Sadegh Hedayat: Die blinde Eule (NDR Kultur)

Ein Leben im Delirium

11.08.2018 • Als er sich am 8. oder 9. April 1951 in Paris das Leben nahm – das genaue Datum konnte nie geklärt werden – war Sadegh Hedayat nur einer der vielen Emigranten, die sich aus dem Iran nach Frankreich zu retten geglaubt hatten. Kaum jemand nahm Notiz von seinem Tod. Dabei zählte der erst 48-Jährige, abgezehrt wirkende Mann zu den bedeutenden Prosaisten seines Landes in seiner Generation.

In Paris führte der Flüchtling aus politisch einflussreichem persischen Hause ein armseliges und entbehrungsreiches Leben. Seine Übersetzungen unter anderem von Werken Maupassants, Sartres, Tschechows und Kafkas wurden von den wenigen Kennern hoch geschätzt, trugen aber nichts ein, was ihm ein weniger mittelloses Leben ermöglicht hätte. Außerdem verfasste Hedayat, so kann man nachlesen, verschiedene Übersetzungen vom Mittelpersischen ins Neupersische – eine intellektuelle Mammutleistung, sicherlich, aber wiederum nicht einträglich. Umso mehr scheinen ihn Opiumdelirien gefangen zu haben, fiebrige Wahrnehmungsverschiebungen, an denen er in seinem literarischen Hauptwerk „Die blinde Eule“ sein Alter Ego, einen namenlosen Federzeichner, leiden lässt und die auch ihn heimsuchten und letztlich umbrachten. Das Buch erschien erstmals 1936, als im damaligen Personen Reza Schah Pahlavi (1848 bis 1948) herrschte.

Aus dem Persischen ins Deutsche übersetzt wurde die Erzählung „Die blinde Eule“ schon 1990 von Bahman Nirumand, dem seit 1965 in Deutschland lebenden Landsmann Hedayats, der hierzulande als Essayist, Journalist und Politiker bekannt geworden ist. Warum der federführend zuständige Norddeutsche Rundfunk (NDR) für seine Hörspielumsetzung (eine Koproduktion mit dem Deutschlandradio) stattdessen eine Übersetzung aus dem Französischen ausgesucht und somit einen Umweg gewählt hat – was unter Fachleuten der literarischen Übersetzung keineswegs als Königsweg gilt – war nicht zu eruieren. Man griff auf die Übertragung von Gerd Henniger zurück, die nicht immer und überall die Wucht und den Schmelz des Originals, über die in der Fachliteratur berichtet wird, umzusetzen vermag. Vielmehr lässt gelegentlich ungebremster Übersetzungseifer Metaphern und Emphase knirschen (wie etwa: „Welch kindliches Antlitz! Welch fremder Ausdruck!“; das für „welch“ zugrunde liegende französische „quel“ ist wesentlich weniger wuchtig). An die Stelle der Worttreue hätte hier, in einem literarischen Text mit poetischem Anspruch, getrost eine freiere Version treten können.

Dennoch bleiben in der Übersetzung die Gefühlszentren Einsamkeit und Sehnsucht sprachlich erhalten. In ihnen taumelt Sadegh Hedayat und sie schrieb er sich von der Seele, zerfressen von Elend und Leid und Opiaten. „Es gibt“, so notierte er anlässlich des Erscheinens der „Blinden Eule“, „im Leben Wunden, die wie die Lepra, langsam, in der Einsamkeit an der Seele zehren“. „Die blinde Eule“ wird oft als Kurzroman bezeichnet, doch es ist mehr als das, nämlich ein freischwebendes Langzeitgedicht und sicherlich geschult an Werken der großen Meister des Deliriums, allen voran Baudelaire. Die Abgründigkeit des Werkes und die Beklommenheit, die es beim Rezipienten auslöst, machen diese Begegnung mit Hedayats Erzählung zu einer großen Entdeckung. Damit kann die Hörspielproduktion punkten, wie auch mit drei weiteren Elementen.

Zum einen ist da die Bearbeitung von Iris Drögekamp, die man vor allem als Regisseurin des Südwestrundfunks (SWR) kennt. Sie tat gut daran, auf eine einfache, aber grundlegende und Texttreue bewahrende Technik der Adaption zurückzugreifen: die Gliederung des Textes in zwei Erzählerstimmen (denen sich gelegentlich die Stimme eines Alter Egos hinzugesellt). Die Aufteilung in zwei Erzählerstimmen folgt überwiegend rhythmischen Überlegungen, mit denen die Bearbeiterin ihrer Inszenierung zuarbeitet und damit die strukturelle Basis liefert. Die Umsetzung dieser bewusst unprätentiösen Gliederung konnte nicht besser gelingen als mit der Besetzung durch Sebastian Rudolph, der alle drei ‘Rollen’ im Wortsinne hervorragend gestaltet. Man glaubt, drei unterschiedliche Stimmen zu hören, Melodien gleichsam, die sich aber in einer Tonart – um im Bilde zu bleiben – zusammenfinden.

Der Hörer folgt dieser Stimme in einer heutzutage schon ungewöhnlich langen Produktion (eineinhalb Stunden) intensiv. Sebastian Rudolphs Stimme führt ihn durch die Wonnen und Gräuel der Erniedrigung, durch die Ekelhaftigkeiten einer nekrophilen Liebe bis hin zum Mord. Ein Lehrstück darstellerischer Gestaltung. Und um diese Stimme, diesen akustischen Ariadnefaden, rankt sich, als dritter Pluspunkt, die Komposition von Martina Eisenreich. Die virtuose Geigerin, 1981 in Erding geboren, zählt zu den erfolgreichsten Komponistinnen, vor allem bei Arbeiten aus dem Medienbereich. Ihre musikalische Phantasie folgt den Emanationen einer gequälten Seele mit traumwandlerischer Sicherheit. Musik, Stimme und Struktur – alle drei Elemente lassen in diesem Hörspiel den Text von Sadeqh Hedayat als das erfahren, was er in Wirklichkeit ist: aus Einsamkeit und Sehnsucht destillierte Halluzination von Wollust, Mord und Liebe.

11.08.2018 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK