Intensiv erlebbare Weltgeschichte

Die dokumentarische Dramaserie „Krieg der Träume“ bei Arte und im Ersten

Von Katharina Zeckau
30.09.2018 •

„Ich hoffe, wir werden eines Tages sagen, dass dieser Krieg der letzte aller Kriege war.“ Diese Zukunftsvorstellung äußert der britische Politiker David Lloyd George 1918 gegen Ende des Ersten Weltkriegs. Gut 20 Jahre später war diese Hoffnung völlig zerschlagen. Und aus der heutigen Perspektive erscheint der von Lloyd George ausgesprochene Wunsch, wie er auch in einer Folge des Fernsehmehrteilers „Krieg der Träume“ zu hören ist, ohnehin heillos naiv gewesen zu sein.

Das Besondere an der dokumentarischen Dramaserie „Krieg der Träume“ ist, dass sie die Hoffnungen und Sorgen eben jener Menschen sicht- und hörbar macht, die sich inmitten dieser historischen Situation der Jahre 1918 bis 1939 befinden. Es geht also um Gedanken und Gefühle, die sich nicht aus der Rückschau, sondern dem unmittelbaren Erleben speisen. Und das merkt man den unheimlich lebendigen Aufzeichnungen und Lebenswegen an, die hier in einer Mischung aus Spielszenen und Archivmaterial zu hören und zu sehen sind.

Die internationale Koproduktion (mit Beteiligung von Arte und der ARD-Sender SWR, NDR, WDR und RBB) basiert – wie stets zu Beginn einer Folge im Vorspann zu lesen ist – „auf den Tagebüchern, Briefen und Erinnerungen der handelnden Personen“. Und das sind viele in diesem öffentlich-rechtlichen Großprojekt, das mit Hilfe von über 30 Partnern und Förderern entstanden ist und sich in der Ausstrahlung bei Arte im Original über acht Folgen erstreckt. Allein die Hauptfiguren, die aus unterschiedlichen, natürlich vor allem europäischen Ländern stammen, summieren sich auf ein gutes Dutzend und bestehen ebenso aus prominenten wie auch aus eher unbekannten Zeitzeugen.

Eine Machart, die spielerisch Barrieren überwindet

Da sind als deutsche Vertreter der Kommunist und Revolutionär Hans Beimler (dargestellt von Jan Krauter), der an dem Widerspruch zwischen seinem Kampf für eine bessere Welt und den konkreten Nöten seiner Familie zerbricht, und der Nationalsozialist und spätere KZ-Kommandant Rudolf Höß (Joel Basman). Da ist die polnische Schauspielerin (Michalina Olszańska), die es unter dem Künstlernamen Pola Negri im Berlin der 1920er Jahre zur Ernst-Lubitsch-Muse und schließlich zu Starruhm bringt. Da sind die französische Anarchistin May Picqueray (Solène Rigot), die österreichische Medizinstudentin Edith Wellspacher (Roxane Duran), der italienische Textilfabrikant Silvio Crespi (Gennaro Cannavacciuolo) und der französische Bordellbetreiber Marcel Jamet (Robinson Stévenin).

Da sind weiter die schwedische Sexualaufklärerin Elise Ottesen (Rebecka Hemse), der Chef der britischen Militärzensur, Charles Edward Montague (David Acton), und der vietnamesische Revolutionär Nguyen Ai Quoc (Alexandre Nguyen), später weltbekannt unter seinem neuen Namen Ho Chi Minh. Da sind die britische Hitler-Anhängerin Unity Mitford (Charlotte Merriam) und der ukrainisch-russische Geheimdienstspitzel Stepan Podlubny (Pyotr Skvortsov). Und da ist die junge russische Kosakin Marina Yurlova (Natalia Witmer), die als Angehörige der „Weißen“ nach der Machtübernahme durch die „Roten“ aus der UdSSR in die USA fliehen muss.

Diese letzte Figur kam auch schon vor vier Jahren in der Produktion „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ vor (vgl. FK 21/14), die unter der Leitung von Jan Peter nach demselben Grundmuster funktionierte. In „Krieg der Träume“ fungiert Peter laut Programmheft als Showrunner und ist zusammen mit Frédéric Goupil für Buch und Regie zuständig. Es ist eine Machart, die scheinbar spielerisch Barrieren überwindet: Da singt eine Französin in Paris ein Lied, das plötzlich in einem russischen Zugabteil zu hören ist. Oder es verschanzen sich Hans Beimler und Konsorten in Spielszenen während der Matrosenaufstände in Cuxhaven in farbig gefilmten Räumen vor der Regierung – einen Schnitt weiter dann ist sozusagen der Blick raus auf die Straße zu sehen, schwarz-weißes Archivmaterial, das Schießereien zwischen der Reichswehr und den verbündeten Arbeitern und Matrosen zeigt.

Die von Jan Peter und dem Produzenten Gunnar Dedio (Looksfilm) entwickelte Dramaserie „Krieg der Träume“ sprengt also nicht nur die Grenzen zwischen Ländern und Nationen, sondern auch die zwischen dokumentarischem und fiktivem Material. Und dies einigermaßen mühelos, so selbstverständlich erscheint dem Zuschauer die Form schon bald. Dass es tatsächlich eine Heidenarbeit gewesen sein muss, dieses Mammutprojekt zu stemmen, wird allerdings auch klar: Der Anspruch der Produktion war ja, die Entwicklung vom Ende des Ersten bis zum Anfang des Zweiten Weltkriegs nachzuzeichnen, die große Geschichte anhand unzähliger, nur vermeintlich „kleiner“ Erzählstränge aufzufächern und über die 13 Hauptfiguren und zahllosen Nebenfiguren die unzähligen Ideologien und Träume, Hoffnungen und Utopien jener Tage erfahrbar zu machen.

Die Spaltung der Gesellschaft

Nicht wirklich nachvollziehbar ist dabei der deutsche Titel der Serie. In der Zeitphase zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg fand ein „Krieg der Träume“ statt? Da trifft es der französische Titel besser, den Arte für die Ausstrahlung in Frankreich gewählt hat: „Les rêves brisés de l’entre-deux-guerres“, also „Die zerbrochenen Träume der Zwischenkriegszeit“, was in dieser Übersetzung wohl nicht unbedingt der geeignete Titel ist, aber „Krieg der Träume“ ist es ebenfalls nicht (auch wenn es irgendwie so toll klingt wie „Krieg der Sterne“).

Doch zurück zur eigentlichen Produktion. Über 200 Stunden Archivmaterial wurden dafür gesichtet, Filme und Fotos aus 75 Archiven und 23 Ländern genutzt. Was für eine Herausforderung es gewesen sein muss, sich durch die Unmengen an historischem Material zu arbeiten und auf dieser Grundlage dann dramaturgisch sinnvolle und für den Zuschauer packende Schneisen in die komplexen Geschehnisse nach dem Ersten Weltkrieg zu schlagen, lässt sich zumindest erahnen. Das Ergebnis jedenfalls kann sich sehen lassen; das außergewöhnliche Projekt bietet einen in seiner Multiperspektivität unglaublich intensiven, fesselnden und informativen Einblick in diese hochspannende Phase der Weltgeschichte.

Wie konnte es passieren, dass es nach dem ersehnten und bejubelten Ende des Ersten Weltkriegs schon so bald zu einem Zweiten Weltkrieg kam? „Krieg der Träume“ gibt so einige Antworten auf diese schwierige Frage. Die dokumentarische Dramaserie zeigt die enormen Gegensätze jener Zeit, die teils auch unangenehm auf unsere heutige Lebenswelt verweisen: eine tiefe Spaltung der Gesellschaft in kommunistische, anarchistische, faschistische oder auch gänzlich unpolitische Kreise; eine extreme Ungleichheit zwischen obszönem Reichtum und hemmungslosem Hedonismus auf der einen und bitterster Armut und Hoffnungslosigkeit auf der anderen Seite; die Flucht in ein anderes Land als letzter Ausweg für politisch Verfolgte und Arme, die in der Heimat keine Perspektive mehr für sich sehen.

Diese gesamtgesellschaftlichen Stimmungslagen werden thematisch gebündelt, etwa nach „Väter“, „Arbeitslosigkeit“ oder „Spanische Grippe“, und sie werden durch aus dem Off vorgetragene Briefe und Tagebuchaufzeichnungen jener Zeit erlebbar gemacht. Diese Notizen stammen von Polizisten, Lehrerinnen, Totengräbern, Literaten, Historikerinnen, Arbeitslosen, Politikern, Soldaten aus Frankreich, Deutschland, Italien, den USA, Kanada, Russland, Indien, um nur einige zu nennen. Auch in diesen Passagen verfolgt die Produktion ihr Grundprinzip: ein internationales, sozial durchmischtes Kaleidoskop der weltweiten Umbrüche in den Zwischenkriegsjahren zu schaffen. Auf der Bildebene sind dazu stets schwarz-weiße Archivaufnahmen zu sehen, die das Gesagte illustrieren, in ihrer Unmittelbarkeit aber doch häufig auch wichtige Facetten eher emotionaler Art hinzufügen.

Bleibt noch die Schelte für die ARD

Hier haben die historischen Bilder eine Relevanz, die ihnen an anderer Stelle, im Zusammenspiel mit den inszenierten Passagen, manchmal allerdings verlorengeht. Da wirkt das Archivmaterial als Ergänzung zu den sehr starken, lebendigen Spielszenen dann häufig auch zu schwach, lediglich bebildernd und zu wenig aussagekräftig. Dies aber scheint eine nur kleine Einschränkung angesichts der geballten Qualität dieser spannenden, absolut überzeugenden Produktion und ihrer gekonnten Machart. Gegliedert ist die Chronologie des Geschehens von 1918 bis 1939 in den acht Teilen bei Arte unter folgenden knappen und treffenden Titeln: „Überleben“ (Folge 1), „Frieden“ (2), „Entscheidungen“ (3), „Revolution“ (4), „Crash“ (5), „Versprechen“ (6), „Verrat“ (7) und „Krieg“ (8).

So bleibt, last but not least, nur noch die bei derlei anspruchsvollen Projekten schon fast notorische Schelte für die ARD: Es ist schon äußerst stillos, dass die acht jeweils 52-minütigen Episoden, die bei Arte auf drei Tage verteilt jeweils zur Primetime ab 20.15 Uhr zu sehen waren, für die Ausstrahlung im Ersten auf drei 90-minütige Folgen zusammengekürzt wurden. Im Ersten sind die Sendetermine für „Krieg der Träume“ die Abende des 17., 18. und 24. September (jeweils um 22.45 Uhr); für diese Art der Ausstrahlung wählte man außerdem geänderte, aus Floskelpaaren bestehende Episodentitel, nämlich „Gewinner und Verlierer“, „Tanz auf dem Vulkan“ und „Auf Leben und Tod“. (Vielleicht geht ja auch der unglücklich gewählte deutsche Hauptsendetitel auf die stets das Publikum nicht überfordern wollende ARD zurück.)

Fast noch ärgerlicher aber ist die deutsche Synchronisation sämtlicher fremdsprachlicher Passagen in der ARD-Version, was den Facettenreichtum des Erzählten unschön einebnet, gewissermaßen „glattbügelt“. Respekt vor einem Werk sieht anders aus. In der Arte-Fassung ist diese (natürlich Deutsch untertitelte oder übersprochene) Sprachenvielfalt genuiner Bestandteil des Konzepts der Multiperspektivität – und gehört damit zum innersten Kern der so wichtigen Aussage von „Krieg der Träume“.

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KRIEG DER TRÄUME.8-teilige dokumentarische Dramaserie

Showrunner: Jan Peter, Buch/Regie: Jan Peter und Frédéric Goupil, Koautor: Jean-Louis Schlesser

Produktion: Looksfilm, Iris Group, Les Films d’Ici, Fortis Imaginatio

Beteiligte Sender: SWR, NDR, WDR und RBB für die ARD, Arte (Deutschland/Frankreich), ORF (Österreich), CT (Tschechien), Toute l’Histoire (Frankreich), TVP (Polen), SVT (Schweden), YLE (Finnland), NRK (Norwegen), DR (Dänemark), LRT (Litauen), Radio Canada

• Ausstrahlung bei Arte (Deutschland):

Di 11.9.18, 20.15 bis 22.55 Uhr (Folgen 1, 2 und 3)

Mi 12.9.18, 20.15 bis 22.55 Uhr (Folgen 4, 5 und 6)

Do 13.9.18, 20.15 bis 22.00 Uhr (Folgen 7 und 8)

• Gekürzte Ausstrahlung in der ARD/Das Erste als Dreiteiler:

Mo 17.9.18, Di 18.9.18 und Mo 24.9.18, jeweils 22.45 bis 0.15 Uhr

• Von „Krieg der Träume“ gab es auch eine Hörfunkserie (vier Folgen à 30 Minuten) in den Programmen SWR 2, WDR 5 und Bayern 2 (BR), ausgestrahlt im August und September, Autoren: Nicolaus Schröder und Christine Sievers. Die Fernsehserie ist am 14. September 2018 auch auf DVD erschienen (Polyband Medien).

30.09.2018/MK