Martin Heindel: Der Zug. 2-teiliges Hörspiel (WDR 1Live)

Eine Idee setzt sich nicht durch

20.03.2015 • Im rumänisch-bulgarischen Grenzgebiet, in einem abgelegenen Hochtal, steht ein Zug mit sechs Waggons. Aus der Nähe erscheint der Zug „wie ein metallisches Lebewesen, überall Verzierungen und Schnörkel, Wasserspeier, kleine Schlote“, ja, er sieht fast aus wie „eine Mischung aus dem Alien-Mutterschiff und einem Wikinger-Drachenboot“. Die Umgebung ist „gnadenlos schön. Wie ein Vulkankrater, abgeschottet von der Außenwelt“. Man sieht „Felsen, Bäume, die Nachmittagssonne, Tiere“. Verbindungen zur Außenwelt gibt es keine, bis auf eine Güterstrecke, die nahebei in einem Tunnel verschwindet.

Von Gerüchten angezogen begeben sich zwei junge Erwachsene, Lin und Tycho, auf die Suche nach dem geheimnisvollen Ort. Dank der sporadischen Telefontipps der mysteriösen Lou gelangen sie nach einer mäßig abenteuerlichen Reise auch ans Ziel und treffen auf eine Kommune, die sich dort eingerichtet hat. Oberste Regel: keinerlei Kontakt zur Außenwelt, der Ort muss geheim bleiben. Man liebt sich, feiert Partys, genießt reichlich Alkohol und Drogen und versucht nebenher, sich selbst zu versorgen. Letzteres funktioniert allerdings nur eingeschränkt, weshalb quartalsweise ein Großeinkauf über einen bulgarischen Schmuggler getätigt wird. Dass der Schmuggler mit selbstproduzierten Drogen bezahlt wird, verursacht keinem der Bewohner viel Kopfzerbrechen – man verkauft schließlich nichts, was man nicht auch selbst konsumieren würde. Nach einigen Monaten kommt es in der Kommune zu einer Schwangerschaft mit Komplikationen, die werdende Mutter schwebt in Lebensgefahr. Tycho unternimmt einen gut gemeinten, aber stümperhaften Versuch, Hilfe von außen herbeizutelefonieren. Um einer drohenden Strafverfolgung wegen Drogenhandels zu entgehen, löst sich die Kommune auf.

Aussteigerszenarien mit Inseldasein bergen seit jeher eine große Faszination und bilden spätestens seit Defoes „Robinson Crusoe“ ein eigenes Genre. Da es in unserer globalisierten Welt gar nicht mehr so leicht ist, ein dauerhaft verstecktes Plätzchen zu finden, sind viele Storys in den Bereichen der Fantasy und der Science-Fiction angesiedelt. Die Schwerpunkte sind unterschiedlich, aber natürlich möchte man immer wissen, wie die Einsiedler mit ihrem Dasein klarkommen. Hier sind dann regelhaft auch Detailtreue und Plausibilität gefragt. Mag eine Geschichte von außen betrachtet noch so phantastisch oder abstrus wirken, so spielt das keine Rolle, wenn die innere Logik stimmt.

Leider fehlt es im zweiteiligen Hörspiel „Der Zug“, das von der WDR-Jugendwelle 1Live ausgestrahlt wurde, sowohl an der Plausibilität als auch am Tiefgang. Der zugrunde liegenden Idee hätte man durchaus zum Tragen verhelfen können, doch sie ist einfach nicht ordentlich ausgesponnen. Der Auftakt ist zwar einigermaßen actionreich, aber Sinn und Logik dieses ersten Zusammentreffens in der Bahn erklären sich weder an dieser Stelle noch woanders. Insgesamt braucht es allein eine knappe halbe Stunde der insgesamt 45 Minuten des ersten Teils, um die Kommune überhaupt zu entdecken – mit nachlassender Spannung. Die Zeiten, wo man problemlos auf Güterzüge auf- und abspringen konnte, Letzteres sogar in einem dunklen Tunnel, sind eigentlich auch vorbei. Dass ausgerechnet dort („rumänische Wildnis mit Grenzblick“) im Tunnel das Handy Empfang hat, grenzt schon an ein Wunder. Dass Tycho schließlich telefonisch Hilfe rufen möchte, ist verständlich, dass er bei diesem einen kurzen Telefonat einem entfernten Freund auch erzählt, man ernähre sich derzeit durch Drogenverkauf, keineswegs. Unsere beiden Helden, die sich ja nie zu Hause melden (Kontaktsperre!), werden offenbar auch nicht vermisst. Über den Alltag der Bewohner erfahren wir ebenfalls wenig. Jenseits von Jugendsprache, sozialem Beschnuppern und Sex and Drugs and Music wird nur wenig Substanzielles geboten.

Die hörspielerische Umsetzung seiner Geschichte, die sich insgesamt über rund 90 Minuten erstreckt, gelingt Regisseur und Autor Martin Heindel hingegen tadellos. Die Darsteller spielen sehr lebendig, legen sich bei einigen Auseinandersetzungen auch stimmlich ordentlich ins Zeug und vermögen durchweg zu überzeugen. An ausgewählten Stellen agiert Tycho als Erzähler, aber im Wesentlichen kommt man mit Dialogen aus. Die Auswahl der eingestreuten Songs und der Musikuntermalung ist stimmig. Auch die bei jeder Gelegenheit eingespielten Geräusche sorgen für ein dichtes Klangbild und eine angemessene Atmosphäre.

20.03.2015 – Andreas Matzdorf/MK

Print-Ausgabe 25-26/2018

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