Elektronischer Voodoo

Die Attentate in Brüssel und die Bilder und Berichte dazu

Von Dietrich Leder
03.04.2016 •

Als am 20. März in der „Tatort“-Folge „Zorn Gottes“ (ARD/NDR) Wotan Wilke Möhring als Kommissar Thorsten Falke und Franziska Weisz als seine neue Kollegin Julia Grosz versuchten, einen Terrorakt in einem Krankenhaus zu verhindern, wird sich mancher Zuschauer an die Ereignisse zwei Tage zuvor erinnert haben. Am späten Nachmittag des 18. März hatten belgische Polizisten eine Wohnung in Brüssel gestürmt und einen Mann festgenommen, der an den islamistischen Terrorakten vom November 2015 in Paris beteiligt gewesen sein soll. Die Nachrichtensender waren live vor Ort, aber die Kamera zeigte nur eine Polizeiabsperrung, hinter der nervöse schwerbewaffnete Polizisten, die ihre Gesichter maskiert hatten, auf und ab gingen.

Später wurde diese Absperrung verschoben; man sah, wie die Kamera vor den langsam vorrückenden Polizisten zurückwich und wie sie eher zufällig weitere Zuschauer des Ereignisses erfasste, von denen viele ebenfalls Kameras mit sich führten und die vorher nicht zu sehen gewesen waren, weil sie sich zu diesem Zeitpunkt hinter dem Rücken der Person befunden hatten, die die Live-Kamera führte. Noch einmal später sah man in einer Aufzeichnung, wie schwer bewaffnete Polizisten einen Mann in einem hellen Kapuzenpullover und verhülltem Gesicht aus einem Haus und in einen Polizeiwagen trugen; hier sollte es sich um den verhafteten Paris-Attentäter Salah Abdeslam handeln.

Der Live-Ticker treibt das Live-Fernsehen vor sich her

Im „Tatort“ vom Sonntag gelang es Falke und Grosz, ein Blutbad zu verhindern, weil sie einen der beiden Terroristen mit der Kraft ihrer Worte und dem Hinweis auf dessen Familie von der Tat abbrachten, ehe sie den zweiten Terroristen erschossen. Wenn man so will, war das Verhindern des Attentats ein polizeiliches Wunder, das man in der Wirklichkeit nur mit der heldenhaften Tat jener Männer vergleichen kann, die im vorigen Jahr einen Terroranschlag in einem Thalys-Zug durch rabiaten Körpereinsatz verhindert hatten (hinzu kam das Glück einer versagenden Waffe).

Dass solche Wunder einer Rettung in letzter Sekunde, wie sie die Spannungserzählung des „Tatorts“ so sehr liebt, in Wirklichkeit nur selten sind, daran erinnerten die Ereignisse vom 22. März (Dienstag) in Brüssel. Morgens gegen Viertel vor neun gab es die ersten Informationen, dass es am Flughafen der belgischen Hauptstadt Explosionen gegeben habe und dass mit Opfern zu rechnen sei. Die Nachrichtensender Phoenix, n-tv und N 24, aber auch BBC World änderten, anders als zunächst ARD und ZDF, gleich ihr Programm.

Doch noch gab es wenige Informationen und noch weniger Bilder. Bei den ersten Aufnahmen, die vom Flughafen im Brüsseler Vorort Zaventem zu sehen waren, handelte es sich um Videosequenzen, die Augenzeugen mit ihrem Handy aufgenommen und dann online gestellt hatten. In diesen Bildern sah man Menschen aus einem entfernt liegenden Gebäude fliehen, bei dem alle Fenster zerborsten waren und aus dem Qualm nach oben stieg. Angesichts dieser Details konnte man sich die Wucht der Explosion vorstellen. Bilder aus dem Inneren der Abfertigungshalle, wie man sie später auf Handyaufnahmen zu sehen bekam, bedurfte es da nicht. Noch weniger der detaillierten Bilder von verletzten und traumatisierten Menschen, wie sie etwa „Bild“ ins Netz stellte.

Während die Fernsehmoderatoren die spärlichen Informationen, die aus dem Flughafen kamen, stets aufs Neue wiederholten, geschah an diesem Morgen gegen Viertel nach neun die nächste Explosion, diesmal in einer Metro-Station in der Brüsseler Innenstadt. Das bestätigte die Mutmaßung, dass schon die Explosionen am Flughafen Teil einer Terroraktion waren. Brüssel wurde an zwei Orten angegriffen und die Vorstellung, dass es sich um Verbündete des Mannes handelte, den man am 18. März verhaftet hatte, lag auf der Hand. Da die Metro-Station nur wenige Meter etwa vom Brüsseler ARD-Fernsehstudio, das der WDR betreibt, entfernt lag, verfügte man hier schneller über Informationen. So berichtete WDR-Korrespondent Arnim Stauth live im Ersten, das noch vor 10.00 Uhr sein laufendes Programm unterbrochen hatte, dass sein WDR-Kollege Christian Feld Zeuge geworden sei, wie Menschen aus der Metro-Station flohen, in der eine Bombe im Waggon eines dort haltenden Zuges hochgegangen war.

Dieser indirekte Augenzeugenbericht sollte lange Zeit die Ausnahme bleiben. Stattdessen häuften sich in der Berichterstattung zu den Explosionen in Brüssel die Wiederholungen der wenigen Bilder, die – wie beschrieben – aus Aufnahmen von Mobiltelefonen am Flughafen und auch von oberhalb der Metro-Station stammten. Die jeweiligen Quellen wurden nie angegeben. Auch fand eine Quellenkritik nicht statt, was dazu führte (wie Mitteilungen auf Twitter und bei „Bildblog“ aufdeckten), dass viele Sender und Internet Plattformen ein angebliches Bild vom Anschlag auf den Flughafen verwendeten, das in Wirklichkeit fünf Jahre alt war und ein Attentat in Russland zeigte.

Medienkonkurrenz und Medientourismus

Auch aktuelle textbasierte Nachrichten wurden mehrfach ungeprüft von den Moderatoren fast aller Sender weitergegeben, so dass es eine Reihe von Fehlinformationen gab, die dann wenig später zurückgenommen oder durch den Kontext relativiert werden mussten: Da wurde von festgenommenen Terroristen aus Tschetschenien an der deutsch-belgischen Grenze berichtet, da wurde gemeldet, ein belgisches Atomkraftwerk sei evakuiert worden, da wurde über eine weitere terroristische Bombenexplosion am Flughafen spekuliert.

Später stellte sich heraus, dass ein Mann, der an der deutsch-belgischen Grenze festgenommen worden war, möglicherweise über terroristische Kontakte verfüge, aber dass er nichts mit den Attentaten in Brüssel zu tun habe. In dem Atomkraftwerk hatte man zwar die Sicherheitsmaßnahmen verschärft, aber den Betrieb weiterlaufen lassen. (Wie sollte man auch ein Atomkraftwerk evakuieren? Dann müsste man es ganz abschalten, schließlich wäre niemand mehr dort, der die Technik bedienen könnte.) Und die Explosion am Flughafen stellte sich als eine gezielte, von der Polizei durchgeführte Sprengung einer dritten Bombe heraus, die von den islamistischen Attentätern aus unbekannten Gründen nicht gezündet worden war.

Dieses Übermaß an ungenauen, mitunter falschen Informationen im Live-Fernsehen, das auch in den nächsten Tagen – etwa bezogen auf Verhaftungen in Deutschland – zu einer Konstante der Berichterstattung wurde, ist eine Folge der Medienkonkurrenz. So wie die Internet-Portale der Zeitungen, Zeitschriften und Nachrichtenagenturen untereinander um die schnellste und nicht die richtige Information wetteifern, reagieren die Fernsehsender ihrerseits auf alles, was im Netz gemeldet wird, und apportieren es schneller, als es jeder Verstand gebietet. Der Live-Ticker, der ansonsten etwa in der Fußballberichterstattung vermeldet, was im Live-Fernsehen zu beobachten ist, treibt in der Katastrophenberichterstattung nun das Live-Fernsehen vor sich her und in eine obskure Berichterstattung hinein.

Zum neuen falschen Standard der Katastrophenberichterstattung gehört auch die Manie, Reporter an den Ort der Katastrophe zu schicken, wo sie zwar nichts wahrnehmen können, aber eben das dann in einer Live-Schaltung aufzusagen haben. Gerade Brüssel, das leicht und schnell auch von Reisekorrespondenten zu erreichen ist, lud zu diesem Medientourismus ein. Mehrfach – sowohl etwa bei RTL wie auch beim ZDF – kam es am Dienstag und selbst noch am Mittwoch vor (22./23. März), dass die Moderatoren im Studio die Reporter vor Ort nach Dingen befragten, die aktuell Nachrichtenagenturen, aber auch Online-Portale gemeldet hatten. Informationen, die von den Reportern, die seit Stunden auf demselben Fleck standen oder gerade erst angekommen waren, um ihre Aufsager zu fabrizieren, weder bestätigt noch falsifiziert werden konnten.

Wenn Faktenprüfung und Reflexion unterbleiben

Immer wieder kam es in den Dialogen zwischen den Moderatoren und Reportern zu absurden Missverständnissen, wie zum Beispiel am Mittwochabend (23. März) im ARD-„Brennpunkt“ unter der Überschrift „Die Suche nach den Tätern“ (20.15 bis 20.30 Uhr), als Korrespondent Christian Feld, der mitten in Brüssel in einer Art von Trauerkundgebung stand, vom Moderator zu einer allgemeinen Rundumeinschätzung zu den mutmaßlichen Tätern gebeten wurde, was den armen Mann so überforderte, dass er sich restlos verhedderte und seinen Beitrag nur noch stotternd zu Ende brachte.

Zum schlechten Standard der Katastrophenberichterstattung gehören auch die meist nichtssagenden Aussagen der angeblichen „Terrorismusexperten“, die das Wenige und mitunter auch Falsche an Informationen in knappen Worten ausdeuten sollen. Diese Experten sagen nicht mehr als das, was jeder der Journalisten selbst sagen könnte, nur dass die Experten es meist umständlicher formulieren. Aber das, was gesagt wird, wird durch ihr Expertentum beglaubigt, so wie der jeweilige Ort, an dem die Reporter ihre Live-Aufsager fabrizieren, deren Informationen angeblich bekräftigt. Im Wettbewerb um diese Experten kommt es zu Dopplungen – derselbe Experte gleich in mehreren Sendern – oder zu flotten Umbenennungen. So erklärte die ARD nun ihren Berliner Hauptstadtstudio-Mann Rainald Becker (SWR) nach längerer Zeit ebenfalls wieder zum „Terrorismusexperten“, vermutlich damit Elmar Theveßen vom ZDF diesen Titel auf dem Feld des öffentlich-rechtlichen Fernsehens nicht immer allein beanspruchen kann.

Die Übernahmen ungeprüfter Informationen, die Endloswiederholungen der wenigen und auch noch kaum etwas zeigenden Bilder, die permanenten Live-Schaltungen zu überforderten Reportern und das endlose Gerede der sogenannten Experten sind nichts als Versuche einer Art von elektronischem Voodoo, mit dem das reale Ereignis, das einen erschreckt, als beherrschbar ausgegeben werden soll. Indes: Mit ihrer selbst verordneten Hektik, in der die Prüfung der Fakten, die Kontrolle der Quellen und so etwas wie die Reflexion dessen, was zu sagen wäre, unterbleibt, verlängern die Fernsehsender und die journalistischen Internet-Portale das Chaos, das durch solche Attentate ausgelöst wird.

03.04.2016/MK

` `