W.G. Sebald: Jetzund kömpt die Nacht herbey (WDR 3)

Ein akustischer Film über Kant

24.07.2015 •

Als W.G. Sebald im Dezember 2001 im Alter von 57 Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam, war er als Ordinarius für deutsche Literatur an der Universität Norwich (England) als eine Kapazität seines Fachs international bekannt und als Autor von Romanen, Erzählungen, Essays und literarischen Dokumentationen ein mit mehreren renommierten Preisen ausgezeichneter Schriftsteller. Sebalds Doktorand Uwe Schütte, Germanistik-Dozent an der Universität von Birmingham, hat neben einer Monografie auch mehrere Einzelstudien zum Werk seines Mentors geschrieben.

Vor einem Jahr hat Schütte dann in Sebalds Nachlass ein mehr als 30 Jahre altes unveröffentlichtes Manuskript gefunden: die erste größere literarische Arbeit, Titel: „Jetzund kömpt die Nacht herbey – Ansichten vom Leben und Sterben des Immanuel Kant“. Der Text ist das Szenarium eines Fernsehfilms über den Königsberger Philosophen, der nie realisiert wurde. Sebald habe auf Angebote zur Umsetzung des Stoffs, die er dann bei diversen Stellen machte, nur Absagen erhalten – ob von Fernsehsendern (auch vom WDR), Radiostationen, Theatern oder Verlagen, berichtet Schütte. Schließlich habe der Autor das Manuskript in einer Schublade endgültig abgelegt.

Das jetzt vom WDR produzierte 55-minütige Hörspiel ist keine der üblichen Adaptionen, sondern der Text des originalen Filmdrehbuchs mit Dialogen, Beschreibungen der Kulissen und auftretenden Personen, sämtlich von einem Sprecher aus dem Off vorgetragen – der Sprecher imaginiert die fehlenden Filmbilder. Sebalds Text ist kein biografischer und werkgeschichtlicher Filmessay über den zu seinen Lebzeiten bereits berühmten Philosophen der Aufklärung. Kants epochale drei „Kritiken“ und auch beispielsweise der heute noch häufig zitierte Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ werden in Sebalds Text nicht expressis verbis vorgestellt. Sebalds Interesse gilt der Persönlichkeitsdarstellung Kants, der Drehbuchautor nähert sich „dem Säulenheiligen“ der Philosophie-Geschichte „in subversiver Weise über Nebeneingänge und Hintertüren“ (Schütte). In je nach Jahreszahlen angeordneten episodischen Szenen, beginnend mit 1755 und endend mit dem Todesjahr 1804, skizziert Sebald die biografischen Kontexte des philosophischen Denkens und entwirft ein Exempel, „wie philosophische Geistesanstrengungen aus Notwehr gegen den körperlichen Verfall entstehen“ (Schütte). Das Philosophieren über die Endlichkeit des Daseins und die Reflexionen über den physischen Niedergang und den Tod bilden in Sebalds Deutung die Basis der kreativen Kräfte.

In Gesprächen mit verschiedenen Wegbegleitern auf seinem Lebensweg, die Kant keineswegs als philosophischen Klausner, der Königsberg nie verlassen hat, zeigen, bestätigt Kant selber Sebalds Deutungsmuster. Das Filmfinale bebildert Kants Sterbelager und den Tod nach einem paralytischen Anfall; noch wenige Tage zuvor hat er sich von seinem Faktotum aus Vergils Dichtungen vorlesen lassen. Nachdem der „wie ein Vogel“ aussehende Philosoph gestorben ist, öffnet seine Schwester das Fenster, „um seine Seele herauszulassen“. Die letzte (kurze) Sequenz zeigt sowjetische Matrosen am Grabmal Kants in Königsberg.

Sebalds Kant-Bild beansprucht nicht, in allen Details ein authentisches Persönlichkeitsbild darzustellen (das wäre mangels Dokumenten auch nicht möglich); es macht aber auf nachdenkenswerte Facetten aufmerksam, und das Szenarium verdient Beachtung als das erste Dokument von Sebalds subversivem Schreiben über verschiedene kanonisierte ‘Denkmäler’ der Literatur- und Geistesgeschichte. Regisseurin Claudia Johanna Leist hat den geplanten Film akustisch nachvollziehbar gestaltet und durch die Dialogszenen mit Martin Reinke als Kant hat das Hörspiel, das über die Internet-Seite von WDR 3 weiterhin zum Nachhören abrufbar ist, sehr viel von atmosphärischer Dichte.

24.07.2015 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK