Morgens, wenn die Quoten kommen

Die ARD möchte eine ihrer raren „Qualitätsinseln“ ramponieren: den „Weltspiegel“

Von Dieter Anschlag
15.09.2019 •

Am 11. September wurde bekannt, wie im ARD-Verbund die Überlegungen für die Neustrukturierung des Vorabendprogramms am Sonntag aussehen. Dass es an dieser Stelle im Ersten Neuerungen geben wird, war seit der Ankündigung klardass Ende März 2020 die Serie „Lindenstraße“ (WDR) eingestellt wird. Dadurch wird ein „Programmvolumen“, um im ARD-Jargon zu bleiben, von 30 Minuten frei.

Und wie nutzt die ARD diese Gelegenheit? Wie die jetzt bekannt gewordenen Pläne zeigen, für mehr Sport, die „Sportschau“ soll um 20 Minuten verlängert werden (von 30 auf 50 Minuten). Und nicht nur das. Der Sport soll auch den prominenteren Sendeplatz erhalten. Das heißt: Ab April 2020, wenn die neue Programmschema-Struktur greifen wird, soll am Sonntag die „Sportschau“ von 19.10 bis 20.00 Uhr, also bis zum Beginn der „Tagesschau“ laufen, die bekanntlich immer noch ein Publikumsmagnet ist. Davon profitieren die direkt davor laufenden Sendungen. Das ist am Sonntag bisher der „Weltspiegel“, Sendezeit: 19.20 Uhr bis 20.00 Uhr.

Nun gehört zu den Vorschlägen, die ARD-Programmdirektor Volker Herres und die Mehrheit der Fernsehdirektoren der ARD-Landesrundfunkanstalten auf ihrer Konferenz Anfang September zur Neustrukturierung am Sonntag gemacht haben, dass der „Weltspiegel“ künftig auf 18.30 Uhr vorverlegt werden soll. Und das ist in der Tat eine Überlegung, die man einem Senderverbund, der sonst immer seine Informationskompetenz betont, wirklich nicht zugetraut hätte. Am meisten geschockt sind die Mitarbeiter aus den eigenen Reihen. Und sie haben in selten erlebter Menge und Deutlichkeit reagiert. Es gibt eine Protestnote der Chefredakteure und Kulturchefs und einen Brief von 100 Auslandskorrespondenten. Es ist – SOS ARD – geradezu ein interner Hilferuf. Dass so viele Top-Mitarbeiter sich gegen die Pläne der eigenen Führung wenden – das hat fast schon Züge einer Revolte. Bei dem weitgehend entintellektualisierten und entpolitisierten öffentlich-rechtlichen System hat man sich inzwischen eher an brave Rundfunkangestellte gewöhnt, die technokratische Vorgaben ihrer blassen Programm-Manager erfüllen. Nun aber appellieren die Protestierer an die Intendanten, dass sie auf ihrem Treffen am 16. und 17. September in Stuttgart die bisherigen Vorschläge aus dem Kreis der Fernsehdirektorenkonferenz ablehnen. Und dass der gute Sendeplatz des „Weltspiegels“ auch in Zukunft erhalten bleibt (vgl. MK-Dokumentation).

Den „Weltspiegel“ von seinem angestammten Sendeplatz zu verlegen, dies käme „einer Marginalisierung der wichtigsten Auslandssendung des deutschen Fernsehens gleich“, schreiben die Auslandskorrespondenten in ihrem Brief. Und sie drücken damit eine berechtigte Befürchtung aus – denn eine Sendung, die in der ARD erst einmal beschädigt ist, für die wird das Leben immer schwerer. Irgendwann wird sie ins Nachtprogramm abgeschoben. Siehe Kulturberichterstattung, siehe Literaturberichterstattung, siehe den langen Dokumentarfilm, den es als ARD-Eigenproduktion kaum noch gibt.

Den „Weltspiegel“ gibt es seit 56 Jahren. Es ist eine Sendung, auf die die ARD stolz sein kann, ja, eine ihrer letzten Qualitätsinseln. Das Auslandskorrespondentennetz der ARD, auf dem der „Weltspiegel“ basiert und von dem alle Nachrichtensendungen profitieren, ist von identitätsstiftender Wichtigkeit und wird zu Recht immer wieder gelobt; für die Infrastruktur auf diesem Feld steht ein entsprechend großes Finanzvolumen bereit. Unerklärlich, dass Fernsehdirektoren nicht vor einer Marginalisierung dieses elementaren Bereichs journalistischer Berichterstattung zurückschrecken und sie den „Weltspiegel“ ramponieren wollen. Dass die ARD andererseits im Unterhaltungsbereich immer mehr Krimis auf den Bildschirm schickt, trägt hingegen nicht zur Profilierung bei. 

Doch wie denken offenbar fast alle im ARD-Programm-Management? Sie denken: Mit einer „Sportschau“ lässt sich eine höhere quantitative Reichweite erzielen als mit dem außenpolitischen „Weltspiegel“. Und dieses Denken ist antiquiert, es stammt noch aus dem letzten Jahrhundert, als „Fernsehsender“ eine Art audiovisuelles Vermittlungsmonopol hatten.

Das hat sich spätestens seit YouTube geändert, die Programmlandschaft ist zersplittert, die Digitalisierung hat für eine unüberschaubare Quantität an Kanälen und Inhalten gesorgt, mit den Streaming-Anbietern als neuester Konkurrenz. In dieser Situation muss sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk mehr denn je darauf besinnen, dass er mit einer Programmsubstanz kenntlich wird, die anderswo so nicht zu haben ist. Wenn für Programmdirektoren der ARD morgens, wenn die Quoten kommen, der Vortag nur dann ein guter war, wenn ihre Sendungen bei den Marktanteilen ganz vorne liegen, dann sind sie von gestern oder eher: von vorgestern.

Wenn die derzeitigen „Weltspiegel“-Pläne eines anregen werden, dann die Diskussionen, ob die real existierenden öffentlich-rechtlichen Sender noch die Grundphilosophie des öffentlich-rechtlichen Systems repräsentieren und ob man den Rundfunkbeitrag nicht in Teilen lieber für eine neues, qualitativ hochwertiges Netzwerk verwenden sollte – im Sinne der Beitragszahler. Das sollten die Intendanten wissen, die nun in Sachen „Weltspiegel“ am Zug sind.

Man möchte gern auf ihre Klugheit vertrauen, wenn es um die neue Programmschema-Struktur des Ersten am Sonntag geht. Sie müssten schon verrückt sein, sollten sie den Pläne der Programmdirektoren nicht revidieren. Gefordert ist beim Treffen in Stuttgart eine klare Entscheidung im Sinne des öffentlich-rechtlichen Auftrags; es sollte dabei auch keine Vertagung geben, sondern eine klare Ansage.

15.09.2019/MK