Stephan Kaluza: Tabledance (WDR 3)

Tischgespräche vor dem Weltuntergang

07.08.2015 • „Ich will nicht die Wahrheit; die Wahrheit geht immer schlecht aus“, sagt eine Frau, die sich „Schwester“ nennt bei dem ersten Treffen mit ihrer Internet-Bekanntschaft Tom. Vor dem Hintergrund, dass sich „Schwester“ von diesem Date so etwas wie eine gewalttätige Überwältigung versprochen hat, ist das ein paradoxer Satz. Denn die Splatter-Geschichten und -Phantasien, mit denen Tom „Schwester“ zu verführen versucht, gehen äußerst übel aus – natürlich in einer kulturell wertvollen Form, beispielsweise unter Bezugnahme auf Aktaion und Artemis aus Ovids „Metamorphosen“.

Es sind nicht nur „Schwester“ und Tom (Janina Stopper und Robert Gallinowski), die sich in Stephan Kaluzas 53-minütigem Episoden-Hörspiel „Tabledance“ auf rhetorischem Parkett umtanzen. Auch bei der Begegnung von Karen und Robert (Katja Bürkle und Roman Knizka) scheint es um ein Rollenspiel zu gehen, wäre da nicht der merkwürdige Fakt, dass Karen Robert offensichtlich mit ihrem Ehemann verwechselt und dass das Spiel kein Spiel, sondern der Dialog einer Entfremdung ist. So etwas kann dem alten Ehepaar Behrend (Irm Hermann und Peter Fricke) nicht passieren, denn die diskutieren mit einem Vertreter des Bauträgers wie man am besten die Tennisplatz-Anbindung ihres neuen Heims organisiert.

Dass ihr neuer Wohnsitz auf dem umgebauten Flugzeugträger „Adriane“ im Pazifik sein wird, der dem Doppeleinschlag zweier Meteoriten mitsamt anschließendem Tsunami standhalten soll, kommt erst nach und nach heraus. Unter dem Kaffeehaustisch von Rösler und Nietsch (Paul Faßnacht und Rainer Bock) liegt Jacco, ein furchteinflößender Kampfhund, über dessen Schicksal verhandelt wird. Nietsch würde es sich eine sechsstellige Summe kosten lassen, das Vieh nach einem inszenierten Amoklauf zu erschießen. André und B/Art (Robert Dölle und Hans Löw) schließlich, zwei befreundete Künstler, unterhalten sich über die Mechanismen des Kunstmarkts und diskutieren durchaus kontrovers, ob man den bewusst herbeigeführten eigenen Tod als Kunst-Installation definieren kann. Dann wäre man zwar „fucking dead, aber auch scheiß-berühmt“.

Die fünf Tischgespräche in Stephan Kaluzas Hörspiel, zwischen denen Regisseur Martin Heindel immer hin- und herschaltet, haben auf der Handlungsebene nichts miteinander zu tun. Schnitzler’scher „Reigen“ ergibt sich also nicht. Die Figuren teilen aber einige Motive: eine gewisse Sehnsucht nach einer gewaltförmigen Transformation ihrer kleinen Welten, die Furcht vor einer unentrinnbaren Bedrohung von oben und ein gewisses Misstrauen gegenüber den sprachlichen Verständigungsmöglichkeiten.

Letzteres hat Kaluza nicht daran gehindert, seinen Protagonisten gefällige Dialoge in den Mund zu legen. Besonders die Künstlerfreunde André und B/Art (bürgerlich Bernd Wichmann) laufen zu großer Form auf, wenn sie den Jargon der Kunstkritik parodieren oder möglichst verkäufliche Werke projektieren. Hier kennt sich der Düsseldorfer Autor Stephan Kaluza, der selbst bildender Künstler ist, bestens aus. Wenn die beiden Künstler die Idee der „Farbe als Kommunikationssubstitut“ ventilieren, um sich „jenseits der ausgetrampelten linguistischen Pfade“ zu bewegen, dann ist das komische Scheitern nicht weit. Ebenso schön kalauert sich Robert (genannt Rob), der vermeintliche Ehemann von Karen, aus der Situation, indem er sich als „Rob-Kopie“ definiert.

Das spielfreudige Ensemble unter der Regie von Martin Heindel, der schon Stephan Kaluzas erstes Hörspiel „Atlantic Zero“ (vgl. Kritik in FK-Heft Nr. 10/12) inszeniert hat, gibt den Episoden genau die Leichtigkeit, die sie brauchen, um die etwas unheimliche Grundierung zu überstrahlen. Der animierende und animierte Tanz findet in „Tabledance“ nicht auf den Tischen statt, sondern um die Tische herum. Das ist äußerst unterhaltsam und bedient eine wohlige „Ach-wenns-mich-doch-nur-gruselte“-Ästhetik, denn Kaluza hat es sorgsam vermieden, das Stück ins Apokalyptische zu drehen. Was also die unentrinnbare Bedrohung von oben anbelangt – die Wahrheit, die immer schlecht ausgeht –, die besteht in nicht viel mehr als einem Wolkenbruch. Zwar könnte man den als akustische Metapher für den beginnenden Weltuntergang auffassen, aber das sollte einen nicht daran hindern, noch ein paar Tischgespräche zu führen und sie von Stephan Kaluza aufzeichnen zu lassen.

07.08.2015 – Jochen Meißner/MK