Vermeintliche Europazuschauer

Bundespräsident Gauck wünscht sich einen gesamteuropäischen Fernsehkanal

Von Dietrich Schwarzkopf
22.03.2013 •

22.03.2013 • In seiner Berliner Europarede vom 22. Februar 2013 sagte Bundespräsident Joachim Gauck, sein Wunschbild für ein künftiges Europa sei „eine europäische Agora, ein gemeinsamer Diskussionsort für das demokratische Miteinander“. Nötig sei heute ein erweitertes Modell im Vergleich zu dem europäischen Vorbild im antiken Griechenland.

Der Ort dafür, so regte Gauck an, könne geschaffen werden als „europafördernde Innovation“ in Gestalt eines gesamteuropäischen Fernsehkanals, „etwas wie Arte für alle, ein Multikanal mit Internet-Anbindung, für mindestens 27 Staaten, für Junge und Erfahrene, für Onliner und Offliner, für Pro-Europäer und Skeptiker. Dort“, so fuhr der Bundespräsident fort, „müsste mehr gesendet werden als der Eurovision Song Contest oder ein europäischer ‘Tatort’. Es müsste zum Beispiel Reportagen geben über Firmengründer in Polen, junge Arbeitslose in Spanien oder Familienförderung in Dänemark. Es müsste Diskussionsrunden geben, die uns die Befindlichkeiten der Nachbarn vor Augen führen und verständlich machen, warum sie dasselbe Ereignis unter Umständen ganz anders beurteilen als wir. Und in der großen Politik würden nach einem Krisengipfel die Türen aufgehen und die Kamera würde nicht nur ein Gesicht, sondern die gesamte Runde am Verhandlungstisch einblenden.“

Daraus ergeben sich viele Fragen

Europäischen Bürgersinn entwickeln durch Kommunikation auf der Agora – für dieses Wunschziel bedürfte es einer gemeinsamen Sprache. Gauck erinnert daran, dass die junge Generation ohnehin mit Englisch als Lingua franca aufwachse. Mehr Europa heiße aber Mehrsprachigkeit nicht nur für die Eliten, sondern für alle. Gauck erklärte in seiner Rede: „Ich bin überzeugt, dass in Europa beides nebeneinander leben kann: Beheimatung in der Muttersprache und ihrer Poesie und ein praktikables Englisch für alle Lebenslagen und Lebensalter.“

Aus den Darlegungen des Bundespräsidenten ergeben sich direkt oder indirekt seine Vorstellungen von dem ihm vorschwebenden gesamteuropäischen Fernsehkanal, die ihrerseits sogleich Fragen hervorrufen, über jene hinaus, die sich notwendig mit der Errichtung eines solchen Unternehmens verbinden:

• „Ein Multikanal“: Wie viele Kanäle und wofür? Mit Internet-Anbindung – das versteht sich von selbst.

• Für „mindestens 27 Staaten“: Bedeutet das Offenheit für künftige EU-Mitglieder und/oder Einbeziehung von Nichtmitgliedern? Wenn das zweite, dann wohl nur für europäische Nichtmitglieder.

• Es soll mehr gesendet werden „als der European Song Contest oder ein europäischer ‘Tatort’“. Sollen diese Sendungstypen dennoch auch vorkommen oder nicht? Auf jeden Fall sollen Reportagen und Diskussionen, die Verständnis für andere europäische Staaten fördern (nur für diese?), Schwerpunkte bilden. Die Berichterstattung von Europa-Konferenzen soll sich von der Gepflogenheit der nationalen Fernsehsender befreien, fast nur auf die das jeweils eigene Land betreffende Themen einzugehen.

• „Etwas wie Arte für alle“ soll das gesamteuropäische Programm sein. Dem deutsch-französischen Kultursender Arte wird damit indirekt bescheinigt, dass sein Programm nicht für alle da sei, also wohl für eine Elite. Es müsste herausgearbeitet werden, was Arte nicht bietet, was aber für die Entwicklung eines europäischen Bürgersinns benötigt wird. Also: mehr nach Arte-Art oder anderes? Soll „für alle“ heißen: einfacher als das Arte-Programm? Soll es eine Arbeitsteilung geben zwischen „Arte forte“ und „Arte light“? Braucht man Arte dann noch? Oder soll es elitärer werden?

• Da sich das Wunschbild eines gesamteuropäischen Fernsehprogramms mit einer gemeinsamen Sprache (soll doch wohl heißen: nur mit dieser) leichter umsetzen ließe, dürfte das bedeuten: Das gesamte Programm findet in Englisch statt. Das freilich ist trotz der Alltäglichkeit des Englischen als Lingua franca politisch die europafernste Sprache unter denen der EU-Mitglieder.

• Es soll ein „praktikables Englisch“ sein. „Praktikabel“ muss heißen: tauglich für die Zwecke des gesamteuropäischen Programms, nicht zuletzt für Informationssendungen und Diskussionen. Dazu muss es höherwertig sein als das Englisch des Lingua-franca-Alltags. Verstehen genügend potentielle Zuschauer mehr als das allerdürftigste Alltags-Englisch? Zugleich müsste der Verständlichkeit halber akademisches Englisch zum Beispiel aus den Diskussionen verbannt werden. Entstehen hier drei Kategorien Englisch – das Euro-Pidgin des Lingua-franca-Alltags, das Englisch, das die Diskussionen an den britischen Universitäten kennzeichnet und schließlich ein Middle-of-the-road-Englisch, das viele Diskussionsteilnehmer (von „oben“ und von „unten“) erst lernen müssten?

• Wer bringt den Menschen diese Sprache bei? Soll sie in den Schulen des Kontinents gelehrt werden?

• Und die Muttersprache? Wenn das gesamteuropäische praktikable Englisch „für alle Lebenslagen und Lebensalter“ gelten soll, bleiben für die nicht-englische Muttersprache die Folklore, die Poesie, die Tradition und der Teil der Alltagssprache, der noch nicht von der englischen Alltags-Lingua-franca verseucht ist. Das Wichtigste: Die Muttersprache wird, weil sie für die Diskussionen über den Bürgersinn ausfällt, entpolitisiert.

Für einen Blick auf die Probleme, die mit der Schaffung eines europäischen Fernsehsenders verbunden wären, hilft vielleicht eine kurze Erinnerung an vorausgegangene Europa-Fernseh-Projekte.

Am 5. Oktober 1985 nahm Europa TV im niederländischen Hilversum seine Sendungen auf. Vier europäische Fernsehakteure hatten sich nach Schweizer Recht zusammengetan, um „ein volles Programm in der Tradition des Public-Service-Rundfunks anzubieten, völlig unabhängig von politischen und kommerziellen Interessen“. Die vier (öffentlich-rechtlichen) Partner waren die ARD, das holländische Fernsehen NOS, der irische Rundfunk RTE und die italienische RAI. Etwas später trat das portugiesische Fernsehen RTP hinzu, als ihm sein zweites Fernsehprogramm abhanden gekommen war. Das Programm von Europa TV sollte „Elemente von Unterhaltung, Film, Sport, Information, Kultur und Erziehung“ enthalten, alles hochrangig und in den Sprachen der Teilnehmernationen.

Am 27. November 1986 stellte Europa TV seinen Sendebetrieb schon wieder ein (vgl. hierzu FK-Hefte Nr. 36/86, 47/86 und 48/86) Das von den Gründern zur Verfügung gestellte Startgeld reichte nicht und die Gründer wollten nicht nachschießen, weil sie fürchteten, hier könne ein finanzielles Fass ohne Boden entstehen. Ihr Beschluss, einen größeren Teil des benötigten Geldes durch Werbung zu beschaffen, ließ sich am Ende nicht verwirklichen, da sich nicht genügend Werbetreibende fanden, die mitmachen wollten. Der Beschluss freilich setzte Europa TV zudem den Kämpfen zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk aus. Einige der Gründer begannen, mit Rücksicht auf die kommerziellen Veranstalter in ihrem Land die Zulassung von Europa TV zu behindern. Die technischen Transportwege waren unzulänglich. Der organisatorische und finanzielle Aufwand für die Sprachfassungen verschlang die Hälfte des Budgets. Die Europäische Kommission zahlte nur ein Drittel des erwarteten Zuschusses. Die Veranstalter kamen zu der Erkenntnis, dass es falsch gewesen war, ein Vollprogramm anzubieten, wie es auch die nationalen Veranstalter liefern. Sie verloren den Mut zur Fortsetzung.

Lernen aus einem Fehlschlag

Bei der Gründung von Arte zeigte sich, dass die Veranstalter aus dem Fehlschlag Europa TV gelernt hatten. Arte beschränkte sich auf zwei Veranstalter und damit auf zwei Sprachen. Weitere Vollpartner traten nicht dazu, weil keine in Frage kommende nationale Fernsehanstalt in Europa genügend Geld hatte, um Anteile am Gesamtbetrieb von Arte zu übernehmen, und weil Frankreich und Deutschland ihre Vormachtstellung auch nicht schmälern wollen. Arte mit Sitz in Straßburg unterhält Partnerbeziehungen nur in Form von drei assoziierten Mitgliedschaften (mit Österreichs ORF, dem französischsprachigen belgischen Fernsehen RTBF und dem polnischen Fernsehen TVP). Ansonsten gibt es Kooperationsvereinbarungen mit dem griechischen, dem finnischen und dem Schweizer Fernsehen sowie zahlreiche einzelne Koproduktionsprojekte. Eine solide Finanzierung Artes ist durch einen völkerrechtlichen Vertrag zwischen Frankreich und den deutschen Bundesländern gesichert. Werbung findet nicht statt, Sponsoring ist erlaubt. Für die Leitung und die Mitarbeiterschaft der Straßburger Zentrale ist Parität vereinbart, ebenso für die deutschen und die französischen Programmzulieferungen.

Für die etwaige Einführung eines gesamteuropäischen Fernsehprogramms nach den Vorstellungen des deutschen Bundespräsidenten ergeben sich folgende grundsätzliche Fragen:

• Wer soll die veranstaltende Institution gründen? Die Staaten der Europäischen Union? Alle oder bestimmte, zum Beispiel die großen, oder eine vereinbarte Mischung von großen und kleinen? Schon diese Auswahl schafft naheliegende Probleme. Großbritannien will sich an keinem gesamteuropäischen Programm beteiligen (es würde nur die Sprache liefern).

• Oder sollen bzw. können das Europäische Parlament und/oder die Europäische Kommission diejenigen sein, die den Sender gründen? Das Programm käme dann, auch bei klar vereinbarter Unabhängigkeit, rasch in den Verdacht, Organ der europäischen Organe zu sein.

• Oder sollen öffentlich-rechtliche Sender die Gründer sein? Es könnten nur solche sein, die ein gesamteuropäisches Programm wollen (Großbritannien bliebe wiederum außen vor). Wer Gründer ist, will in der gegründeten Institution organisatorisch, personell und programmlich vorkommen. Ein weites Feld für ein nationales Proporzgerangel.

• Wo soll dieses gesamteuropäische Fernsehprogramm seinen Sitz haben? Man kann sich Staaten vorstellen, die nur mitmachen, wenn ihnen der Sitz zugesprochen wird oder wenn er einem bestimmten anderen Staat nicht zugesprochen wird. Dann pflegen sich Kompromisse einzustellen. Europäische Institutionen sind das Umherziehen gewohnt (zum Beispiel wandert das Europäische Parlament zwischen Brüssel und Straßburg). Weshalb dann nicht (mindestens) zwei Sitze für das europäische Programm, etwa einen technischen und einen administrativen sowie einen redaktionellen dazu? Organisatorisch ließe sich das mit der modernsten Technik ohne weiteres bewältigen.

• Soll es ein Vollprogramm sein, wenn auch mit den Schwerpunkten Diskussion und Information? Bei Gauck klang das so. Zur Zeit ist die Vorstellung weit verbreitet, neue gesamteuropäische Fernsehprogramme sollten nur Spartenprogramme sein. Einmal, weil die nationalen Sender Vollprogramme anbieten und es nichts bringt, mit ihnen auf diesem Gebiet zu konkurrieren. Zum anderen, weil auch in den einzelnen Staaten die Zielgruppen sich aufzufächern beginnen.

• Wie hoch ist das Interesse der potentiellen Zuschauer zu veranschlagen? Gewiss, ein Interesse am Mitdiskutieren oder zumindest an der Identifizierung mit Diskussionsteilnehmern ist unstreitig vorhanden, vor allem in essentiellen Fragen. Aber ist das nicht ganz vorrangig ein hochaktuelles spontanes Interesse? Und: Wird als willkommene Gelegenheit, sich sehr schnell, informell und kräftig zu äußern, die quicke höchstpersönliche Präsenz in den sozialen Medien nicht einem Warten auf das Ingangsetzen der Diskussionsmaschinerie eines gesamteuropäischen Programms vorgezogen?

• Muss man nicht auch bedenken, dass, was die erwartete Zuschauerbeteiligung an einem gesamteuropäischen TV-Programm angeht, es „vermeintliche Europazuschauer“ gibt (der Begriff stammt von der Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel von der Universität St. Gallen), das heißt solche Zuschauer, die bei Umfragen Interesse am Zuschauen bekunden, es aber dann nicht praktizieren. Vom Beispiel Arte weiß man, dass es als Nachweis von Zugehörigkeit zur intellektuellen Elite gilt, bekennender Arte-Anhänger zu sein, auch wenn das Programm nicht wirklich oder jedenfalls nicht so oft geschaut wird.

• Schließlich bereiten unterschiedliche Lebensgewohnheiten in den europäischen Ländern einem gesamteuropäischen Fernsehprogramm sehr erhebliche Schwierigkeiten. Die abendliche Primetime ist beispielsweise in Spanien viel später als in Deutschland. Unterschiede beim Beginn des Hauptabendprogramms in Deutschland (20.15 Uhr) und in Frankreich (20.45 Uhr) bereiteten Arte anfangs Probleme, bis man sich – gegen anfänglichen starken deutschen Widerstand – auf ein kurzfristiges Auseinanderschalten zum Primetime-Beginn einigte.

Joachim Gaucks televisionärer Vorschlag erscheint angesichts all dessen mehr als Wunschdenken denn als praktikable Möglichkeit. Die Freunde verbesserter intereuropäischer Kommunikation zur Förderung eines gesamteuropäischen Bürgerbewusstseins können sich hingegen viele Probleme und Streitigkeiten ersparen, wenn sie auf den Gedanken eines gesamteuropäischen Fernsehprogramms verzichten und stattdessen Folgendes anstreben würden: die Umsetzung des Gauck-Programms – teilweise zunächst, dann sukzessive – in den jeweiligen nationalen Programmen, in Absprache zwischen ihnen (was ohne zusätzliche Bürokratie gehen müsste). Das müsste ergiebiger sein als eine neue zentrale Organisation.

Der Deutschlandfunk – Radiosender scheinen da viel schneller zu sein – hat das sogleich erkannt und am 1. März mitgeteilt, dass er seine europabezogenen Sendungen, die zudem verstärkt würden, in dem Europaportal „Werkstatt Europa“ online bündeln werde. Das müsste Joachim Gauck sehr entgegenkommen, der ja auch gesagt hat: „Ob mit oder ohne einen solchen TV-Kanal: Wir brauchen eine Agora.“ Die kann, ja, sollte an den verschiedensten Schauplätzen stattfinden, nicht nur nach antiker Art in einem, jetzt einem gesamteuropäischen Fernsehprogramm.

• Text aus Heft Nr. 12/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

22.03.2013/MK
Europaflagge: Ein gesamteuropäisches Fernsehprogramm, das dürfte eher Wunschdenken bleiben