Beim „Spiegel“ gibt es keinen Medienteil mehr 

01.07.2015 •

Die Ausgabe Nr. 26/15 des Magazins „Der Spiegel“ markiert eine Zäsur. Das Heft ist laut „Hausmitteilung“ der Redaktion die erste Ausgabe ohne „festen Medienteil“. „Texte aus der vielfältigen Welt der Medien finden unsere Leser künftig an entsprechend vielen Orten im Heft“, heißt es dort weiter. In einem Interview, das an jenem Wochenende (20./21. Juni) in der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ erschien, begründete „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer die Abschaffung des Medienteils unter anderem damit, dass das Heft „nicht zu kleinteilig“ werden soll. Man wolle „weiterhin Mediengeschichten machen: wenn sie da sind, wenn sie gut sind, wenn sie relevant sind“.

Mit dieser Änderung knüpft der „Spiegel“ etwa an die Entscheidungen der Tageszeitungen „Die Welt“, „Berliner Zeitung“ und „Frankfurter Rundschau“ an, die 2007, 2012 bzw. 2013 ihre eigenständige Medienseite jeweils abschafften. Der Entscheidung des „Spiegel“ ging bereits eine schleichende Schwächung der Fernsehkritik voraus: Unter Chefredakteur Stefan Aust, der dieses Amt von 1994 bis 2008 innehatte, reduzierte das Magazin seinen Fernsehrezensionsteil von drei Seiten auf nur noch eine, bevor er dann 2009 komplett abgeschafft wurde (vgl. FK 47/09). Und der Online-Ableger des „Spiegel“ meint seit jeher, ohne Medienressort auskommen zu können.

Ein Fehler dieses Ausmaßes

Die jüngste Maßnahme beim „Spiegel“ bringt auch mit sich, dass keiner der hiesigen Wochentitel (mehr) über ein eigenständiges Medienressort verfügt. Auch „Zeit“, „Freitag“, „Jungle World“, „Jüdische Allgemeine“ und „Focus“ bringen Medienthemen in verschiedenen Ressorts unter. Bei „Focus“ heißt der entsprechende Heftteil „Kultur und Medien“.

Eine Woche nach der verkündeten Abschaffung dann eine Irritation: Im Heftinnern der „Spiegel“-Ausgabe Nr. 27/15 ist plötzlich oben auf zwei Seiten wieder ein Ressort „Medien“ ausgewiesen (S. 73/74). Zu finden ist hier ein mit Fotos insgesamt drei Seiten langes Interview mit „Hart-aber-fair“-Moderator Frank Plasberg, in dem er sich ausführlich über seinen Talkmoderatorenkollegen Günther Jauch äußert. Im Inhaltsverzeichnis freilich gibt es, ganz gemäß der „Hausmitteilung“ der Vorwoche, das Medienressort nicht mehr. Hier ist der Artikel unter „Wirtschaft“ eingruppiert – obwohl er dort, streng genommen, nichts zu suchen hat, denn in dem Gespräch geht es zwar unter anderem um Jauchs „Dackelblick“ und ein Gespräch, das Plasberg nachts um drei Uhr nach einer Party mit seiner Frau führte, aber mit keinem Wort um die Geschäfte der Produktionsfirmen der beiden Herren.

Dass der „Spiegel“ ein Kleinressort, das in eigenständiger Form angeblich nicht mehr existiert, zwischen den Großressorts „Wirtschaft“ und „Ausland“ platziert (wie im Fall des Plasberg-Interviews), könnte man als formalen Lapsus abtun – wäre ein Fehler dieses Ausmaßes nicht ziemlich untypisch für das Magazin. Man könnte die Unübersichtlichkeit auch als symptomatisch für die allgemeine Lage des Medienjournalismus sehen, der vielleicht noch nicht tot ist, aber schon komisch riecht, um ein berühmtes Sprichwort zu strapazieren. Auf einen um Aufklärung bittenden Tweet des Medienjournalisten Daniel Bouhs reagierte man beim Twitter-Account „spiegel_medien“ folgendermaßen: „Medientexte sollen immer so gekennzeichnet sein. Denn: Den Bereich gibt es weiter.“ Andere „Medientexte“ sind in jenem Heft allerdings nicht entsprechend „gekennzeichnet“: weder ein Porträt der wegen eines antifeministischen Artikels in die Kritik geratenen „Welt“-Redakteurin Ronja von Rönne („Sie kann sehr unausgeschlafen aussehen und mit einem Klick ihre Augen auf Betörung umschalten“) noch ein gegen den Strich – nach dem Motto: Fast alle Kritiker finden es doof, wir finden es gut – gebürsteter Text über die ARD/ORF-Serie „Vorstadtweiber“.

Geschwächter Medienjournalismus

Welche Medientexte werden künftig, um mit Brinkbäumer zu sprechen, „relevant“ genug sein, um in den „Spiegel“-Ressorts „Deutschland“, „Gesellschaft“, „Wirtschaft“ oder „Kultur“ Unterschlupf zu finden? Porträts von jungen Journalistinnen, die „jetzt schon ganz Berlin-Mitte verrückt machen“, wie der Vorspanntexter des Rönne-Porträts weiß, ganz bestimmt. Außen vor bleiben werden aber vergleichsweise randständige Themen, die im Kontext eines eigenständigen Heftteils etwas zu dessen guter Mischung beitragen könnten, in einem großen Ressort aber wie Fremdkörper oder eben nicht „relevant“ wirken. „Erfahrungsgemäß setzt sich ganz von allein ein schleichender Prozess in Gang, bei dem sich am Ende die viel etabliertere Kulturberichterstattung über die Spezialthemen einer Medienseite durchsetzt“, schrieb Steffen Grimberg, der heutige Referent des Grimme-Preises, in der „taz“, als die „Berliner Zeitung“ ihre eigenständige Medienseite abschaffte.

Die jetzigen Veränderungen beim „Spiegel“ muss man auch im Kontext anderer nicht eben erfreulicher Entwicklungen in der Medienberichterstattung betrachten: der Rückgang investigativer Geschichten; die mitunter teenagerhafte Begeisterung für alles, wo HBO, Sky oder Netflix drauf steht; das Verschwinden von Rezensionen zu Gunsten von Schauspielerporträts, die zumindest in einem übertragenen Sinn nicht mehr sind als „Selfies mit dem Star“, wie es Matthias Dell einmal in einem anderen Zusammenhang im „Freitag“ formuliert hat.

Seit Jahren schwächen Verlage und Redaktionen den Medienjournalismus strukturell, obwohl – banale Erkenntnis – Medien im Alltag eine immer größere Rolle spielen und immer mehr Medien und Medienakteure auf den Plan treten, die Gegenstand der Berichterstattung sind oder sein sollten. Die Etablierung des Internets hat es neben vielem anderen auch mit sich gebracht, dass immer mehr und schneller und auch kampagnenartiger berichtet wird – was wiederum mehr medienkritische Analysen, mehr Metatexte, mehr Selbstreflexion im weiteren Sinne erfordern würde. Auch angesichts dessen ist es irrwitzig, dass ein Medium, das so viel auf sich hält wie der „Spiegel“, seinen Medienteil aufgibt.

01.07.2015 – René Martens/MK