ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt nicht zur Fußball‑WM nach Russland

26.06.2018 •

26.06.2018 • Der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt berichtet, anders als ursprünglich geplant, nicht aus Russland über die dort bis zum 15. Juli laufende Fußball-Weltmeisterschaft. Seppelt, der wegen seiner Enthüllungen über staatlich gelenktes Doping im russischen Sport von den russischen Staatsmedien gerne als „Staatsfeind“ bezeichnet wird, sagte auf Anraten von Sicherheitsexperten seine Reise ins WM-Gastgeberland ab.

Zunächst hatte Russland im Mai Seppelts Visum für ungültig erklärt, das er für die Fußball-WM beantragt und zunächst auch erhalten hatte. Seppelt stehe auf einer Liste der in Russland „unerwünschten Personen“ hieß es damals, daher werde ihm die Einreise in die Russische Föderation verweigert. Die Behörden des Landes lenkten nach internationalem Protest ein, verwiesen aber auf die Möglichkeit, den ARD-Dopingexperten auf russischem Boden einzuvernehmen. Daher traf die ARD noch vor WM-Beginn die Entscheidung, Seppelt nicht nach Russland zu schicken. Vorausgegangen war ein Gespräch mit Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD); außerdem lagen Gefährdungseinschätzungen der Sicherheitsbehörden wie dem Bundeskriminalamt (BKA) und der Geheimdienste vor.

„Es gibt tatsächlich immer wieder Bedrohungen und Einschüchterungsversuche“, sagte Seppelt gegenüber der MK. Daneben bestünden „Ungewissheiten, wenn ein staatliches Untersuchungskomitee ankündigt, ‘Maßnahmen zu ergreifen’, um mich zu einer Befragung zu zwingen“, so Seppelt. Hintergrund sind die in Russland laufenden Ermittlungen gegen Grigori M. Rodschenkow, einen der Kronzeugen im russischen Dopingskandal, der auch zu den Informanten Seppelts zählt. Rodschenkow, der früher das Anti-Doping-Labor in Moskau leitete, flüchtete 2016 in die USA und befindet sich im Zeugenschutzprogramm der Bundespolizei FBI. Im selben Jahr behauptete er gegenüber der „New York Times“, dass der russische Inlandsgeheimdienst FSB aktiv an der Vertuschung von Dopingmaßnahmen beteiligt sei.

Unberechenbares Risiko

Kurz vor Weihnachten 2017 gab Rodschenkow Seppelt und der Deutschlandfunk-Mitarbeiterin Andrea Schültke ein Ende Januar 2018 veröffentlichtes Interview, in dem er seine Vorwürfe erneuerte. Das Interview war Bestandteil der von Seppelt und weiteren Kollegen produzierten Dokumentation „Geheimsache Doping – Das Olympia-Komplott“, die am 29. Januar im Ersten zu sehen war (vgl. MK-Kritik). In dem Film hatte es geheißen, Rodschenkow sei „Russlands derzeitiger Staatsfeind Nummer 1“.

Nach übereinstimmenden Medienberichten befürchteten die deutschen Sicherheitsbehörden mit Blick auf die Ermittlungen gegen Rodschenkow auch ein „unberechenbares Risiko“ für Hajo Seppelt, weil dieser Gefahr laufe, bei der Einreise oder später in Russland festgesetzt zu werden, falls ihm die russischen Behörden mangelnde Kooperation bei ihren Untersuchungen unterstellten. „Am Ende sind die ARD und ich den Empfehlungen der Sicherheitsbehörden gefolgt, denen sich das Auswärtige Amt anschloss. Das konnten wir nicht unberücksichtigt lassen“, so Seppelt am 25. Juni gegenüber der MK.

Seppelts Recherchen zum staatlich sanktionierten Doping in Russland hatten unter anderem dazu geführt, dass zahlreiche Sportler von den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro und den Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang 2018 ausgeschlossen worden waren bzw. die russischen Athleten in Südkorea nur unter neutraler Flagge als „Olympic Athletes from Russia“ (OAR) teilnehmen konnten. Journalistisch will Seppelt, der für seine Recherchen und seine journalistische Arbeit zum Thema Doping allgemein Anfang Juni mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden war, aber nicht locker lassen. „Eines ist klar“, sagte er, „bestimmte Kreise in Russland oder wo immer in der Welt mögen versuchen, unsere Berichterstattung einzuschränken oder zu behindern – verhindern kann man sie nicht.“

26.06.2018 – MK

Print-Ausgabe 3/2020

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