Brisant: Radio Bremen entzieht interkulturellem Programm Cosmo starke UKW‑Frequenz

24.03.2017 •

Ein am 3. Februar von Radio Bremen verkündeter UKW-„Frequenztausch“ zwischen dem interkulturellen Hörfunkprogramm Cosmo und dem 2016 gestarteten Jugendprogramm Bremen Next hat sich als medienpolitisch brisant erwiesen. Für Cosmo, das sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass es über Themen rund um Flucht und Migration aus der Perspektive der Betroffenen berichtet, bedeutet diese Maßnahme eine radikale Reduzierung des UKW-Empfangs im Raum Niedersachsen. Bis Anfang Februar war Cosmo auf Radio Bremens UKW-Frequenz 96,7 MHz in den westlichen Teilen Niedersachsens bis Cuxhaven und Wilhelmshaven zu empfangen gewesen und im Osten bis Soltau und Nienburg. Auf der neuen Frequenz 95,6 MHz ist das nun nicht mehr der Fall.

Technischer Hintergrund: Die Frequenz 96,7 hat eine Sendeleistung von 50 Kilowatt, die Frequenz 95,6 nur eine von 0,2 Kilowatt. Im norddeutschen Raum ist das Cosmo-Programm über UKW nun nur noch im Stadtgebiet von Bremen und Bremerhaven zu empfangen. Über die starke Frequenz sendet jetzt Bremen Next. Das hat zur Folge, dass das im August vorigen Jahres gestartete Jugendprogramm von Radio Bremen (vgl. MK-Artikel) nunmehr auch in Bremerhaven über UKW zu empfangen ist. Bis Anfang Februar hatte Bremen Next dort keine entsprechende Verbreitung. Radio Bremen bezeichnet den Vorgang des Frequenztauschs in seiner Mitteilung vom 3. Februar daher als „Optimierung der UKW-Frequenzen“.

Einschnitte durch Reform von 2016

Das Programm Cosmo, das bis Ende 2016 unter dem Namen Funkhaus Europa ausgestrahlt wurde, wird vom WDR (federführend) in Kooperation mit Radio Bremen betrieben; auch der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) steuert Sendungen bei. Die Bremer sind für das Tagesprogramm an den Wochenenden zuständig, der RBB liefert einen Großteil der osteuropäischen Muttersprachsendungen und ist an der Musikplanung beteiligt. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) ist ebenfalls involviert: Er liefert zwar keine Inhalte, übernimmt aber Teile von Cosmo für sein Digitalradioprogramm NDR Info Spezial.

Zwischen dem WDR, dem hauptsächlichen Programmlieferanten für Cosmo, und Radio Bremen war es im vorigen Jahr im Zuge einer Programmreform zu Unstimmigkeiten gekommen. Die Reform, die zum 1. Juli 2016 wirksam wurde, sah vor, dass die Produktion der Nachrichten des damals noch Funkhaus Europa heißenden Programms, für die bis dahin Radio Bremen verantwortlich war, an den WDR übergeht. „Das war für uns ein schwerer Verlust“, sagt Jan Weyrauch, der bei Radio Bremen als trimedialer Programmdirektor sowohl für Hörfunk und Fernsehen als auch für den Online-Bereich zuständig ist, gegenüber der MK. Die Nachrichten für Cosmo produziert nunmehr die Redaktion der WDR-Jugendhörfunkwelle 1Live. Sie werden dabei, wie es vorher auch bei den von Radio Bremen produzierten Nachrichten der Fall war, auf die Zielgruppe des Gemeinschaftsprogramms Cosmo zugeschnitten; es handelt sich also nicht um eine Übernahme der auf 1Live zu hörenden Nachrichten.

Die letztjährige Reform (vgl. diesen MK-Artikel) bedeutete Einschnitte in vielen Bereichen: Mehrere muttersprachliche Informationssendungen, etwa das „Polski Magazyn Radiowy“ (Polnisch) und das „Radio Forum“ (Bosnisch, Serbisch, Kroatisch), wurden gekürzt, das deutsch-griechische Magazin „Radiopolis“ wurde sogar abgeschafft – desgleichen Nischensendungen profilierter Musikjournalisten und DJs. Das Musikprogramm von Cosmo hat dennoch weiterhin ein Alleinstellungsmerkmal. Es läuft globale, moderne Popmusik, darunter HipHop und Artverwandtes in zahlreichen Sprachen.

Programm für das Land Bremen

Den Frequenztausch begründet Radio-Bremen-Programmdirektor Jan Weyrauch nun damit, dass der gesetzgeberische Auftrag für die Sendeanstalt in erster Linie laute, Programm für das Land Bremen zu machen. Weyrauch bezieht sich dabei auf Paragraph 2, Absatz 1 des Radio-Bremen-Gesetzes: „Die Anstalt hat die Aufgabe, nach Maßgabe dieses Gesetzes sowie des ARD-Staatsvertrages und des Rundfunkstaatsvertrages im Land Bremen Rundfunk zu veranstalten und Telemedien anzubieten.“ Bei Cosmo – das in vier Bundesländern über UKW ausgestrahlt wird (neben Nordrhein-Westfalen und Bremen noch Berlin und Brandenburg) – „können wir schlecht Themen setzen, die nur für unsere Region relevant sind“, sagt Weyrauch.

Radio Bremen hat mit der UKW-Entscheidung für Bremen Next die Verbreitung eines Gemeinschaftsprogramms reduziert, um eine eigene Welle zu stärken. Man hat ein bundesweit einzigartiges Programm geschwächt – und die Reichweite der eigenen Jugendwelle gestärkt. Diese ist in weiten Teilen Niedersachsens nunmehr in stärkere Konkurrenz mit dem inhaltlich verwandten NDR-Angebot N-Joy getreten. Das ist durchaus ein Politikum. Deshalb habe er die Direktoren der anderen ARD-Landesrundfunkanstalten über den Frequenzwechsel „auch vorab informiert“, sagt Weyrauch. Die Kollegen hätten es „zur Kenntnis genommen“. Rechtlich verpflichtet sei Radio Bremen zu dieser Vorabinformation nicht gewesen. „Jeder ARD-Sender entscheidet autark über seine Frequenzen“, ergänzt Weyrauch.

Der Radio-Bremen-Partner RBB wollte sich auf Anfrage zu den medienpolitischen Dimensionen des Frequenztausches nicht äußern. Die Programmdirektion des RBB ließ ausrichten, man möge sich bitte an den WDR wenden. Der WDR in Köln wiederum wollte ebenfalls nicht Stellung nehmen. Norbert Grundei, Programmchef der von der ausgedehnten Bremen-Next-Verbreitung zumindest indirekt betroffenen NDR-Welle N-Joy, sagt: „Ich sehe Bremen Next nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung im norddeutschen Radiomarkt, weil Bremen Next in einer sehr heterogenen jungen Zielgruppe andere musikalische Schwerpunkte setzt als N-Joy.“

Migranten und Flüchtlinge

Jenseits der rundfunkpolitischen Tragweite wirkt die Maßnahme von Radio Bremen durchaus instinktlos, weil der Berichterstattung rund um das Thema Migration derzeit eine besondere Bedeutung zukommt. Zumal es im Radio-Bremen-Gesetz in Paragraph 3 („Allgemeine Grundsätze“) heißt: „Die Angebote der Anstalt haben die besonderen Belange von Migrantinnen und Migranten zu berücksichtigen. Die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund und Flüchtlingen ist nachhaltig zu unterstützen.“ Der Zusatz „und Flüchtlingen“ wurde erst bei einer Novellierung vor einem Jahr ergänzt (vgl. hierzu diese MK-Meldung). Die Bremer Entscheidung hat aber auch deshalb eine fatale Signalwirkung, weil nach den Kürzungen bei dem interkulturellen Programm im vergangenen Jahr nun auch dessen frequenztechnische Vernachlässigung den Eindruck erwecken könnte, die Verantwortlichen von Radio Bremen wüssten die gesellschaftliche Relevanz von Cosmo nicht zu schätzen.

Der Bremer Rat für Integration, der beispielsweise berechtigt ist, den parlamentarischen Gremien der Hansestadt Empfehlungen und Stellungnahmen vorzulegen, hat gegen den Frequenztausch bereits protestiert. Cosmo erfüllt nach Auffassung der Ratsmitglieder „mit seinem vielfältigen, werthaltigen Programm eine wichtige Funktion. Wir fordern deswegen Radio Bremen auf, die Entscheidung zu revidieren und den Tausch der Frequenzen rückgängig zu machen”, heißt es in einer Pressemitteilung des Bremer Rats vom 15. Februar.

Dissens über Kostenverteilung

Solcher Art von Kritik hält Radio-Bremen Programmdirektor Weyrauch entgegen, man sei sich der Bedeutung des Themas Flucht und Migration durchaus bewusst. Dies zeige zum Beispiel das Programm von Bremen Next – also jener Welle, die vom Frequenztausch profitiert hat. „30 Prozent der 15- bis 29-Jährigen in Bremen haben einen migrantischen Hintergrund“, sagt Weyrauch, und diese Zielgruppe werde von den Next-Machern besonders stark berücksichtigt.

Der aktuelle Kooperationsvertrag zwischen Radio Bremen und dem WDR in Sachen Cosmo läuft Ende 2017 aus. Die Verhandlungen über eine mögliche Vertragsverlängerung laufen noch; es gebe einen Dissens über die Kostenverteilung, so Weyrauch dazu. „Bis Mitte des Jahres wollen wir Klarheit haben“, sagt er.

24.03.2017 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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