Bedrohte Kunstform: Die Akademie der Künste in Berlin engagiert sich für das Hörspiel

05.12.2018 •

„Vision Radio. Ich höre was, was du nicht siehst – Ein Abend für den Erhalt des künstlerischen Hörspiels im öffentlich-rechtlichen Rundfunk“, so lautete programmatisch der Titel einer Gala, zu der am 17. November die Akademie der Künste in Berlin eingeladen hatte. Die Veranstaltung fand im Rahmen der 52. Mitgliedertagung der Akademie der Künste statt. Moderiert wurde die Gala vom Hörspielmacher Hermann Bohlen und dem Hörspielregisseur Oliver Sturm.

In der Ankündigung der Akademie hieß es: „Das Hörspiel als originäre Kunstform des Radios ist bedroht. In einer Zeit, in der Audio in seinen vielfältigen Formen eine Renaissance erlebt, droht die Basis des künstlerischen Hörspiels durch Streichungen von Sendeplätzen, Kürzungen der Jahresetats und Stellenabbau ausgehöhlt zu werden.“ Trotz dieser dramatischen Situation (vgl. hierzu auch diesen MK-Artikel) war „Vision Radio“ weniger als Fanal gegen den Substanzabbau angelegt, vielmehr gestaltete sich der Abend als eine beeindruckende Leistungsschau und Geschichtsstunde in Sachen Hörspiel.

Leistungsschau und Geschichtsstunde

Die Gala begann mit einer im Dunkeln aufgeführten Szene aus dem BBC-Hörspiel „Comedy of Danger“ (deutscher Titel: „Gefahr“). Das Stück von Richard Hughes stammt aus dem Jahr 1924 und war eines der ersten Hörspiele überhaupt. Der Schauspieler Ulrich Matthes und die Schauspielerin Kathrin Angerer führten eine kurze Dialogpassage in den Rollen von Jack und Mary auf, die in dem Stück als Teil einer kleinen Personengruppe in der Dunkelheit eines Bergwerks festsitzen. Nach diesem ganz aufs Akustische konzentrierten Beginn wurde die Beleuchtung angeschaltet. Im anschließenden Kurzinterview betonte Matthes, aus der Schauspielerperspektive sei das Hörspiel „nicht ganz so unphysisch, wie man denken könnte“.

Sehr physisch und lebendig war auch das weitere Treiben auf der Bühne am Hanseatenweg. Hermann Bohlen und Oliver Sturm vermittelten in ihrer enthusiastisch dargebotenen Doppelmoderation zum einen ihren persönlichen Zugang zum Hörspiel, berichteten von der eigenen Arbeitsweise und sprachen über Lieblingshörspiele und Meilensteile des Genres. Zum anderen sorgte die Vielzahl der Gesprächsgäste für ein reges Kommen und Gehen an den Mikrofonen. Strukturell aufgelockert wurde der Abend mit konkreten Ausschnitten aus historischen Produktionen, zum Beispiel aus Friedrich Wolfs Stück „SOS…rao rao…Foyn – ‘Krassin’ rettet ‘Italia’“ (Berliner Funkstunde 1929) oder aus „Heidi Ho arbeitet hier nicht mehr“ (Deutschlandradio Berlin/NDR/WDR 2000) von René Pollesch. Bei der Vorführung der meisten Hörbeispiele wurde als visuelles Element die Leinwand einfarbig angestrahlt, außerdem steuerte der Hörspielautor und Komponist Heiner Goebbels zu zwei Einspielungen animierte Grafiken bei.

Hinzu kamen immer wieder live aufgeführte Hörspielminiaturen von Ulrich Matthes und Kathrin Angerer. Hörspielperformances mit technischer Unterstützung gab es von der Medienkünstlerin Susann Maria Hempel und dem Musiker Felix Kubin. Hempel bot ein Kurzhörspiel als Playbacksolo. Sie bewegte die Lippen synchron zur Kassettenaufnahme der eigenen Stimme. Kubin interagierte mit Dialogausschnitten aus seinem Hörspiel „Paralektronoia“ und erzeugte den Eindruck eines Studiogesprächs mit von ferne zugeschalteten Teilnehmern.

Das Kunstwerk im Kopf des Zuhörers

Die Liste der von Sturm und Bohlen auf der Bühne interviewten Gäste setzte sich vorwiegend aus Hörspielschaffenden zusammen. Auch hier war der Fokus eindeutig darauf gerichtet, die ungeheuer vielen Facetten, die die Kunstform Hörspiel hat, aufzuzeigen. Die Hörspielautorin Dunja Arnaszus etwa erzählte, sie fasziniere unter rezeptionsästhetischem Blickwinkel die Fertigstellung des Kunstwerks im Kopf des Zuhörers, während ihre Kollegin Kathrin Röggla meinte, sie begeistere das im Vergleich zu visuellen Medien viel freiere Spiel mit Räumlichkeiten. Erinnerungen zu seinem Werdegang als Hörspielmacher wurden Paul Plamper von Thomas Heise entlockt, dem Direktor der Sektion Film- und Medienkunst an der Akademie der Künste. Und Christina Kubisch erläuterte im Gespräch mit Bohlen und Sturm den Aufbau ihrer Klanginstallation „Play“. Dieses Werk entstand speziell für das Berliner Gala-Event und bot einen über Kopfhörer wahrnehmbaren Audioparcours durch verschiedene, sich beim Durchschreiten der Ausstellung überlappende Hörspiele von Mitgliedern der Akademie der Künste.

Appellhaften Charakter hatten die Äußerungen des Autors und Regisseurs Andres Veiel zur Zukunft des Hörspiels. Er verwies darauf, dass in jüngster Zeit zwar Leuchtturmprojekte, vor allem im Serienbereich, entstünden, diese aber kaum einen Nutzen für die restliche Hörspiellandschaft hätten. Auch den Möglichkeiten zur Nutzungs- und Nutzeranalyse, die die Digitalität mit sich gebracht hat, steht er skeptisch gegenüber. Es dürfe nicht darauf hinauslaufen, einfach nur auf die Analyse der Daten zu setzen und dem Publikum hinterherzulaufen, sondern wichtig bleibe auch, unabhängig davon neue Erzählformen zu entwickeln. Denn die Avantgarde von heute sei die Konvention von morgen, so Veiel.

Für einen fulminanten Abschluss des Abends sorgte Felix Kubin mit einer elektronischen Musikeinlage. Zu hören war die besonders schnelle Techno-Stilrichtung „Gabber“ inklusive Hörspielsample. Kubin rief dazu auf, das Hörspiel nicht kampflos aufzugeben, und wies darauf hin, dass es notfalls auch andere Formen des Protests gegen Sparmaßnahmen und Reduzierungen im Hörspielbereich gebe als Gala-Abende.

Wie erfolgreich „Vision Radio“ als Initiative zur Rettung des (Original-)Hörspiels sein wird, bleibt abzuwarten. Die Besucherreihen bei der Berliner Veranstaltung waren leider recht spärlich besetzt – und das hauptsächlich mit Leuten, die sich ohnehin schon für den Erhalt des Hörspiels einsetzen. Hier gilt es, den Kreis der Engagierten zu vergrößern. Zumindest die Akademie der Künste tut, was sie kann, und gestaltet als nächstes 2019 einen Schwerpunkt zum Thema Hörspiel.

05.12.2018 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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