Oftmals rhetorische Sternstunden: Das „SWR 2 Forum“ besteht 30 Jahre

17.10.2014 •

Mal ganz ehrlich und offen: Es ist nicht ganz so selten, dass man einem Geburtstagskind nur aus gebotenem Anstand gratuliert. Der Gratulant tut es, weil es sich gehört und es zu seinen Obliegenheiten gehört, den Feiertag nicht zu vergessen. So mussten oder durften die Medien im laufenden Jahr zum Beispiel an den 100. Geburtstag von Heidi Kabel erinnern und an den 100. Todestag von Hermann Löns, es war Udo Jürgens zum 80. Wiegenfest und Tina Turner zum 75. Geburtstag zu gratulieren – die kleine Auflistung ließe sich ganz unschwer mit vielen illustren Namen aus Kunst, Wissenschaft und Politik weiter füllen. In diesen Zusammenhängen von Geburts- und Todestagen wäre auch an die Berühmtheiten Alec Guinness, Alois Alzheimer, John D. Rockefeller oder die des Marquis de Sade zu erinnern – an diese und viele hundert weitere Namen, je nach Zuneigung.

Dann gibt es freilich Geburtstagsfeste ganz anderer Art, auch ganz unspektakuläre, da wird – zumindest – der Hörer hellhörig. So hat etwa der Südwestrundfunk (SWR) in aller Bescheidenheit und gebotenen Zurückhaltung diskret und fast ein wenig verschämt in diesen Tagen darauf verwiesen, dass die wöchentliche Hörfunk-Diskussionsrunde „SWR 2 Forum“ (ausgestrahlt montags bis freitags in der Zeit von 17.05 bis 17.50 Uhr) ihr 30-jähriges Bestehen feiern kann, mithin also Geburtstag hat. An guter alter römischer und rhetorischer Tradition hat man sich bei dieser Sendereihe orientiert und ein Forum für den freien und öffentlichen Disput geschaffen, wobei es durchaus hart zur Sache gehen darf und kann, der Schlagabtausch (so der Eindruck nach vielen, vielen mitgehörten Sendungen) in der Regel jedoch auf Augenhöhe verläuft.

Eben keine akustische Talkshow

Täglich werden im Rahmen des „SWR 2 Forums“ zu den Bereichen Kultur, Gesellschaft, Medizin, Religion und Politik Gespräche und Diskussionen zwischen normalerweise drei Teilnehmern ausgestrahlt, oftmals werden es rhetorischen Sternstunden. Dabei hat die sehr akribisch arbeitende Redaktion es in aller Regel vermeiden können, dass die Gesprächsrunde zu einer glamourösen akustischen „Talkshow“ verkommen wäre. Genau gegen diesen Verdacht personalisierter Eitelkeiten und für den Hörer peinigender Selbstdarstellungen hat die Redaktion fast immer erfolgreich vorbauen können.

Prägend für die überragende und bis heute ungeschmälerte Diskussionskultur im „Forum“ waren dabei selbstverständlich auch die beteiligten Redakteure und Moderatoren, wie Reinhard Hübsch, Ursula Nusser, Matthias Heger, Gábor Paál oder Eggert Blum (um nur einige zu nennen). Reinhard Hübsch, als stets kenntnisreicher, sympathischer und feiner Homme de lettres vor Mikrofon und Gästen dem klugen Wort verpflichtet, leitete das „Forum“ bis 1998, gefolgt dann von der unaufdringlich eloquenten Ursula Nusser, die Stipendiatin des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp) in München war.

Kaum ein Thema, kaum ein heißes Eisen aus Kultur, Religion und Gesellschaft, das in den 30 Jahren nicht im „Forum“ aus ganz unterschiedlicher Perspektive fokussiert worden wäre: Seien es die Neudefinition Deutschlands nach dem Mauerfall, der sogenannte Historikerstreit um die Singularität des Holocaust (1986), Marcel Reich-Ranickis Philippika gegen die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die anfechtbare Zuwahl ihrer Mitglieder, die sukzessive Neudefinition der Geschlechterbeziehung in den vergangenen Jahren oder die neue Rolle der Bundeswehr – immer war die Redaktion mit ihren Gästen um Aktualität und gepflegte Streit- und Sprechkultur bemüht. Nur einmal, das legte zumindest der O-Ton-Rückblick am 3. Oktober nahe, wurde ein Gast des „Forums“ förmlich zerhackstückelt: Es war Johannes Mario Simmel. Dessen damaliges neuestes Opus „Im Frühling singt zum letzten Mal die Lerche“ (1990) vernichteten Sigrid Löffler und Gert Ueding im Beisein des Autors schamlos und ohne Gnade, wobei Löffler unumwunden eingestand, sie habe das Buch gar nicht gelesen.

Und die „SWR 2 Musikstunde“

Bettina Gaus von der „taz“ bemerkt zum Selbstverständnis des SWR-2-Geburtstagskindes: „In kaum eine andere Sendung lasse ich mich so gerne einladen wie ins ‘SWR 2 Forum’. Woran liegt das? Ich glaube, am Respekt der Redaktion. Nicht vor den Gästen – obwohl wir immer freundlich umsorgt werden –, sondern vor dem Thema.“ Und Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“ sekundiert: „Das ‘SWR 2 Forum’ ist nicht aufgeregt, aber es ist aufregend – aufregend sachlich und aufregend konzentriert. Es ist eine Gesprächssendung, in der man dem Zeitgeist nicht nachläuft, sondern ihn analysiert und destilliert.“ Barbara Sichtermann schließlich rekapituliert: „Wenn du zum ‘Forum’ gehst, hast du immer ein bisschen Herzklopfen. Das gehört dazu, denn mit eingeweckten Gedanken, die immer passen, kommst du bei diesen Debatten nicht durch.“ Solches Lob kann man von der anderen Seite, der des Hörers, nur unterstreichen.

Aber apropos Geburtstag: Es war ein veritabler Doppelgeburtstag, den es auf SWR 2 zu feiern galt. Denn auch die „SWR 2 Musikstunde“ konnte in diesen Tagen auf einen Sendeplatz zurückblicken, der ebenfalls inzwischen 30 Jahre besteht. An fünf Tagen in der Woche (montags bis freitags von 9.00 bis 10.00 Uhr) wird jeweils ein monothematisches Thema aus der Musik behandelt und liebevoll in Wort und Ton durchgespielt, sei es eine musikalische Reise durch Schottland oder Sizilien, sei es ein Ausflug mit Don Giovanni durch dessen musikalische Landschaften und Haine der Verführungen, die selbstverständlich auch jenseits von Mozart liegen, sei es das genussvolle Auskosten der Filmmusik oder der Besuch in den Labors der musikalischen Avantgarde. 30 Jahre Unterhaltung in einem musikalischen Salon für den Connaisseur, den Liebhaber und gebildeten Musikfan des E- und U-Sektors, den Dilettanten und wissenshungrigen Laien – das alles leistete seit Oktober 1984 auch die „SWR 2 Musikstunde“ in mehr als 7000 Musik-Zeitstunden, mit den Stimmen und der musikalischen Leidenschaft von rund 30 Moderatorinnen und Moderatoren. Auch dorthin einen herzlichen Glückwunsch und Dank für Erlesenes und oft und oft auch Unerhörtes!

(MK; veröffentlicht damals in „Funkkorrespondenz“ Nr. 42/2014)

17.10.2014 – Christian Hörburger/FK

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