Rainer Nikowitz: Altenteil. 2‑teiliges Kriminalhörspiel (WDR 3/WDR 5)

Sprachwitz und Vollblutschauspieler

15.05.2019 •

Liegt es an der „geriatrischen“ Gesellschaft, wie Soziologen die Situation in Ländern wie die USA, Japan und auch Deutschland bezeichnen, dass Altersheime so beliebte Schauplätze in den Unterhaltungsmedien geworden sind? Liegt es daran, dass die Radiohörer und Fernsehzuschauer der gleichen „Kohorte“, wie ebenfalls Soziologen sagen, angeblich am liebsten etwas über sich und Menschen ihres Jahrgangs erfahren wollen? Wer weiß? Das Publikum ist doch allen empirischen Erforschungen zum Trotz noch immer ein weitgehend unbekanntes Wesen.

Auch öffentlich-rechtliche Sender fühlen sich veranlasst, die amorphe Masse des Publikums zu erspüren, um sie dann zufriedenzustellen. Um es zu versuchen, jedenfalls. Im Radio gelingt das anscheinend am besten mit Spannungsliteratur. Eine Zeitlang war es der Bolzplatz für Science-Fiction, dann hat man es mit Serien, auch dünnblütigen, versucht und nun ist wieder – wie Phoenix aus der Asche und gleichsam ewig lebend – der Krimi an der Reihe. Das ist keine „hohe Literatur“, dafür spannend und möglichst fluffig, gut teilbar wie gängige Medikamente. So ist auch der zweiteilige Krimi „Altenteil“ des österreichischen Autors Rainer Nikowitz – es ist die dritte Geschichte um seinen „Helden“ Suchanek – bestens geeignet als formatadäquate Vorlage für leicht konsumierbare, unterhaltsame Kost. Als Zweiteiler wurde die vom WDR produzierte Hörspielversion des Buchs im Radio ausgestrahlt (zweimal 55 Minuten), aber auch als Vierteiler ist sie problemlos einzusetzen, und so ist sie denn auch im Netz abrufbar (die Folgen sind hier zweimal 32 und zweimal 23 Minuten lang).

Aber bleiben wir gerecht: Das Hörspiel „Altenteil“ ist nicht nur ein gut portionierbares Stück Unterhaltungskost, sondern auch ein facettenreicher Krimi, der gelegentlich durchaus eine dezidierte gesellschaftspolitische Haltung des Autors erkennen lässt. So ist denn auch einigermaßen nachvollziehbar, warum ein Regisseur von Range Martin Zylkas (er hat von Michel Houellebecq bis Patricia Highsmith und Carlos Ruiz Zafón viele literarisch ambitionierte und wichtige Texte inszeniert und dafür viele Preise erhalten) bei diesem Stoff zu­gegriffen hat. Außerdem gibt eine solche Grundlage dem Regisseur Gelegenheit, auf große Schauspieler zurückzugreifen, auch wenn ihre Namen nicht jedem jüngeren Krimihörer mehr geläufig sein mögen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass das Ensemble eines solchen Sujets zahlreich, alt bis sehr alt und demzufolge sowohl altersweise als auch altersschwach sein kann, nicht selten in einer Mischform, aus der ein versierter Autor wie Rainer Nikowitz Funken schlagen kann. Aufgabe des Bearbeiters und Regisseurs ist es dann, auf solche Pointen hinzuarbeiten, ohne zu karikieren. Außerdem muss er die Schauspieler ausagieren lassen, ohne dass sie ins Chargieren kippen.

Die verwickelte Geschichte um den Mord an mehreren Bewohnerinnen des Seniorenheims „Sonne“, aber auch an einem ehrenamtlichen Pfleger bieten beim Hörspiel „Altenteil“ reichlich Gelegenheit, Individuelles und Kauziges zu erzählen. Auch wesentliche Themen – wie etwa Sterbehilfe und sexuelle Vergehen an Kindern und Jugendlichen – in die Handlung zu integrieren. Drogenabhängigkeit spielt außerdem eine Rolle, wenngleich in spaßig verharmloster Form.

Der Ermittler Suchanek hat offensichtlich schon lange ein Drogenproblem gehabt, sich dann aber aufs Dealen verlegt und ist von einem wohl eher milden Richter zum Sozialdienst im Altersheim verdonnert worden. Von dort aus muss er sich in regelmäßigen Abständen dem Amtsarzt vorstellen, der anhand von Urinproben feststellt, ob Suchanek clean ist. Schwierig für jemanden, der zwar lieb und freundlich zu alten Menschen ist, aber das „Gras“ zum Leben braucht wie unser Suchanek. Der Zufall führt ihn mit dem Pfleger Mike zusammen, der mit etwas unappetitlichen Methoden – nämlich dem abgezapften Urin der Heimbewohner – einen schwunghaften Handel betreibt. Im Übrigen spielen Zufälle in der turbulenten Geschichte eine wesentliche Rolle. Sie sind jedoch so geschickt hergeleitet und nicht ohne Logik entwickelt, dass man diese uralte dramaturgische Krücke schluckt wie eine Kröte. Fast ohne es zu bemerken.

Schmackhaft gemacht wird das alles durch Sprachwitz und schräge Formulierungen, die so gekonnt von den Schauspielern serviert werden, dass auch das eingefleischteste Nordlicht folgen und seinen Spaß daran haben kann. Den mundartlich weniger Begabten kommt der großartige Peter Simonischek als Erzähler zu Hilfe – ebenso wie andere profilierte Bühnenschauspieler mit jahrzehntelanger Theatererfahrung. Ihnen gelingt es nicht nur, die unterschiedlichen Färbungen der Wiener Mundarten authentisch zu artikulieren und auch dem Piefkinesen (Wienerisch für: den Hochdeutsch Sprechenden, also Deutschen) zugänglich zu machen. Diese Vollblutschauspieler können sozusagen aus einem Töpfchen mit mickrigen Alpenveilchen, wie sie auch im Seniorenheim „Sonne“ auf verwitterten Fensterbänken stehen, Zyklamen als geliebtes Kleinod zaubern. Zyklamen – also das gemeine Alpenveilchen, im 17. Jahrhundert aus Kleinasien nach Europa eingeführt –, das klingt dann nicht nur nach etwas nahezu Unbekanntem, sondern nach etwas so köstlich Kostbarem, dass man fast bereit wäre, ein solches Töpfchen bei einem Besuch im Altersheim als Geschenk mitzunehmen.

15.05.2019 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK