ZDF-Intendant Bellut fordert mehr Spielraum für die öffentlich-rechtlichen Sender

27.07.2015 •

27.07.2015 • ZDF-Intendant Thomas Bellut hat mehr Spielraum für die öffentlich-rechtlichen Sender in der digitalen Welt gefordert. Qualitätsjournalismus sei für die Demokratie systemrelevant, sei aber schwer zu finanzieren, sagte Bellut am 8. Juli in Berlin. Die Notwendigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sei daher größer denn je. Bellut sagte dies als einer der Teilnehmer des Symposiums „40 Jahre KEF“. Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkfunkanstalten, kurz KEF, war vor 40 Jahren durch einen Beschluss der Ministerpräsidenten der Länder gegründet worden und veranstaltete anlässlich des Jubiläums das Symposium.

Thomas Bellut ging in seinen Ausführungen auch auf die Debatte über die sogenannte Lügenpresse ein. Hier, so der ZDF-Intendant, rate er davon ab, „beleidigt zu sein“. Vielmehr rate er etwa den Fernsehredaktionen, Fehler zuzugeben und auf dem Schirm darüber zu sprechen. Laut einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen sei die Glaubwürdigkeit der Nachrichten von ARD und ZDF in allen Zielgruppen hoch, betonte Bellut. Zwar nutzten nur 23 Prozent der 14- bis 29-Jährigen die Fernsehnachrichten, doch jüngere Menschen hätten immer schon ein anderes Interesse an politischer Information gehabt. Allerdings habe sich auch das Verständnis davon, was Information sei, enorm verändert.

Bellut sagte, die ZDF-Programme würden immer noch sehr stark von den Zuschauern genutzt. Die „Heute Show“, ein Satire-Format, das speziell auch jüngere Zuschauer anspreche, werde von 60 Prozent des Publikums bei der linearen Ausstrahlung im ZDF gesehen. 27 Prozent sähen die Show bei einer Wiederholung, fünf Prozent nähmen sie auf, acht Prozent schauten sie über die ZDF-Mediathek. Etwas anders verhalte es sich mit dem noch jüngeren Format „Neo Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann: Hier würden die Sendungen im Netz stärker genutzt als im Fernsehen (das „Neo Magazin Royale“ wird bei ZDFneo und danach im ZDF-Hauptprogramm ausgestrahlt).

Massenträgheit in den Wohnzimmern

Auch Gert von Manteuffel, Vice President Product Management TV der Deutschen Telekom, sagte auf dem Berliner Symposium, dass das lineare Fernsehen noch immer stark genutzt werde. Das Fernsehen verändere sich zwar, aber der Nutzer verändere sich langsamer als die technischen Möglichkeiten, so von Manteuffel. Er sprach von einer „Massenträgheit in den heimischen Wohnzimmern“. Manteuffel forderte gesetzliche Erleichterungen für Plattformbetreiber und Sender. „Mit dem aktuellen Regelwerk verlieren die deutschen Fernsehnutzer und die Fernsehindustrie“, erklärte der Telekom-Manager.

Claus Grewenig, Geschäftsführer des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT), hob bei der KEF-Veranstaltung ebenfalls darauf ab, dass die Reichweite des linearen Fernsehens ebenso wie die des Radios immer noch enorm hoch sei. Man müsse mit dem „Mythos vom Ende der Linearität“ aufräumen, befand Grewenig. Nach Beobachtungen der Medienforschung werde auch Videostreaming vor allem dazu genutzt, um verpasste Fernsehsendungen nachzuholen. Grewenig sagte, Internet-Plattformen wie YouTube veränderten die Geschäftsmodelle der Sender. Die Plattformen behielten die Einnahmen durch Werbung für sich und schöpften auch die Nutzerdaten ab. Die Frage der Refinanzierung sei angesichts der Digitalisierung eines der größten Probleme.

Ende der Linearität – ein Mythos

Walter Klingler, Leiter der Medienforschung des Südwestrundfunks (SWR), hob auf dem Symposium hervor, dass die Mediennutzung in Deutschland dank der technischen Möglichkeiten in den vergangenen 40 Jahren enorm zugenommen habe: Habe 1970 jeder Deutsche pro Tag noch im Schnitt 3 Stunden 20 Minuten lang Medien genutzt, so seien es heute rund zehn Stunden. Das Medien-Zeitbudget dürfte damit am oberen Limit sein, so Klingler. Wenn die Nutzung auf diesem Niveau bleibe, dann müsse künftig auch noch mehr über die gesamtgesellschaftliche Verantwortung der Medien gesprochen werden. Klingler sagte, erfolgreiche Videoportale böten Inhalte, die dem klassischen Fernsehen vergleichbar seien. Er prognostizierte, dass Netzinhalte und Protagonisten aus dem Internet verstärkt ins Fernsehen wandern würden: „Der nächste Raab kommt aus dem Netz.“

Walter Klingler, Gert von Manteuffel, Claus Grewenig und Thomas Bellut diskutierten bei der KEF-Veranstaltung – an der unter anderem auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidenten Malu Dreyer (SPD), der frühere Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof, WDR-Intendant Tom Buhrow und Deutschlandradio-Intendant Willi Steul teilnahmen – zum Thema „Mediennutzung im Jahr 2020“. Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkfunkanstalten stellt im Auftrag der Bundesländer den Finanzbedarf von ARD, ZDF und Deutschlandradio fest. Sie überprüft die Finanzplanungen der öffentlich-rechtlichen Sender vor allem auf deren Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit.

Vorsitzender der KEF, für die jedes der 16 Bundesländer ein Mitglied benennt, ist seit Ende 2009 Heinz Fischer-Heidlberger (Präsident des Bayerischen Obersten Rechnungshofs). Fischer-Heidlberger hob auf dem Symposium die Unabhängigkeit der Kommission hervor: „Wir haben keine eigenen Interessen und vertreten weder die Interessen der Rundfunkanstalten, noch die einzelner Länder. Wir sehen uns in einer verfassungsrechtlichen Verpflichtung, den Finanzbedarf der Anstalten möglichst objektiv zu ermitteln und dabei die Rundfunkautonomie zu beachten. Die unabhängige KEF ist eine der Rundfunkfreiheit dienende und sichernde Einrichtung, dienend, damit die Anstalten bedarfsgerecht finanziert sind, sichernd, weil damit Programmentscheidungen nicht durch Festlegungen der Länder zur Finanzierung beeinflusst werden können.“ Die KEF, so Fischer-Heidlberger, verstehe sich dabei „als Impulsgeber für Veränderungen bei den Rundfunkanstalten“.

27.07.2015 – tk/MK