Ein Schauspieler macht Sprüche

„Ansichten eines Widerborstigen“: Die Erinnerungen des Günther Maria Halmer

Von Karl-Otto Saur
06.10.2019 •

„Herr Heinrich“ war ein Zimmerherr. Der „Zimmerherr“, das war im München der 1970er Jahre nicht ein einfacher Untermieter, das war in der Regel ein alleinstehender Herr, mit Versorgungsanschluss. In unserem Fall war „Herr Heinrich“ ein ehemaliger Berufsgeiger mit festgefügten Ritualen, die von seiner Vermieterin Anna Häusler sorgfältig beachtet wurden. Man kann sagen: Alles in Ordnung. Wäre da nicht der aus der Art geschlagene Enkel Tscharlie, der von dieser Ordnung nicht viel hält, aber von seiner Großmutter Anna dennoch abgöttisch geliebt wird.

Kenner wissen sofort, dass es sich bei dieser Beschreibung nur um eine der wichtigsten und auch erfolgreichsten Serien handeln kann, die jemals vom Bayerischen Rundfunk (BR) produziert worden sind: „Münchner Geschichten“ war der lapidare Titel. In neun Folgen von jeweils 50 Minuten erzählte die Vorabendserie vom Leben eines Vorstadtstrizzis. In der Erinnerung des Autors dieser Zeilen, der damals als Rathausreporter bei der „Süddeutschen Zeitung“ arbeitete, war nach dem 26. November 1974, dem Premieretag der „Münchner Geschichten“, die Fernsehwelt plötzlich anders. Alle redeten über diese neue Serie, deren erste Folge schon mit dem Titel „Dreiviertelreife“ neugierig machte. „Dreiviertelreife“, das war der Ausbildungsstand, den sich Tscharlie, die Hauptfigur der Serie, selber zuschrieb, um damit zu verdecken, dass er schulisch nicht einmal die Mittlere Reife geschafft hatte.

Keiner wünschte sich ein Autogramm

Der Schauspieler, der den Tscharlie spielte, hieß Günther Maria Halmer und war bis zu diesem Moment ein weitgehend unbekannter Absolvent der Falckenberg-Schauspielschule in München. Er selber hat an den genannten Novembertag allerdings eine ganz andere Erinnerung. Niemand rief ihn an, keine Kritik erschien und niemand wünschte sich ein Autogramm von ihm. Alle Illusionen, die er sich gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Regisseur Helmut Dietl gemacht hatte, schienen zerstoben. Das erfahren wir aus einem Buch, das Günther Maria Halmer unter dem Titel „Fliegen kann jeder“ über sein Leben geschrieben hat und nun auch als Taschenbuch erhältlich ist. Der Titel führt den Leser allerdings ein wenig in die Irre, vielleicht soll er bewusst ein wenig rätselhaft daherkommen. Der Untertitel hingegen sagt klar und offen, was man von dieser Autobiografie erwarten darf: „Ansichten eines Widerborstigen“.

Die Jugend von Günther ist geprägt von der Kleinstadtwelt im oberbayerischen Rosenheim mit den typischen Jugendbanden, einem überstrengen Vater und einer besonders gutmütigen Mutter. Am 5. Januar 1943 hatte sie ihn geboren. Was den Jugendlichen umtreibt, ist die Suche nach dem Sinn des Lebens. Den findet er nach ergebnislosen Bewerbungen um Jobs auch nicht bei der Bundeswehr. Ein zweijähriger Aufenthalt in Kanada, wo er ganz im Norden in einer Asbestmine schuftet, stärkt zwar seinen Durchhaltewillen und schärft seine Menschenkenntnis, löst aber sein Problem, sich immer auf der Verliererseite zu sehen, ebenfalls nicht.

Wiederholt bezeichnet Halmer sich selbst als „Kotzbrocken“. Das ist weniger Koketterie als der verzweifelte Versuch, seinen Platz zu finden. Und den findet er dann tatsächlich. Er besteht die Prüfung an der Otto-Falckenberg-Schule, der „Fachakademie für darstellende Kunst der Landeshauptstadt München“. Die schwere Holztür am Eingang zu der begehrten Ausbildungsstätte hat sich einen Spalt geöffnet, zumindest so weit, dass er seine Zukunft erahnen kann. Was er noch nicht sieht, ist, wie diese Zukunft tatsächlich schon bald aussieht.

Eines Tages bekommt Günther Maria Halmer die Mitteilung, dass ein junger Regisseur ihn kennenlernen will, weil der einen Hauptdarsteller für eine bayerische Vorabendserie im sogenannten Werberahmenprogramm der ARD sucht. Werberahmenprogramm, das klingt nach Graubrot für abgehalfterte Schauspieler. Und entsprechend ablehnend reagiert Halmer. Doch dieser Helmut Dietl, der auch einer der Autoren der Serie war, macht ihm immer wieder Avancen. Bis sie sich jeden Tag treffen, sich viel erzählen und Dietl immer mehr Anekdoten aus Halmers Leben in die Drehbücher der Serie einfließen lässt, in der Halmer eine gewissen Karl „Tscharlie“ Häusler spielen soll. Als Dietl Halmer wissen lässt, dass er die Zusage der großen Therese Giehse habe, die Rolle von Tscharlies Großmutter zu übernehmen, ist für Halmer klar, dass er endlich die Chance seines Lebens bekommen hat.

Als Helmut Dietl noch nicht ganz sicher war, ob Günther Maria Halmer die richtige Besetzung für seinen Tscharlie wäre, ist er ihm manchmal heimlich auf den Straßen Münchens gefolgt, um zu sehen, wie der Schauspieler sich in der Stadt bewegt. Nach den ersten Folgen der „Münchner Geschichten“ wäre das nicht mehr möglich gewesen. Halmer war plötzlich ein Star, seine Sprüche aus der Serie („Ois Chicago“, „Sowieso!“) gingen in den bayerischen Sprachgebrauch über. Halmer war kein Schauspieler mehr, was er doch so gerne werden wollte, sondern er war ein Held der Straße, den man zufällig über das Fernsehen kennengelernt hat.

Mit den besten Regisseuren Hollywoods

Dass er unter solchen Bedingungen nicht den Boden unter den Füßen verlor, verdankte er den Frauen. Halmers Mutter erlebte den Triumph ihres Sohnes nicht mehr, aber er dankt ihr in seinem Buch in rührender Weise. Seine Anerkennung für Therese Giehse als Kollegin, die ihn ernst nahm, seine Wertschätzung für seine Agentin Erna Baumbauer und seine Redakteurin Elisabeth Laussen vom BR, das alles mündet in der Erkenntnis, dass er mit Frauen generell besser auskommt. Und es gipfelt in einer Reihe von Liebeserklärungen an seine Frau Claudia, die er als sehr junge Schauspielerin kennengelernt und nie mehr losgelassen hat.

Aber so wichtig für Günther Maria Halmer und das Fernsehpublikum die „Münchner Geschichten“ waren, so andauernd die Folgen dieses Meisterwerks bis heute noch im Programm zu spüren sind (neben Helmut Dietl führte auch Herbert Vesely Regie) – die Karriere sollte für Halmer damit nicht zu Ende sein. Noch heute sieht man ihn regelmäßig in Rollen als weiser Onkel, Opa oder Schwiegervater. Dazwischen passierte aber noch eine ganz andere Karriere. Halmer war plötzlich im internationalen Film gefragt. Er spielte unter den besten Regisseuren Hollywoods, häufig in der Rolle des guten Deutschen, der die Lehre aus der Geschichte gelernt hat. Doch er konnte auch anders. So spiele er in „Gandhi“ von Richard Attenborough an der Seite von Ben Kingsley. In „Sophie’s Choice“ von Alan J. Pakula spielte er an der Seite von Meryl Streep Rudolf Höß, den Kommandanten des KZ Auschwitz. Was Halmer zu dieser Rolle und seiner eigenen Darstellung in seinem Buch schreibt, sollte in jeden zeitgenössischen Geschichtsunterricht weitergetragen werden. Nur Fliegen hat er nie gelernt.

06.10.2019/MK