BARTELS’ BETRACHTUNGEN

Lobenswert: Das RBB Fernsehen und die Abkehr von der Verwechselbarkeit

Von Christian Bartels
31.01.2020 •

Zu den Erfolgsrezepten linearer öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme gehört Verwechselbarkeit. Wer beim Durchschalten auf mehrere spannende „Tatort“- und weitere Krimi-Wiederholungen stößt, bleibt irgendwann irgendwo hängen (und wenn nicht, dann ja wohl bei einer der Quizshows). Auch daher können die Dritten Programme zusammengenommen als „die meistgesehenen Sender in Deutschland“ gelten.

Besonders verwechselbar geht es am Freitagabend zu, wenn die nord-, west- und ostdeutschen Dritten mehrere gemeinsame Prominenten-Talkshows senden und das Publikum immer gespannt sein darf, ob Jan Josef Liefers bei Giovanni di Lorenzo oder Anna Loos bei Barbara Schöneberger zu Gast ist oder beide irgendwo gemeinsam oder es noch überraschendere Variationen des Schemas gibt. Eines der Dritten Programme schert freitags allerdings seit einiger Zeit aus. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) sendet dann ein Kontrastprogramm aus Spielfilmen. Es handelt sich, selbst wenn Titel wie „Du und ich und Klein-Paris“ so klingen könnten, nicht mal um Degeto-Schonzetten des letzten Jahrzehnts, sondern um „zwischen 1961 und 1990 entstandene Film- und Fernsehproduktionen, die vielfältige Einblicke in den Lebensalltag der DDR bieten“.

Zunächst laufen in der Reihe vor allem Filme, die das noch ostdeutschere Dritte, das des MDR, schon gezeigt hat. Rechteklärung ist bei älteren, schon lange nicht mehr oder noch nie gesendeten Filmen schließlich oft das Aufwändigste. Man bemühe sich aber um weitere Titel, heißt es beim RBB. Die Idee, lieber mal älteres Seltenes zu zeigen als das, was alle senden, sei beim Grillen vom Publikum gekommen, sagt RBB-Programmdirektor Jan Schulte-Kellinghaus. Den RBB grillen“ heißt eine, wie der Sender sagt: „Event-Reihe“, deren nächste Ausgabe am 5. Februar in Templin stattfindet. Und dass diese Event-Reihe nicht im Fernsehen läuft, verdient gleich noch einmal ein Lob.

Gegrillt wird gern, aber nicht immer on air

Was nicht heißt, dass Grillen beim RBB keine große Rolle spielen würde. Vergangene Woche war die Jahrespressekonferenz des Senders. Im bei solchen Anlässen stets gezeigten Trailer-Zusammenschnitt wurde nicht nur einmal gegrillt. Angeteasert wurden dabei zum Beispiel die unter redaktioneller Federführung des RBB produzierte ARD-Vorabendkrimi-Serie „WaPo Berlin“ (Start: 28. Januar), die sowohl durch Multikulturalität als auch durch einen süßen Hund zu überzeugen möchte, und Imogen Kogge als bemerkenswert ähnliche Angela Merkel im ARD-Fernsehfilm Die Getriebenen“ (RBB/NDR). Ob es sich bei Robin Alexanders gleichnamiger Buchvorlage um einen „Sachbuchbeststeller“ oder einen Roman handelt – beide Begriffe fielen –, ist vermutlich weniger wichtig. Diese Kategorien verschwimmen ohnehin, im Fernsehen ganz besonders. Jedenfalls heißen die „Oscars des Sports“ hierzulande „Laureus Awards“ und bereichern 2020 das Dritte Programm des RBB.

Es ist nicht schwer, sich über den RBB lustig zu machen, aber er hat es auch nicht leicht. Berlin und Brandenburg haben zusammen weniger Einwohner als Hessen, aber zwei Landtage und sehr heterogene Publika, die in einem gemeinsamen linearen Fernsehprogramm bedienen zu wollen kein Zuckerschlecken ist. Im Brandenburger Landtag in Potsdam ist die AfD die größte Oppositionspartei. Kürzlich beantragte sie wegen der „Umweltsau“-Aufregung die Abschaffung des Rundfunkbeitrags. Das RBB-Fernseh-Online-Video „Parteien verteidigen Öffentlich-Rechtliche“ ist ein gutes Beispiel für Spagate, die Öffentlich-Rechtlichen inzwischen machen müssen.

Gut, der noch ostdeutschere MDR hat da noch größere Probleme. In seinem Sendegebiet ist die AfD in allen drei Landtagen die größte Oppositionspartei. Der MDR kann aber darauf verweisen, dass er (bezogen auf das jeweilige Sendegebiet) das „erfolgreichste Dritte Programm“ überhaupt bietet. Das RBB Fernsehen bewegt sich am anderen Ende derselben Skala: Das Programm „dürfte es 2019 knapp geschafft haben, nicht auf dem undankbaren letzten Platz in der Quotenstatistik der Dritten Programme zu landen“, zumindest wenn man das „Silvesterfeuerwerk am Brandenburger Tor“ noch mitzählt, schrieb der Tagesspiegel“.

Die Senderchefs gehen entspannt damit um. „Mit sechs Prozent Einschaltquote bin ich sehr fein“, sagt RBB-Intendantin Patricia Schlesinger, die wie alle Intendanten der öffentlich-rechtlichen Sender derzeit natürlich in erster Linie die gewaltigen und teuren digitalen Herausforderungen betont. Dass die Quotenmessung fürs Dritte Programm RBB Fernsehen auf je 200 Geräten in Berlin und in Brandenburg basiere, sagt Programmdirektor Schulte-Kellinghaus mit einem Unterton, der bedeutet, dass den Quoten nicht zu viel Bedeutung beigemessen gehört.

Und tatsächlich lässt sich ja mindestens darüber streiten, ob Einschaltquoten in der jüngeren Vergangenheit so wichtig waren, wie Senderchefs und weite Teile des Medienjournalismus sie nahmen. Für die längst schon angelaufene Zukunft gilt das erst recht. Beim RBB verweist man gerne auf Klick-Erfolge einer Sendung wie „Chez Krömer“. Durch 1,8 Mio Klicks habe sich die lineare Reichweite der Show, in der das Berliner Original Talkshow-prominente Gäste empfängt, non-linear verdoppelt. Zumindest dass der RBB konsequent von „allen Plattformen (YouTube, Mediathek, Website)“ spricht, also nicht allein den Top-Reichweiten-Bringer YouTube der Datenkrake Google füttert, sondern auch das freie Internet, ist sympathisch.

„Teurer als Netflix, aber dafür mit Radio“

Das alles heißt nicht, dass der RBB nicht auch eine Länderrundfunkanstalt mit vielen Linear-Problemen wäre – im Radio wie im Fernsehen. So stellt sich etwa die Frage, ob zum Programm Inforadio, das tagsüber durch beinharte Nachrichten-Wiederholung im 20-Minuten-Takt alle Hörer rausschmeißt, die mit mehr als einem Ohr hinhören, wirklich der Spruch „Wir lieben das Warum“ passt? Und was das RBB Fernsehen angeht, so ließe sich feststellen, dass die Sendung Thadeusz und die Beobachter“, in der halbwegs prominente Journalisten vor klatschendem Publikum plaudern, wohl in keiner Rangliste der allerüberflüssigsten Shows fehlen dürfte. Wobei da natürlich individuelle Geschmacksfragen reinspielen.

Ein weiteres neues RBB-Format hätte beinahe „Abgehängt“ geheißen. Nun hat es, etwas optimistischer, den Titel „Warten auf’n Bus“. Diese regionale Serie spielt „an einer Bushaltestelle irgendwo in Brandenburg“, wo nicht so viele Verkehrsmittel verkehren wie in Berlin. Der Autor heißt Bukowski (aber Oliver, dafür ist er gebürtiger Cottbusser). Vorherzusagen, dass diese Serie mit unter anderem Ronald Zehrfeld und Jördis Triebel (sowie wiederum einem Hund) non-linear mindestens so gut laufen dürfte wie linear, fällt nicht schwer.

Mit seinen Werbesprüchen hat der RBB vielleicht sogar noch mehr Probleme als andere ARD-Anstalten und die ARD insgesamt. Auf den ohnehin und erst recht als Beschriftung für Senderfahrzeuge nicht uneingeschränkt überzeugenden Spruch „Bloß nicht langweilen“ hatte uebermedien.de unter der Überschrift RBB‑Marketing behindert Arbeit von RBB‑Reportern“ gerne hingewiesen. Künftig hat der RBB einen satirischen Zuschauerbeauftragten und es ist nicht die erfolgreiche Reizfigur Dieter Nuhr (die der RBB dem ARD-Programm beisteuert). Was soll man sagen? Die Sprüche, die der mit der Aufgabe beauftragte Kurt Krömer in kurzen, ebenfalls für lineare wie nicht-lineare Verbreitung gedachten Spots loslässt, sind sogar für Zuschauer, die Krömer eher nicht lustig finden (was der Kolumnist beurteilen kann!), ziemlich lustig. „RBB – Langeweile pur“ oder „RBB – teurer als Netflix, aber dafür mit Radio“ bringt der Berliner launig als neue Claims ins Gespräch. Auch im Vergleich mit der Eigenwerbung anderer Dritter Programme könnte sich zeigen, dass der RBB bei der Abkehr von der Verwechselbarkeit gerade mehrere Schritte in richtige Richtungen unternimmt.

31.01.2020/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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