Kunst vs. Kunsthandwerk: Zum Hörspielwettbewerb beim Prix Europa 2015

13.11.2015 •

Die Formulierung, die von der 29. Auflage des Prix-Europa-Wettbewerbs, der vom 17. bis 24. Oktober im Berliner Haus des Rundfunks stattfand, im Gedächtnis bleibt, ist die von „Selbsthass und Zärtlichkeit“. Beides waren aber weder Teilnahmevoraussetzungen noch die Auswirkungen der Wettbewerbe für Radio, Fernsehen und Online beim Prix Europa. Mit der genannten Formulierung beschrieb vielmehr der schwedische Dramatiker Kristian Hallberg die Haltung, mit der er sein Hörspiel „Variation“ verfasst hatte.

In diesem Stück wird K, der Vater des etwa vierjährigen Leo, von verschiedenen Erziehungsberechtigten über einen Vorfall einvernommen, der Leo und dessen Vorschulkameraden Rashid betrifft. Der Vorwurf des Mobbings steht im Raum und K, in Gender- und Rassismusfragen so hypersensibel wie es nur ein Schwede sein kann, ist sofort bereit zu glauben, dass sein Sohn auf dem Weg sei, ein verdammter Rassist zu werden. Natürlich sucht der Vater die Schuld bei sich und versucht jede Frage im Elterngespräch korrekt zu beantworten. Denn er weiß, was ihm bei zu vielen falschen Antworten droht, nämlich das, was bei inquisitorischen Verhören immer droht: die Exkommunikation – die ihm schließlich auch auf eine perfide Art und Weise nahegelegt wird.

Hauptpreis für eine „Schlepperoper“

War man nach der Lektüre der Kurzzusammenfassung des von Sveriges Radio produzierten Hörspiels auf eines jener gut gemeinten Politstücke eingestimmt, für die das skandinavische Hörspiel berüchtigt ist – die beiden anderen notorischen Formen sind düstere Psychodramen und gewaltpornografische Krimis –, enttäuschte Hallbergs „Variation“ auf das Angenehmste. Mit einer nahezu masochistischen Lust wurde hier der dogmatische und totalitäre Anteil des Konzepts „Political Correctness“ decouvriert. Aber: Ks Selbsthass ist derselbe, den auch sein Autor empfindet, weshalb Kristian „mit K“ Hallberg seine im Verlauf des Stücks immer unsympathischer werdende Figur mit großer Zärtlichkeit beschrieben hat. Dafür wurde das Stück mit einer lobenden Erwähnung in der Hörspielkategorie belohnt. So viel peinliche Selbstbefragung war selten bei den insgesamt 34 Einreichungen zum Hörspielwettbewerb des Prix Europa 2015 und auch in den täglichen, mehrstündigen Diskussionen ging man recht behutsam miteinander um.

Krieg und Traumata waren die bestimmenden Themen vieler Stücke, doch deren Verarbeitung war – selbst in dem internationalen Antikriegsprojekt „Together Against“ – ästhetisch häufig allzu konventionell und intellektuell wenig herausfordernd. Die Diskussionen blieben denn auch allzu oft beim (Kunst-)Handwerk des Hörspielmachens, bei Charakterentwicklung, Storytelling, Regie und Sounddesign. Das galt auch für den Wettbewerb für Hörspielserien und -mehrteiler. Diesmal gab es kein so aufregendes, in Echtzeit erzähltes Projekt wie den französischen Vorjahresgewinner „57, rue de Varenne“. Stattdessen hörte man viel Gleichförmiges, das keinerlei Lust auf weitere Folgen machte.

Freud, Callas, Pinter

Eine Ausnahme bildete das Preisträgerstück „James Boswell’s Life of Freud“ von Jon Canter, die erste Folge eines Vierteilers, in der der Biograf Boswell den Vater der Psychoanalyse interviewte. Aus einen Frage-und-Gegenfrage-Spiel entwickelte sich hier ein sehr komisches und temporeiches Gespräch unter Kokaineinfluss, das neugierig darauf machte, wie Boswell wohl die Gesangsdiva Maria Callas, den Dramatiker Harold Pinter und den Londoner Bürgermeister Boris Johnson für die nächsten Folgen interviewt hat.

Der Hauptpreis „Best European Radio Drama of the Year“ ging an ein Hörspiel, das sich einer 500 Jahre alten Medientechnik bedient, der Oper, und diese mit gegenwärtigen Radioformaten verknüpft: Es gewann „Orpheus in der Oberwelt – Eine Schlepperoper“ (WDR), ein Hörspiel des Kollektivs andcompany&Co. nach ihrem zehn Jahre alten Theaterprojekt (vgl. MK-Kritik). Die aktuelle Flüchtlingsthematik und die opulente Inszenierung ließen bei diesem Stück über einige inhaltliche Schwächen hinwegsehen und im Vergleich zum Gros der anderen Produktionen war die Preisvergabe zu rechtfertigen.

Unter Wert wurde in Berlin hingegen das Hörspiel „Hornissengedächtnis“ von David Zane Mairowitz verkauft. Die Koproduktion von Österreichischem Rundfunk (ORF) und Schweizer Rundfunk (SRF) basiert auf einer wahren Geschichte um ein in tiefem Hass verbundenes Paar, das seit 50 Jahren nicht mehr miteinander redet. Er war früher Fluchthelfer, der Juden über die Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz brachte und später Dolmetscher bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen wurde. Sie, eine Jüdin, wurde in der Schweiz unter menschenunwürdigen Umständen interniert. Mairowitz hat die beiden Figuren auf vier Stimmen aufgeteilt – zwei für ihre alten Körper und zwei für ihre jungen Hirne. Sie kommunizieren nur über ihre Enkelin miteinander, die damit die Funktion eines Mediums übernimmt und so quasi zu einer Metapher für das Radio wird. Das war formal interessant und darüber hinaus zog das Stück seine Spannung daraus, dass es eine einfache Antwort auf seine Ausgangsfrage „Woher kommt der Hass?“ verweigerte. Genau das unterscheidet Kunst von Kunsthandwerk.

Preise für WDR, SWR und ZDF

Neben dem Hörspiel „Orpheus in der Oberwelt“ waren vier weitere deutsche Produktionen beim Prix Europa 2015 erfolgreich. Als bestes investigatives Radiostück wurde Johanna Brauns für die Reihe „Das ARD-Radiofeature“ erstellte WDR-Produktion „Wie Terror entsteht – Über die Eskalation von Gewalt“ ausgezeichnet. „Im Spinnwebhaus“ von Mara Eibl-Eibesfeldt wurde zum besten europäischen Fernsehdrama gewählt. Der von der Firma Tellux und vom SWR produzierte Schwarzweiß-Film holt den Zuschauer in die verwunschene Lebenswelt von drei Kindern, die sich selbst überlassen in einem Haus leben. Der Nachwuchspreis für Drehbuchautoren ging an Nicole Armbruster und Marc Brummond für den Spielfilm „Freistatt“ (ebenfalls SWR) und in der Online-Kategorie gewann die interaktive Datenplattform „ZDF-Lobbyradar“.

Die Preise des Prix Europa sind mit jeweils 6000 Euro dotiert. Ausgerichtet wird der Prix-Europa-Wettbewerb von insgesamt 30 europäischen Institutionen, darunter zahlreiche europäische Medienhäuser sowie die Europäische Kommission und das Auswärtige Amt. Die Amtszeit von Roger de Weck, Generaldirektor der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) als amtierender Präsident des Festivals, ging mit der diesjährigen Ausgabe zu Ende. Als seine Nachfolgerin ist Cecilia Benkö Lamborn vorgesehen, die Generaldirektorin von Sveriges Radio.

13.11.2015 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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