Ödön von Horváth: Der ewige Spießer. 4-teiliges Hörspiel (Bayern 2)

Komödie mit Serienpotenzial

06.02.2015 •

Comedy und Radio – passt das zusammen? Abseits von Scherzanrufen und flachen Gags gibt es Hoffnung. Im Medium Hörfunk ist es durchaus möglich, eine lustige und anspruchsvolle Hörspiel-Miniserie zu produzieren. Das stellt jetzt der Bayerische Rundfunk (BR) unter Beweis. Die Redaktion „Hörspiel und Medienkunst“ hat den Roman „Der ewige Spießer“ von Ödön von Horváth (1901 bis 1938) als vierteilige, kurzweilige Radioadaption mit 21 Sprechern umgesetzt. Die Vorlage dafür, Horváths „Erbaulicher Roman in drei Teilen“ (Untertitel), erschien 1930 im Berliner Propyläen-Verlag. Es war das erste umfassende Erzählwerk des namhaften Dramatikers. Die Anspielung im Titel auf den antisemitischen Mythos vom „Ewigen Juden“ ist unverkennbar. Der Roman „Der ewige Spießer“ ist dessen aufklärerischer Konterpart. Horváth widmet sich hierin dem entstehenden neuen Spießbürgertyp, der ideologische Flexibilität mit einer ökonomisierten Weltsicht verbindet. Er ist die noch in der ‘Verpuppung’ begriffene, dynamischere Version des alten Spießers.

Das Hörspiel folgt den Erlebnissen des exemplarischen neuen Spießers Alfons Kobler (Stephan Zinner) auf seiner Fahrt vom heimatlichen München nach Barcelona zur Weltausstellung 1929 und zurück. Das Geld für diese Reise ist mehr oder weniger ergaunert. Kobler, frisch gefeuerter Autoverkäufer, hatte von der etwas mehr als nur befreundeten älteren Hofopernsängerin (Irina Wanka) den Auftrag, ihr lebensgefährlich verkehrsuntaugliches, aber äußerlich schickes Cabriolet zu verhökern. Seine kaufmännische Lebensauffassung hilft Kobler, ein kaufwilliges und zahlungskräftiges „Rindvieh“ zu finden – das Geld aus dem Verkauf unterschlägt er jedoch seiner Auftraggeberin. Da Kobler nicht der Mann für Reue oder Gewissensbisse ist, geht er auf die Ratschläge aus seinem Umfeld ein, das Geld in eine Reise zu investieren, um im Ausland eine reiche und heiratswillige Lady aufzuspüren. Auf geht’s per Eisenbahn zur Weltausstellung.

Bei der Hinreise, die mit mehrfachem Umsteigen verbunden ist, durchquert der bauernschlaue Unsympath zahlreiche europäische Länder. Sowohl anhand deutscher und österreichischer Mitreisender als auch italienischer Zollbeamter zeigt Horváth die zunehmend brutale politische Atmosphäre der damaligen Zeit. Sie äußert sich im tiefsitzendem Antisemitismus und Nationalstolz der deutschsprachigen Passagiere wie auch im lächerlich selbstherrlichen Auftreten der Diener des faschistischen italienischen Staats. In diesen Passagen gelingt Ödön von Horváth das schwierige Unterfangen, die Komik dennoch nicht zu kurz kommen zu lassen. Und das Nebeneinander von Schrecken und Freude transportiert das Hörspiel sehr überzeugend. Manchmal bleibt einem das Lachen tatsächlich im Halse stecken, nur um kurz darauf doch von einer neuen Lachsalve aus der Kehle herauskatapultiert zu werden.

An der Funkadaption von Katarina Agathos (BR) und Regisseurin Bernadette Sonnenbichler fällt zunächst auf, dass es mehr als einen Sprecher für die erzählenden Abschnitte gibt. Peter Simonischek ist der ‘Haupterzähler’. Daneben übernehmen manchmal aber auch seine Kollegen das Erzählen, wofür sie dann aus ihren Figurenrollen herausschlüpfen. So ergibt sich ein lebhafter Wechsel der Stimmen, auch abseits der kurzweiligen Dialoge – eine geschickte Lösung, um die Aufmerksamkeit des Hörers aufrechtzuerhalten. Bei der Erstellung des Hörspielskripts wurden die Inquit-Formeln der direkten Figurenrede gestrichen. Allerdings wurden Beschreibungen des Tonfalls, die Horváth oft an ein „sagte er“ knüpft, nicht für Regieanweisungen genutzt, wodurch gelegentlich im Kleinen gegen die ursprüngliche Textintention angearbeitet wird.

An dem Vergnügen, das dem Hörer dieser hervorragende Vierteiler bereitet, ändern solche Kleinigkeiten aber nichts. Es macht einfach Spaß, dabei zuzuhören, wie der von sich eingenommene und aalglatte Kobler seine Odyssee absolviert. Er bekommt (fast) die herbeigesehnte reiche Lady und trifft vorher im Zug noch auf den zwielichtigen österreichischen Journalisten Rudolf Schmitz (Johannes Silberschneider) als Reisegenossen, dessen antiamerikanisch motivierte paneuropäische Bestrebungen Kobler nach und nach übernimmt.

Nachdem die Reise abgehandelt ist, widmet sich der vierte Teil der insgesamt 220-minütigen Hörspiel-Miniserie Anna Pollinger (Brigitte Hobmeier), die sich aus Geldnot prostituiert. Die aus Horváths posthum veröffentlichten fragmentarischen Roman „36 Stunden“ (1929) als Agnes bekannte Frau wird schließlich durch die Jobvermittlung des arbeits- und selbstlosen Josef Reithofer (Stefan Leonhardsberger) gerettet. Diese beiden lose an die Kobler-Story anknüpfenden Geschichten sind trotz tragischer Momente ebenfalls mit einer guten Portion Komik gewürzt. Es gibt im Hörfunk tatsächlich Hoffnung für das Comedy-Genre.

06.02.2015 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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