Ödön von Horváth: Niemand (WDR 3)

Nichts für Schwarz-Weiß-Denker

12.12.2016 • Fürchtegott Lehmann ist zwar ein Krüppel, als Pfandleiher und Besitzer aber ist er die beherrschende Figur in seinem Mietshaus. Mehr oder weniger jeder in der Umgebung ist von ihm abhängig. Er wird nicht bemitleidet, sondern gefürchtet und gehasst, was, wie sich herausstellt, genau seiner Intention entspricht. Im Haus wohnt auch der erfolglose Musiker Klein. Seine Erkenntnis „Ich muss leben, ob ich will oder nicht“ gilt genauso für die anderen Bewohner. Die Prostituierte Gilda arbeitet manchmal auch umsonst, wenn ihr der Freier gefällt. Den einen betrügt sie, vom nächsten wird sie betrogen. Und ab und an wird Gilda von ihrem Zuhälter Wladimir verprügelt, dem wiederum die Kneipenwirtin im Erdgeschoss schöne Augen macht.

In diese Arena tritt die 18-jährige Ursula, die der Hunger ins horizontale Gewerbe treibt. Lehmann nimmt sie auf – ohne Gegenleistung, wie er betont. Das macht ihn glücklich, er will ein besserer Mensch werden, die beiden heiraten. Doch Ursula ekelt sich vor den Gebrechen des Krüppels, die in der Hochzeitsnacht zum Vorschein kommen. Sie bleibt nur aus Mitleid. Jetzt wird es etwas komplizierter: Am Tag nach der Hochzeit wird ein anderer Lehmann ermordet, Max Maria, ein Kunde Gildas. Wladimir soll ihn umgebracht haben – eine Verwechslung. Dann macht sich der frustrierte Pfandleiher Lehmann, zwischen Hass und Selbsthass schwankend, an Gilda heran, die ihn aber narrt. Lehmann fällt die Treppe herunter und verletzt sich schwer. Er stirbt im Beisein eines Fremden, der sich ebenfalls als Lehmann entpuppt, diesmal Kaspar Lehmann, verschollener Bruder Fürchtegotts.

Und wer trägt nun die Schuld an dem ganzen Elend? Jeder, könnte man sagen, oder auch: niemand, je nach Herleitung der Begründung. Wie auch immer, für die Urheberschaft verantwortlich gemacht wurde dann doch jemand: Ödön von Horváth, dessen 1924 veröffentlichter Theater-Erstling „Niemand“ nach einigem Hin und Her erst im vorigen Jahr wieder auftauchte. Der seinerzeit 23-jährige Horváth wollte alles: „Gellenden Expressionismus und kälteste Sozialkritik, das Sittenbild und die Kriminalgeschichte, keusche Jungfrauen und lüsterne Huren, reichlich Nietzsche, aber auch ein bisschen Brecht, zarte Sehnsuchtsträume und die schockierende Brutalität der Verhältnisse“, so zählte es die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ auf. So viel Gewolltes führte dazu, dass das Stück ziemlich überladen und im weiteren Verlauf doch etwas undurchsichtig geriet: „Wirr“, „okkult“ oder „nebulös“ waren bezeichnende Attribute, die im Blätterwald zu lesen waren, wenn auch immer gepaart mit viel Respekt vor der Leistung des damals ja noch sehr jungen Autors.

So ganz rund ist das Stück auch in der Hörspielbearbeitung von Helmut Peschina nicht, dafür geht es zum Ende hin etwas zu sehr hoppla-hopp und eben „nebulös“ zu. Nein, das Besondere liegt in der Vielschichtigkeit der Charaktere begründet. Wer in der einen Situation als Opfer zu bedauern ist, verhält sich in der nächsten schon wieder als Täter, die Betrogenen betrügen, die Geschlagenen schlagen und umgekehrt. Die Sympathieträger verspielen ihre Sympathien innerhalb kürzester Zeit und umgekehrt. Für Leute, die lieber in Schwarz-Weiß-Scha­blonen denken, wird da nichts geboten.

Auch die Sprache wirkt sehr lebendig: „Du weißt, dass ich dich schon mal umsonst ließ“, erinnert Gilda den Musiker in schlichter Klarheit. Horváth habe die Tragödie auf die Volksbühne gebracht, sagt man. Der dafür nötige, mal beiläufige, mal berüchtigt rabenschwarze Witz findet sich auch in dem rund 55-minütigen Hörspiel, einer Koproduktion von Westdeutschem Rundfunk (WDR) und Österreichischem Rundfunk (ORF). Dieser Witz dient nicht nur der Unterhaltung, sondern trägt dazu bei, das Stück nicht in Pathetik oder depressive Starre abgleiten zu lassen.

Unterstützt von einem Klangteppich aus Musik, Tönen und Geräuschen entwickelt das Hörspiel phasenweise eine beeindruckende Intensität. Die Schauspieler können sich hier in der sprachlichen Darstellung ja eine größere Dynamik als auf der Bühne leisten. Zwischen Hauchen, Reden, Schreien und Grölen wird das ganze Arsenal genutzt. Wenn die inneren Monologe geflüstert werden, hält man fast den Atem an, um ja nichts zu verpassen. Nicht, dass das notwendig wäre, die Technik kann ja auch ein Flüstern auf verständliche Lautstärke hoch­ziehen. Es ist wohl eher ein Hörreflex, seine Aus­lösung ein Qualitätsmerkmal. Regisseurin Annette Kurth hat mit dem gesamten Darsteller-Ensemble prächtige Arbeit geleistet. Inga Busch (Gilda), Devid Striesow (Lehmann) und Lisa Hrdina (Ursula) sorgten in den Hauptrollen für ein nuancenreiches Spiel.

12.12.2016 – Andreas Matzdorf/MK

Print-Ausgabe 16/2018

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