Radiophones Gesamtkunstwerk: „Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ ist das Hörspiel des Jahres 2018

15.02.2019 •

Das Stück „Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ von Susann Maria Hempel ist von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Jahres 2018 gewählt worden. Es handelt sich bei dem Stück um eine Produktion des Rundfunks Berlin-Brandenburg (Redaktion: Mareike Maage). Die Ursendung des 55-minütigen Hörspiels erfolgte am 28. November vorigen Jahres (vgl. MK-Kritik). Die Preisverleihung ist am 23. Februar im Literaturhaus in Frankfurt am Main.

Das Hörspiel „Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ basiert auf Gesprächen mit einem ehemaligen DDR-Häftling, der im Gefängnis einen schweren Schock mit darauffolgender Amnesie erlitt. Als vermeintlichem Republikflüchtling wurde ihm ein „Grenzproblem“ übergestülpt, das nicht seins war. Und dann hatte er eine Grenzerfahrung ganz anderer Art: Im Gefängnis habe die Seele aus ihm „rausgemacht“, sagt er. Und sie sei bis heute nicht heimgekehrt in ihr Gefäß. Er denkt sie sich dennoch gut aufgehoben – dort nämlich, wo ihm immer am wohlsten war: im Wald. Nachdem sein ältester Freund starb, beginnt der einstige Häftling, der Autorin von seinem Leben zu erzählen.

Susann Maria Hempel wurde 1983 im thüringischen Stadt Greiz geboren. Mit 16 Jahren brach sie die Schule ab und wirkte als Musikerin, Schauspielerin und künstlerische Mitarbeiterin im Performance- und Künstlerkollektiv „Theaterhaus Weimar“ mit. Von 2001 bis 2009 studierte sie Mediengestaltung an der Bauhaus-Universität Weimar mit Schwerpunkt Kurz- und Experimentalfilm. 2012 war sie Stipendiatin der Thüringer Kulturstiftung; im selben Jahr erhielt sie außerdem das „Cast-&-Cut“-Kurzfilmstipendium in Hannover. Heute gehört sie zu den erfolgreichsten Experimentalfilmerinnen Deutschlands. Mit ihrem 18-minütigen Animationsfilm „Sieben Mal am Tag beklagen wir unser Los und nachts stehen wir auf, um nicht zu träumen“ gewann Susann Maria Hempel sieben Preise im In- und Ausland; dazu zählen ein „Deutscher Kurzfilmpreis“ im Jahr 2014 und im Frühjahr 2015 der Grand Prix des „Clermont-Ferrand Short Film Festivals“ (Frankreich). „Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ ist ihr zweites Hörspiel. Zur Begründung ihrer Entscheidung, Hempels Stück als Hörspiel des Jahres 2018 auszuzeichnen, schreibt die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste:

«Ein ‘Hörspiel des Monats’ weist sich für die Jury als hervorstechendste Sendung unter sieben bis zehn qualitativ oft recht unterschiedlichen Einreichungen des jeweiligen Monats aus. Das ‘Hörspiel des Jahres’ hingegen muss sich gegen elf ähnlich herausragende Sendungen behaupten können – inhaltlich, formal und künstlerisch. „Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ von Susann Maria Hempel tut dies so souverän, dass man nur schwer glauben kann, dass es sich hierbei erst um die zweite Hörfunkarbeit der jungen Autorin, Komponistin, Sängerin, Regisseurin und – hervorragenden! – einzigen Sprecherin dieses radiophonen Gesamtkunstwerks handelt.

Performativ erzählend zeichnet Hempel ihre Gespräche mit einem durch seine Haft in der ehemaligen DDR schwer traumatisierten Menschen nach: Der Schock der unrechtmäßigen Inhaftierung selbst als vermeintlicher Republikflüchtling, aber auch die Misshandlung durch Mitgefangene, haben ihn soweit aus der Bahn geworfen, dass es ihm nicht mehr gelingt, seinen Alltag zu organisieren, wichtige Entscheidungen zu fällen, sich einer Fremdbestimmung zu widersetzen oder auch nur diese Unfähigkeit anderen gegenüber zu verbalisieren als mit seiner Gesprächspartnerin: „Danke, Susann, danke, dass ich darüber reden konnte jetze“ – mit diesen Worten, dringlich gesprochen und in thüringischer Sprachfärbung, beginnt das Hörstück: „Das konnt’ ich jetzt wirklich bloß mit dir.“

Hempel lässt uns die große Intimität dieser Unterhaltung miterleben, ohne ihre Vertraulichkeit zu verraten. Es geht um die Auflösung des Ich und den Versuch seiner Rekonstruktion: „Ich hab’ keine Erinnerung mehr an mich. Wenn ich mich aber unterhalt’, jetzt so mit dir jetze, dann kann ich’s geistig zurückholen.“ Der Weg dorthin führt – es ist eine deutsche Geschichte – in den Wald der Kindheit, eine Art Privatmythos, den sich der Erzähler mit seinem Freund geschaffen hat, dessen kürzlicher Tod als Auslöser des Bekenntnisses angedeutet wird.

Einhellige Begeisterung

Durch kompositorisch reduzierte und elektronisch entfremdete hochromantische Liedsätze, Schumanns Eichendorff- und Heine-Vertonungen, durchbrochen von digitalem Vogelgezwitscher, Rotkehlchen und Zilpzalp, erschafft Hempel in dieser und um diese Erzählung eine Atmosphäre, in der das, was wir Seele nennen, nahezu greifbar, ihre Verletzungen erfahrbar und die Metaphern, die ihrer Beschreibung dienen sollen, wirklich werden – erfahrbar nur durch den intimen Sinn des Gehörs, schrecklich und schön.

Dem RBB ist es zu danken, dass hier eine Hör-Spiel-Macherin zu Wort kommen konnte, deren künstlerische Kraft ganz sicher noch weitere wichtige Impulse für die Hörspielgestaltung setzen wird. „Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ wurde von uns in einhelliger Begeisterung zum Hörspiel des Jahres 2018 gekürt.»

Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste in Bensheim vergibt seit 1977 die Auszeichnung „Hörspiel des Monats“. Die jährlich wechselnde, von der Akademie eingesetzte Jury benennt jeden Monat aus einem von den Sendern eingereichten Kontingent an Hörspielursendungen das Hörspiel des Monats. Aus den dann insgesamt zwölf besten Stücken wird schließlich das Hörspiel des Jahres gewählt. Im Jahr 2018 gehörten der dreiköpfigen Jury folgende Mitglieder an: Viktorie Knotková (Dramaturgin am Schauspiel Bremen), Benno Schirrmeister (Journalist, „taz“) und Regine Beyer (Radioautorin und -regisseurin).

15.02.2019 – MK