags durch die beiden CDU-Ministerpräsidenten Ernst Albrecht und Gerhard Stolten­berg. Und in diesen Sender kam ich dann, und ich hatte vorher gehört: Dort werden selbst die Pförtner nach Parteibuch ausgesucht. Aber ich habe auch davon nichts zu spüren bekommen, habe erneut ein großes Maß an Freiheit erlebt. Auch das lag daran, dass Vorgesetzte uns haben machen lassen. Aber es hat sicher auch die anderen Erfahrungen gegeben, das kann man ja nachlesen. Doch da steht das Radio – und dafür war ich ja am Anfang tätig – auch ein wenig im Windschatten. Wenn Politik sich wirklich aufregt, dann doch in der Regel über das Fernsehen. Das ist meine Erfahrung in all den Jahren.

MK: Sie haben es nun dreimal gesagt, geschildert aus der Binnensicht, dass Sie große Freiheiten hatten bei Ihrer jeweiligen Arbeit. Was glauben Sie denn, woher es kommt, dass von außen immer so viele behaupten, eigentlich stehe der öffentlich-rechtliche Rundfunk zum großen Teil unter der Fuchtel der Politik?

Reim: Ich halte das für übertrieben und ich denke, dass es immer auch an einem selbst liegt. Auch hier gilt, dass es zwei für einen Tango braucht. Es braucht denjenigen, der Einfluss nehmen will, und den anderen, der das hinnimmt. Man muss das keineswegs schlucken und man muss kein Märtyrer sein, um es abzulehnen. Gut ist, von Anfang an klare Verhältnisse zu haben. Die hatte ich als Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg, weil mich dort zunächst niemand aus den großen Parteien wollte. Das war – rückblickend betrachtet – außerordentlich hilfreich. Denn zu enge, geradezu liebevolle Kontakte zum politischen Umfeld und Umarmungen werden dann leicht zu Würgegriffen in schwierigen Zeiten. Wenn man das von vornherein nicht zulässt, sondern auf Äquidistanz achtet, ist es nicht so schwer.

MK: Als der Posten für die Intendanz beim RBB 2003 neu besetzt wurde, hatten Sie bei der Wahl drei Männer als Gegenkandidaten, nämlich Ulrich Deppendorf, den damaligen WDR-Fernsehdirektor, Georg Quander, den ehemaligen Intendanten der Berliner Staatsoper, und den Unternehmensberater Bernt von zur Mühlen. Vielen galt Deppendorf als Favorit. Wie haben Sie der Wahl entgegengeblickt?

Reim: Ich dachte, dass ich keine Chance habe.

MK: Wegen der Männer?

Reim: Wegen der drei Gegenkandidaten. Und über einen hatte ich gehört, seine Wahl sei ausgemachte Sache. Da dachte ich aber, das probiere ich jetzt mal.

MK: Als Sie dann Ihren Hut in den Ring geworfen haben, war das schwer, war es schwerer als gedacht? War das ein Problem, dass Sie wussten, Sie würden die erste Frau in der Intendanz einer ARD-Landesrundfunkanstalt sein und Sie müssten, wenn Sie’s würden, eine Männerphalanx von Intendanten einrennen?

Reim: Nein, das hat mich gar nicht beschäftigt. Dass mein Chef und Freund, Jobst Plog, gesagt hat: „Mach mal!“, hat mich ermuntert.

MK: War das der Auslöser, dass Sie es gemacht haben?

Reim: Ja, ich denke, das war der ausschlaggebende Kick. Ich habe mir das überlegt. Ich habe Dinge gefunden, die dafür sprachen. Ich habe mich an Dinge erinnert von kurz zuvor bei der ZDF-Intendantenwahl 2002, als ich ja ebenfalls Kandidatin war. Am Ende lief es dann dort auf meinen Satz „Mainz bleibt Mainz!“ hinaus. Ich fragte mich auch selbstkritisch: Hole ich mir da jetzt eine zweite Niederlage ab?

MK: Aber Sie sind beim RBB – und anders funktioniert so etwas ja wohl auch kaum – vorher von jemandem gefragt oder gebeten worden zur Kandidatur?

Reim: Ja, ich bin gebeten worden von der Findungskommission des RBB-Rundfunkrats. Sonst hätte ich es nicht gemacht. Es war keine Initiativbewerbung.

MK: Wie war das beim ZDF gelaufen?

Reim: Ich wurde auch dort von Fernsehräten gefragt.

MK: Und dann haben Sie zuerst zugesagt, dass Sie kandidieren würden, die Zusage dann aber zurückgezogen.

Als erste Frau im Kreis der ARD-Intendanten

Reim: Ich habe die Zusage nicht zurückgezogen, sondern mich mehreren Wahlgängen gestellt. Ich sah aber, dass diese parteipolitisch verfestigten Blöcke im ZDF wie Granit waren. Da war nichts zu machen.

MK: Beim ZDF wurde dann ja im März 2002 nach einer höchst schwierigen Wahl Markus Schächter Intendant, das Verfahren zog sich über Monate hin, Schächter wurde im fünften Wahlgang gewählt. Als Sie beim RBB zur Intendantin gewählt wurden, wie haben Sie das erlebt? Es war ja historisch: Sie wurden dann ja damals tatsächlich die erste Intendantin innerhalb der ARD, und das bei einem neuen, fusionierten Sender.

Reim: Ich weiß noch: Es war damals der zweite oder dritte Tag des Irak-Krieges. Man hatte eigentlich auch ein paar andere Sachen im Kopf. Ich war sehr überrascht und habe mich sehr gefreut.

MK: Überrascht waren Sie vor allen Dingen deswegen, weil Sie sich als Frau durchgesetzt haben? Oder einfach überhaupt?

Reim: Überhaupt. Ich war ja immer eine Frau, das ist für mich normal. Deswegen kam ich nicht auf die Idee, dass es so etwas Besonderes wäre, als Frau eine Intendanz zu übernehmen. Ich war ja auch noch etwas anderes.

MK: Sie waren Chefin des NDR-Landesfunkhauses Hamburg und hatten eine erfolgreiche Laufbahn im öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorzuweisen. Also die eigentliche, die berufliche Qualifikation für das Amt.

Reim: Ich habe später schon gemerkt, dass es schon etwas Besonderes ist, die Erste von allen zu sein. Im Moment der Wahl aber nicht.

MK: Sie waren dann also die erste Frau im Intendantenkreis der ARD. Nun ist es ja so, dass es im oberen Management sehr männerbündisch zugeht – nicht nur im Intendantenkreis, auch in der Politik, bei den Gewerkschaften...

Reim: ...vor allem in der Wirtschaft.

MK: Da wird auch häufig viel getrunken, wenn man zusammen ist und berät, und auch danach. WDR-Intendant Fritz Pleitgen hat ja mal von einer Rotweinrunde gesprochen.

Reim: Der alte Fritz und seine langen Kerls, nicht wahr?

MK: Nachher hat er, falls das jetzt nicht falsch erinnert ist, mal gesagt, es sei in Wirklichkeit eher eine Wodkarunde gewesen. Wie auch immer, der eine oder andere Intendant, den man bei abendlichen Empfängen erlebt hat, hat jedenfalls manchmal auch schon mal ganz gerne mehr getrunken, als ihm in dem Moment gutgetan hätte. Dieses männerbündische Element wird also in einem solchen ARD-Kreis eine entsprechend starke Rolle gespielt haben. Wie haben Sie das empfunden?

Reim: Für mich war es kein Problem. Es waren in der Runde viele Bekannte. Mein Freund Jobst Plog, Fritz Pleitgen, der mir vom WDR vertraut war, Thomas Gruber vom BR und Udo Reiter vom MDR, der schon beim Bayerischen Rundfunk mein Büronachbar gewesen war. Da haben Sie schon die Mehrheit, mit der ich gut zurechtkam. Mit dem Männerbündischen gab es auch kein Problem, weil ich in der Regel früh verschwand, um zu lesen, und weil ich wenig trinke, aber nicht aus moralapostolischen Gründen, sondern einfach so.

MK: Weil man auch mal einfach seinen Schlaf braucht…

Wie der Kinderkanal nicht nach Potsdam kam

Reim: Nein, nicht unbedingt deshalb. Ich habe dann schon noch sehr lange gelesen und das gegebenenfalls auch noch sehr früh morgens fortgesetzt. Ich bin nicht so die Gesellschaftstrinkerin. Ich habe andererseits auch nichts gegen Leute, die sich bis drei Uhr nachts gerne einen ‘reinstellen. Das ist völlig in Ordnung.

MK: Fallen nicht dann und wann zu weinseliger Nachtzeit noch wichtigste Entscheidungen?

Reim: Ich hätte es bemerkt, glaube ich, wenn ich in diesen 13 Jahren als Intendantin bei solchen Runden etwas verpasst hätte. Einer meiner beiden Vorgänger hat mir eine Geschichte erzählt, dass er mal etwas Riesiges versäumt hatte, und er war ja keine Frau… Hansjürgen Rosenbauer, Intendant des ORB, der dann ja mit dem SFB zum RBB fusionierte, hat berichtet: Er ging bei einem Intendantentreffen irgendwann zu Bett im Bewusstsein, der Kinderkanal werde in Potsdam-Babelsberg beim ORB entstehen. Er wachte am nächsten Morgen auf und der Kinderkanal war in Erfurt beim MDR, weil Udo Reiter in der Nacht mit Whisky und mehr die Sache gedreht hatte. Die Informationen sind second hand, aber es soll so gewesen sein.

MK: Sie hatten somit, weil Sie viele Ihrer Intendantenkollegen kannten, einen guten und reibungslosen Einstieg, unter Männern, sozusagen. Es war nicht so, dass Sie da autoritätsmäßig Eis brechen mussten?

Reim: Nein.

MK: Oder dass Sie bei bestimmten Dingen geschnitten wurden oder man Sie ‘raushalten’ wollte?

Reim: Gar nicht.

MK: Sie sind im Juni dieses Jahres vom Journalistinnenbund für Ihr Lebenswerk mit der Hedwig-Dohm-Medaille ausgezeichnet worden, nicht zuletzt auch deshalb, weil Sie im Rundfunk Frauenförderung betrieben haben – was ja offenbar nötig war.

Frauenförderung ohne Männer ist sinnlos

Reim: Ja, das war nötig, weil der Anteil von Frauen in Führungspositionen viel zu gering war. Beim ORB war er, da Osten, traditionsgemäß höher, im SFB aber ebenfalls niedrig. Ich wollte den Anteil von Frauen in Führung beim neuen RBB deutlich erhöhen.

MK: Wie macht man so etwas praktisch? Wie haben Sie Frauenförderung betrieben?

Reim: Auf gewaltfreiem Wege und auf dem Wege der Überzeugung. Frauenförderung ohne Männer ist sinnlos. Ich habe versucht, den Kollegen nahezubringen, dass sie sehr profitieren können, wenn sie in gemischten Teams arbeiten: Frauen, Männer, Alte und Junge. Wenn möglich, auch noch divers in den Lebensrichtungen, in der sexuellen Orientierung. Und ich denke, dass da steter Tropfen den Stein höhlt. Mein Eindruck ist: Die Kollegen selbst sind damit zufrieden, dass sehr viele Frauen in wichtigen Positionen arbeiten, aber selbstverständlich gibt es dazu im Sender auch die Gegenmeinung.

MK: Doch es hat sich letztlich offenbar viel Positives getan. Können Sie also sagen, dass man durchaus zufrieden sein kann mit dem, was sich entwickelt hat?

Reim: Damit kann man wirklich sehr zufrieden sein – mit 43 Prozent Frauen in Führungspositionen beim RBB. Das ist einzigartig beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland.

MK: Was halten Sie bezüglich der Gleichstellung von Quotenregelungen?

Reim: Ich habe das nie gebraucht, weil ich einfach von dem Anliegen überzeugt bin. Ich habe auch nie genau die Zahlen geprüft, sondern ich habe stetig daran gearbeitet, dass sich etwas verändert. Es gibt wahrscheinlich Menschen, die Quoten brauchen, weil sie sonst nicht in die Hufe kommen.

MK: Muss man nicht sagen, dass es beim RBB auch deshalb wahrscheinlich besonders gut funktioniert hat, weil eine Frau Intendantin war?

Reim: Der Umkehrschluss, dass es mit der Gleichstellung besonders gut klappt, sobald Frauen in Führungspositionen sind, ist ja, wie wir in der Wirtschaft und in anderen Bereichen sehen, nicht unbedingt richtig. Es wird nicht alles besser, weil eine Frau an der Spitze steht. Mir hat es aber geholfen, die Gleichstellung von Frauen und Männern voranzutreiben, weil ich die Chefin des Ladens war. Das heißt: Frauenförderung können Sie von oben aus besser betreiben, als wenn Sie alleine unten stehen. Das ist logisch. Das gilt für jeden Intendanten ebenso. Er kann Konkretes erreichen, wenn er will.

MK: Frau Reim, Sie waren 13 Jahre Intendantin beim Rundfunk Berlin-Brandenburg, Sie waren nicht nur die erste Intendantin im ARD-Verbund, Sie waren auch Intendantin einer ganz neuen Landesrundfunkanstalt, einer neuen Zwei-Länder-Anstalt, die im Mai 2003 als Resultat der Fusion von SFB und ORB auf Sendung ging. Was ist das Besondere am RBB, dem Sender der Bundeshauptstadt Berlin, dem Sender für das Land Brandenburg, was macht ihn anders als alle anderen Anstalten der ARD?

Reim: Der RBB hat mehrere Besonderheiten. Er ist der jüngste Sender der ARD und er besteht, wie Sie sagten, aus zwei sehr unterschiedlichen Sendern, die zusammengekommen sind: einem größeren, traditionsreichen Sender, dem Sender Freies Berlin – 37 Jahre Frontstadt, 13 Jahre ganz Berlin –, und dem Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg, einem Kind der Wende, das zwölf Jahre alt geworden ist. Das sind zwei sehr weit voneinander entfernte Ausgangspositionen. Die galt es zu vereinen, zu versöhnen und auf einen gemeinsamen Weg zu bringen.

MK: War diese Grundvoraussetzung des neuen Senders RBB tendenziell eher ein Problem oder eher eine Chance?

Berlinerinnen und Berliner neigen zur Selbstgeißelung

Reim: Es war jedenfalls nicht nur ein Problem. Es gab viele Probleme, aber wir haben am Anfang eine Sache richtig gemacht. 800 Leute arbeiten jetzt an einem anderen Platz als früher. Und sobald Menschen in einem Arbeitszusammenhang sind, an einer Werkbank stehen, fragen die nach acht Wochen nicht mehr: ‘Kommst du von hier? Kommst du von dort?’ Das haben wir gut hingekriegt. Gleichwohl hatte die Fusion große Schmerzen verursacht, vor allem auch deshalb, weil wir finanziell katastrophal dastanden. Der RBB war als einer der kleinsten ARD-Sender stets sehr klamm und es wird heute gerne übersehen, wie schwierig die finanzielle Konsolidierung war. Das hat extreme Sparprogramme gefordert, die den Kolleginnen und Kollegen sehr viel abverlangt haben. Wir haben jahrelang niemanden einstellen können. Diese Leute fehlen dem RBB heute.

MK: Auch heute kann man sie nicht ohne weiteres einstellen, oder?

Reim: Aber es ist jetzt finanziell sehr viel besser, was bekanntermaßen vor allem mit der Umstellung auf den allgemeinen Rundfunkbeitrag zu tun hat. Das hat dem RBB viel Geld eingebracht.

MK: Der ORB war ja eigentlich ein ganz guter Sender geworden in der kurzen Zeit unter Rosenbauer und hatte nicht so eine lange Vorgeschichte wie der SFB. Und da der ORB ein gut funktionierender Sender war, war er bei der Fusion ja vermutlich ein eher unproblematischer Faktor. Der SFB dagegen war ein Sender, der völlig durchpolitisiert war und der, so hatte man den Eindruck in den letzten Jahren seiner Existenz – Stichwort „Landowsky-Connection“ –, der sich im Grunde genommen selbst lahmgelegt hatte, bei dem nichts Richtiges mehr entschieden werden konnte, weil die politischen Blöcke den Sender paralysierten. Man hatte fast den Eindruck, wenn nicht der Glücksfall der Fusion passiert wäre, hätte sich der SFB vielleicht irgendwann selbst aufgelöst, weil er nicht mehr handlungsfähig gewesen wäre. Inwiefern war diese verquere Situation beim SFB für Sie noch spürbar? War das für Sie ein Problem, als Sie Ihr Amt beim RBB antraten?

Reim: Ich kenne viele Geschichten aus dem Vorleben des Senders Freies Berlin. Da ich aber keine dieser Episoden erlebt habe, bin ich äußerst vorsichtig, sie zu beurteilen. Und die Tatsache, dass ich vom Rundfunkrat des RBB gewählt wurde, entgegen allen Absprachen, hat uns ein großes Maß an Bewegungsfreiheit gegeben.

MK: Damit war das abgeschüttelt?

Reim: Ja. Da gab es dann noch ein paar Nachwehen, also, dieselben Menschen, die mich vorher nicht wollten, hatten dann zum Beispiel plötzlich gute Ideen, wer beim RBB Direktor werden könnte. Denen habe ich gesagt: ‘Sie wollten mich doch gar nicht. Ich habe Ihnen nichts versprochen. Ich werde nichts halten.’ Damit war die Sache eigentlich klar.

MK: Der alte Sender Freies Berlin dürfte aber die schwierigere Teilaufgabe der Fusion gewesen sein, oder?

Reim: Nein. Es wäre ein Irrtum zu denken, dass Politikerinnen und Politiker lediglich aus Berlin an Einfluss interessiert wären. Es sind ja in Wahrheit auch nicht allein Politiker. Es sind Leute aus der Wirtschaft, aus Verbänden, manchmal sogar aus Kirchen, die gerne Einfluss nähmen.

MK: Die Gremien, mit denen Sie beim RBB während Ihrer Amtszeiten zu tun hatten – wie hat das funktioniert?

Reim: Sehr gut. Das verdanken wir unter anderem dem sehr guten Staatsvertrag zwischen Berlin und Brandenburg. Hier geht ein großes Kompliment an unsere Muttergemeinwesen, die beiden Länder. Um bei dem politischen Einfluss zu bleiben: Es wäre beim RBB gar nicht möglich, selbst wenn Politiker jeglicher Couleur sich miteinander liierten – was sehr unwahrscheinlich ist –, dass sie im Rundfunkrat etwas gemeinsam bewegten. Dort sitzen insgesamt sieben von den Parlamenten entsandte Politikerinnen und Politiker. Es gibt im RBB-Rundfunkrat keine Freundeskreise, keine Einflussgruppen. Das habe ich als ebenso wichtig wie angenehm empfunden.

Radioprogramme, um die uns die Republik beneidet

MK: Es sagen ja nicht wenige, dass insbesondere Berlin politisch ohnehin nicht so richtig viel hinkriegt, dass diese Stadt so ein bisschen schwierig ist, milde ausgedrückt.

Reim: Ich liebe Berlin und lebe hier ausgesprochen gern. Das gilt für uns alle, die wir hier arbeiten. Wir würden nie in den Kreis der Berlin-Basher eintreten. Man kann natürlich nicht sagen, dass hier alles klappt. Aber wo klappt schon alles? Ich meine, wir haben keine Elbphilharmonie, kein Stuttgart 21, wir haben den BER. Über die Elbphilharmonie hat sich in Hamburg nie jemand so aufgeregt, wie wir das in Berlin beim BER tagtäglich tun. Berlinerinnen und Berliner neigen zur Selbstgeißelung.

MK: Beim RBB hat jedenfalls vieles gut geklappt, der RBB ist heute ein recht stabiler Sender im ARD-Verbund. Man könnte jetzt also auch fragen: Was würden Sie besonders hervorheben an positiver Entwicklung? Aber apropos Berliner Selbstgeißelung: Von außen fragen viele häufig eher nach Gegenteiligem. Also: Warum kann der RBB nicht auch dieses machen, warum kann er nicht jenes machen? Er ist doch der Hauptstadtsender – warum hebt er sich da in der ARD nicht stärker hervor?

Reim: Warum kann der RBB etwas nicht machen? Das war ausschließlich finanziell grundiert. Wir hätten gern mehr gemacht. Jetzt, da es dem RBB besser geht, hat meine Nachfolgerin Patricia Schlesinger viele Möglichkeiten. Wir hatten sie nicht. Wir wussten oft gar nicht, wie wir das bestehende Programm bezahlen sollten.

MK: Was würden Sie denn sagen: Was sind die positiven Entwicklungen?

Reim: Das Positive ist zum Beispiel, was wir an Programm auf den Weg gebracht haben. Das RBB Fernsehen hat gute Sendungen – das gilt nicht für alle, aber für viele. Und das sehr Positive ist, dass wir kreative Radioprogramme haben, um die uns die Republik beneidet. Auch positiv ist, dass wir uns – nach langer Zeit, als wir es uns einfach nicht leisten konnten – vor zwei Jahren doch aufgerafft haben, im Internet etwas mehr zu machen. Dafür war auch zu wenig Geld da, aber dennoch haben wir uns mit RBB 24 in die richtige Richtung bewegt.

MK: Wenn es nicht der Rundfunk Berlin-Brandenburg wäre, sondern der Saarländische Rundfunk oder Radio Bremen, würden die Kritiker nicht so draufhauen.

Reim: Nein, natürlich nicht. Es ist eben der Hauptstadtsender.

MK: Aber warum ist es dem RBB bis heute nicht möglich gewesen, ein prägendes Metropolenprogramm zu machen?

Reim: Was wäre Ihrer Meinung nach ein prägendes Metropolenprogramm?

MK: Ein Programm oder sagen wir: eine Sendung zumindest, wo Berlin im Mittelpunkt steht. Die Hauptstadt, so wie Paris oder London. Da könnte man doch denken, so eine spezielle Sendung, die müsste es doch geben können im Ersten.

Die Dritten Programme sind Experimentierbühnen

Reim: Wir haben es versucht, mit „Polylux“. Es hat sich nicht durchgesetzt. Und da gibt es immer noch einen kleinen Phantomschmerz bei einigen. Ob das Erste ein spezielles Hauptstadtmagazin, kulturell geprägt, braucht? Die Liebe der Menschen in Deutschland zu dieser Hauptstadt erscheint uns eher mittel. Sie fahren gern nach Berlin und machen sich ein tolles und auch noch dazu eher preiswertes Wochenende, wenn Sie es vergleichen mit Hamburg oder München. Aber die Anzahl der Menschen, die sich in einer regelmäßigen Sendereihe anschauen wollen, was wir hier in Berlin so treiben, halte ich für übersichtlich. Und dann lautet die nächste Frage: Warum hat Berlin keine eigene Talkshow? Antwort: Weil es genügend Talkshows gibt. Der ARD ist bis vor kurzem vorgeworfen worden, sie übertalke die Leute mit fünf Sendungen. Das haben wir mittlerweile reduziert. Und ich habe nicht den Eindruck, dass wir jetzt an Talkshow-Auszehrung leiden.

MK: Man könnte aber auch sagen: Warum müssen die Talkshows im Ersten immer vom WDR oder vom NDR kommen?

Reim: Das ist eine Frage des Geldes.

MK: Einerseits. Aber andererseits: Talkshows fürs Erste zu produzieren, das ist doch kein Erbhof von WDR und der NDR…

Reim: Sagen Sie das denen mal!

MK: Ja, dieser Frage sollten sich diese großen Sender doch mal stellen.

Reim: Die werden begeistert sein.

MK: Aber das ist dann doch auch eine Art Engstirnigkeit. Die müssen doch auch mal, einmal, über ihren Schatten springen können. Ist das so schwer in der ARD?

Reim: Geldfragen sind Machtfragen, und auf gewaltfreiem Wege kommen Sie da nicht weiter. Wenn Sie sagen: ‘Nimm mal da deinen Günther Jauch, deine Anne Will, deine Sandra Maischberger weg, jetzt komme ich mit Herrn Meyer aus Berlin’, da werden die sich herzlich bedanken.

MK: Ja, aber dann sind wir ja in einem System, wo es eigentlich Zeit wird, dass man mal die Grenze sprengt...

Reim: Ja.

MK: Berlin hat die beste deutsche Theaterszene. Könnte man sich vorstellen, dass der RBB aus Berlin ein Theatermagazin fürs Dritte oder sogar Erste Programm machen kann, sagen wir: einmal pro Monat?

Reim: 3sat hatte so etwas mit „Foyer“, ich weiß gar nicht, ob es das noch gibt. Ein eigenes Theatermagazin? Wir könnten einen Thriller darüber drehen, welches Theater es hier zur Zeit in Berlin um das Theater gibt. Das glaube ich schon. Über die Neubesetzung der „Volksbühne“ zum Beispiel. Über die des „Berliner Ensembles“: Arbeitstitel „Götterdämmerung“...

MK: Müsste die Multikulturalität, der ganze ethnische Pluralismus von Berlin, nicht stärker in den Programmen berücksichtigt werden, heute mehr denn je?

Reim: Dafür habe ich mich immer sehr eingesetzt. Und ich bin sehr froh, dass wir jetzt in den meisten Radioprogrammen und auch im RBB Fernsehen Menschen haben, die nicht aussehen, wie Anschlag und Reim. Das hat lange gedauert, aber es hat geklappt.

MK: Mal etwas provokativ gefragt: Warum läuft „Berlin – Tag und Nacht“ bei RTL 2? Hätte nicht auch der RBB solch ein Format entwickeln können, in seriöser Variante? Also, zugespitzt formuliert: Scripted Reality nicht mit Prolls, sondern mit echten Menschen?

Reim: Wir haben das ja gemacht: „24 Stunden Berlin“. Ich denke, dass es in diese Richtung auch weitergehen kann. Der RBB hätte in seinem Dritten Fernsehprogramm gern eine Hauptstadtserie, wie sie der BR mit „Dahoam is dahoam“ hat. Die konnten wir nie bezahlen. Ich weiß nicht, ob das jetzt gehen wird. Es ist sehr erstrebenswert, solch eine Weekly oder Daily zu haben – mit Rückbindung an die eigene Region. Das wäre ein Traum.

MK: Oder auch eine Berliner „Lindenstraße“…

Reim: Ja, sehr gerne. Oder die „Drei Damen vom Grill“ in einer zeitgemäßen Form. Das ist alles sehr wünschenswert, aber war alles finanziell nicht machbar, und das ist keine triviale Entschuldigung. Es ging gar nicht.

MK: Allgemein kommt es einem ja schon so vor, als wenn die Dritten Programme der ARD-Landesrundfunkanstalten in einer gewissen Provinzialität versinken, umkranzt von Service-Mainstream. Wie es beispielsweise der Hessische Rundfunk auf die Spitze treibt mit Sendungen wie „Die beliebtesten Wanderwege der Hessen“ oder „Klinik-Check Hessen: Hüftprothese – Welche Klinik ist für mich geeignet“.

Reim: Die Dritten Programme sind meiner Meinung nach die Experimentierbühnen für das Erste. Das mag in dem einen oder anderen Fall nicht geklappt haben, aber im Prinzip muss es so sein, dass man in den Dritten Programmen etwas ausprobiert. Die Satiresendung „Extra 3“ vom NDR hat es nach vielen Jahren ins Erste geschafft und das ist prima. Beim RBB haben wir ziemlich viel mit Dieter Nuhr gemacht und er ist jetzt im Ersten zu Hause. Der RBB experimentiert zum Beispiel mit Debütfilmen der jungen Kolleginnen und Kollegen aus den Fernseh- und Filmhochschulen – mit der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“ und mit der DFFB, also der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Dadurch kommen wir natürlich zu sehr interessanten Nachwuchsleuten im Film.

MK: War es ein Fehler des RBB, Radio Multikulti abzuschalten?

Multikulturalität gehört in alle Programme

Reim: Nein. Es war richtig, denn das Thema Multikulturalität, das Sie vorhin schon gestreift haben, ist so wichtig, dass es die gesamte Gesellschaft angeht. Früher herrschte im RBB oft die Arbeitsteilung: Damit müssen wir uns nicht beschäftigen, das macht ja Radio Multikulti. Aber: Multikulturalität gehört in alle Programme, und ich halte es für einen großen Gewinn, dass zum Beispiel im RBB Fernsehen der Chef vom Dienst in der Berliner „Abendschau“ ein türkischer Deutscher oder ein deutscher Türke ist, der früher bei Radio Multikulti arbeitete und jetzt dafür sorgt, dass die „Abendschau“ à jour ist, was dieses Thema angeht. Integration und Diversity kann man nicht in einen Radiosender, eine Nische, ohne Hörerinnen und Hörer packen.

MK: Sie sagten, als es um die positiven Entwicklungen des RBB ging, der Sender habe Radioprogramme, um die ihn die Republik beneide. Inwiefern ist das so?

Reim: Zum Beispiel wegen Radio Eins. Das ist ein Programm, das es sonst im deutschen Radio nicht gibt. Es hat einen sehr hohen Kulturanteil, einen sehr großen Wortanteil und gleichzeitig spielt es Musik, die man im Mainstream nicht hört. Und es ist witzig, es ist einfach ein Radio mit Esprit. Dann gibt es das Inforadio, das RBB Kulturradio – zwei weitere Programme, die sich sehr gut hören lassen und mit denen das RBB-Radio glänzt. Fritz für die Jungen, Antenne Brandenburg als Marktführer in der Gesamtregion und Radio Berlin als starkes Berlin-Programm.

MK: Wie ist denn grundsätzlich das Verhältnis zwischen den großen, mittleren und kleinen Anstalten der ARD? Wie haben Sie hier die Entwicklung in den 13 Jahren Ihrer Amtszeit empfunden?

Reim: Ich habe es so empfunden, dass Koalitionen – wie in der Politik – in der Regel Bündnisse auf Zeit sind. Es sind Zweckbündnisse. Es geht dabei um Themen und da ändern sich die Interessenlagen. Jeder, der etwas durchsetzen möchte, braucht Verbündete. Die sucht man sich, aber es gibt jetzt keine natürlichen Verbündeten. Selbstverständlich haben die großen Sender WDR, NDR und SWR mehr Schnittmengen, als es beispielsweise der Saarländische Rundfunk mit dem WDR hat, das ist klar. Das war aber immer so und daran wird sich nichts ändern. Gleichwohl gibt es eine natürliche Koalition zwischen Radio Bremen und dem NDR, zwischen dem Saarland und dem SWR. Für einen mittelgroßen Sender wie den RBB heißt es, immer zu schauen: Was können wir wo machen, wie und mit wem?

MK: Sie waren auch sechs Jahre lang Beraterin der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz. Wie sind Ihrer Meinung nach im öffentlichen Rundfunk die kirchlichen Programme heute repräsentiert?

Kirchliche Gremienvertreter gelten als wahrhaft unabhängig

Reim: Die Kirchen haben durch die Rundfunkstaatsverträge Sonderrechte, zum Beispiel für ihre Verkündigungssendungen, es gibt Kirchenredaktionen für journalistisches Programm; die Kirchen sind hier also hochprivilegiert. Und sie nutzen diese Privilegien, wie ich finde, gut, denn in dem, was sie anbieten, sind sie absolut auf der Höhe der Zeit. Ich weise darauf hin: Auch diese Privilegien sind nicht für immer. Es kann sein, dass das irgendwann mal kippt, und das sollte man schon mal mitdenken.

MK: Nachdem durch das ZDF-Urteil des Bundesverfassungsgerichts jetzt der Anteil der politischen Vertreter in den Sendergremien reduziert wurde, ist dort im Sinne übergreifender, integrativer Kräfte die Position der Vertreter gestärkt worden, die aus anderen gesellschaftlichen Bereichen kommen, gerade auch aus dem Bereich der Kirchen, deren Vertreter sich traditionell in der Gremienarbeit engagieren. Wie beurteilen Sie hier die Entwicklung?

Reim: Ich freue mich darüber, dass die Kirchenvertreter, Protestanten wie Katholiken, hohe Achtung bei ihren Gremienkollegen genießen. Viele Kirchenleute sind in Vorsitzfunktionen gewählt worden. Es wären ja solche eindrucksvollen Wahlergebnisse wie zum Beispiel bei der Vorsitzenden des RBB-Rundfunkrats – Friederike von Kirchbach von der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg – gar nicht denkbar, wenn die kirchlichen Vertreter nicht das Vertrauen der anderen genössen. Sie gelten als wahrhaft unabhängig. Das ist ein Pfund, darauf kann man schon stolz sein.

MK: Verschafft sich die Kirche, ob jetzt katholisch oder evangelisch, in den aktuellen medialen Debatten im digitalen Zeitalter noch genügend Gehör? Oder gehen warnende, nachdenkliche, medienpädagogische und moralische Wortmeldungen, wie man sie von den Kirchen gewohnt ist, inzwischen in der Flut von Medien, Meinungen und Alarmismus unter? Wie schätzen Sie diesbezüglich die kirchliche Position ein.

Reim: Das ist ein weites Feld. Darüber könnte ich stundenlang sprechen. Ich halte es für wichtig, dass die Kirchen Stellung beziehen. Es gibt mehr Fragen denn je, die nach ethischen Antworten verlangen – vom Beginn unseres Lebens bis zum Ende, von der Präimplantationsdiagnostik bis zur Sterbehilfe, und ich mag es nicht, wenn Kirchenvertreter sich wegducken und sagen: ‘Wir wollen nicht schon wieder unbequem sein.’ Das habe ich oft gehört. Ich möchte gerne eine klare, dezidierte Position hören. Das bedeutet nicht, dass ich sie immer teile.

MK: Wie sehen Sie die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Zeit des Digitalen, der Vervielfachung der Programme, des zunehmenden non-linearen Medienkonsums?

Reim: Ich glaube, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine besonders große Chance hat. Wir erleben eine Multiplikation der Angebote und eine unfassbare Beschleunigung des Umschlags von Information. Je mehr wir davon haben, desto wichtiger ist es, verlässliche Wegmarken, Orientierungspunkte aufzubauen. Wer könnte das, wenn nicht der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der ohne Einfluss, ohne wirtschaftliche Interessen ist? Er muss eben – aber das gilt ja immer – auf der Höhe seiner Zeit sein.

MK: Wie finden Sie es denn, was nach knapp über 30 Jahren seiner Existenz in Deutschland aus dem privaten Rundfunk geworden ist? Der war ja am Anfang mal kritisch und mal neckisch, mal inspirativ und auch politisch. Inzwischen ist es vornehmlich Unterhaltung und Quote...

Reim: Es kommt drauf an. Es gibt absolut valable Angebote im kommerziellen Programm. Es gibt Filme, die ich dort sehe: exzellent. Auch gute Unterhaltungsideen. Man kann den kommerziellen Rundfunk nicht über einen Leisten schlagen. Es gibt einen großen Unterschied zwischen DMAX und RTL.

MK: Wie haben Sie sich und den RBB in den 13 Jahren als Intendantin von der Berliner Presse begleitet gefühlt? In Berlin gibt es ja noch eine relativ große Vielfalt an Zeitungen. Wie macht sich das möglicherweise in der Berichterstattung bemerkbar?

Wenn man Objekt der Berichterstattung ist

Reim: Es war sehr unterschiedlich. Es ist in Berlin auf jeden Fall mehr Interesse am Sender vorhanden als sonst in den Flächenländern. Und das Interesse ist, so wie die Zeitungslandschaft, sehr divers. Von absolut fairer Begleitung, kritisch und sachlich bis hin zu üblen Attacken. Aber das ist gar nicht schlecht für Journalisten, die es gewohnt sind, andere Leute stets kritisch zu beurteilen, auch mal zu sehen, wie es ist, wenn man Objekt der Berichterstattung ist.

MK: Wie sehen Sie die Stadt Berlin heute politisch und gesellschaftlich? Sie haben schon ein wenig dazu gesagt. Aber noch einmal nachgefragt: Was läuft richtig, was läuft falsch in dieser Stadt?

Reim: Es ist ein sehr wichtiges Momentum für Deutschland, eine 3,5-Millionen-Metropole zu haben, die so multikulturell ist wie Berlin. Wir haben mal gesungen: „First we take Manhattan and then we take Berlin.“ Wenn zum Beispiel die Integration in Berlin schiefginge, hätte Deutschland ein Problem. Aber Berlin hat wiederum die große Chance, viele Einwanderungswellen erlebt zu haben im Lauf seiner Geschichte. Hier kann beispielhaft etwas entstehen. Ich bin da nicht ganz unoptimistisch.

MK: Die Stadt ist also nicht so kaputt, wie manche das behaupten?

Reim: Es muss ja Gründe geben, warum unzählige Menschen hier so gerne leben, oder? Um jetzt, damit es nicht ausufert, nur einen zu nennen: Es gibt hier den bestausgebauten öffentlichen Nahverkehr in ganz Deutschland. Hier klappt keiner um 22.00 Uhr die Bürgersteige hoch. Hier kann ich ohne Sorge in der S-Bahn sitzen bis morgens um drei.

MK: Und Sie sagen jetzt: „Ich bin eine Berlinerin“?

Reim: Ich bin eine Berlinerin, ich bin eine Hamburgerin, ich bin eine Branden­burgerin, eine Kölnerin, ich bin eine Münchnerin, ich bin eine Lorscherin. Ich bin die Mischung und das hat mich geprägt. Ich habe bei sehr großen Sendern gearbeitet und jetzt bei einem kleineren mein Berufsleben beendet. Alle kochen mit Wasser.

17.01.2017/MK

Print-Ausgabe 8/2017

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren