Ein als Feature gesendetes RBB Stück wird Hörspiel des Monats November

14.12.2018 •

14.12.2018 • Das Stück „Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ von Susann Maria Hempel ist von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Monats November gewählt worden. Es handelt sich bei dem 55-minütigen Stück um eine Produktion des Rundfunks Berlin-Brandenburg (Redaktion: Mareike Maage), urgesendet am 28. November im Kulturradio des RBB auf dessen Feature-Sendeplatz am Mittwochabend um 22.04 Uhr (vgl. MK-Kritik). Susann Maria Hempel führte bei ihrem Stück auch Regie. Die Jury der Akademie schreibt zur Begründung ihrer Entscheidung:

«Es fällt schwer, zu glauben, dass „Auf der Suche nach den verlorenen Seelenatomen“ erst Susann Maria Hempels zweite Radioarbeit sein soll, so souverän hat die Autorin, Komponistin, Sängerin, Regisseurin und einzige Sprecherin dieses Kunstwerk gestaltet. Sie spricht darin die Unterhaltung mit einem durch seine Haft in der ehemaligen DDR schwer traumatisierten Menschen nach: Der Schock der unrechtmäßigen Inhaftierung selbst als vermeintlicher Republikflüchtling, aber auch die Misshandlung durch Mitgefangene und die Angst vor ihr haben ihn so weit aus der Bahn geworfen, dass ihm nicht mehr gelingt, seinen Alltag zu organisieren, wichtige Entscheidungen zu fällen, sich einer Fremdbestimmung zu widersetzen oder auch nur diese Unfähigkeit anderen gegenüber zu verbalisieren als seiner Gesprächspartnerin. „Dangge Susann, dangge, dass ich dadrüber redn konnte, jetze“, mit diesen Worten, leicht gehetzt in thüringischer Sprachfärbung gesprochen, beginnt das Hörstück: „Das konnt ich jetze eigntlich wörklich bloß mit dir.“

Hempel lässt in ihrer monologischen Wiederholung dieses Dialogs die Zuhörenden dessen große Intimität miterleben, ohne seine Vertraulichkeit zu verraten. Es geht um die Auflösung des Ich und den Versuch seiner Rekonstruktion: „Ich hab keine Erinnerung mehr an mich. Wenn ich mich aber unterhalt, jetzt so mit dir jetze, dann kann ich’s geistig zurückholen.“ Der Weg dorthin führt, es ist eine deutsche Geschichte, in den Wald der Kindheit, eine Art Privatmythos, den sich der Erzähler mit seinem Freund geschaffen hat, dessen kürzlicher Tod als Auslöser des Bekenntnisses angedeutet wird.

Durch kompositorisch reduzierte und elektronisch entfremdete hochromantische Liedsätze, Schumanns Eichendorff- und Heine-Vertonungen, durchbrochen von digitalem Vogelgezwitscher, Rotkehlchen und Zilpzalp, erschafft Hempel in und um diese Erzählung eine Atmosphäre, in der das, was wir Seele nennen, nahezu greifbar, ihre Verletzungen erfahrbar und die Metaphern, die ihrer Beschreibung dienen sollen, wirklich werden: Erfahrbar nur durch den intimen Sinn des Gehörs, schrecklich und schön. Selbstverständlich ist dieses vom RBB als Feature gesendete Werk Susann Maria Hempels das Hörspiel des Monats November.»

Wie in diesem Jahr in jedem Monat sprach die Jury auch im November wieder „eine lobende Erwähnung im Sinne eines zweiten Preises“ aus, diesmal für Leonhard Koppelmanns „bild- und klanggewaltige Hörspielfassung und -inszenierung von Kurt Vonneguts Antikriegsklassiker ‘Schlachthof 5’ in – endlich! – einer gelungenen Neuübersetzung von Gregor Hens“, so die Jury. Die zweiteilige, insgesamt 200 Minuten lange Produktion „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug. Ein Pflichttanz mit dem Tod“ wurde am 18. und 25. November im Programm SWR 2 jeweils von 18.20 bis 19.40 Uhr erstausgestrahlt.

14.12.2018 – MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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