Jens Rachut: Hexensucht (WDR 3/WDR 1Live)

Wenn Hexen hexen könnten

13.05.2016 •

Immer wenn die zaubermächtige Comic- und Hörbuchheldin Bibi Blocksberg die allseits bekannten Worte „Hex-hex!“ von sich gibt, werden ihre kindlichen Fans mit einem Beispiel für Grenzfälle von Sprechhandeln konfrontiert. Denn reale Auswirkungen haben Zaubersprüche und Verwünschungen ja höchstens insofern, als sie die Psyche einer abergläubischen Zielperson vereinnahmen könnten. Durch gewisse Formeln ein Feuerwerk der Magie loszulassen, bleibt somit auf den Bereich der Fiktion beschränkt. Innerhalb dieses Bereichs können Zaubersprüche aber sicherlich als Sprechakt durchgehen, betrachtet man ihre Auswirkungen. Auf das verwunschene Verhältnis von Realität und Fiktion bei magischen Worten geht auch „Hexensucht“ ein, das neue, in Eigenregie entstandene Hörspiel von Jens Rachut, ausgestrahlt auf dem Doppeltermin von WDR 3 und WDR 1Live am Dienstagabend.

Das Stück (Redaktion: Isabel Platthaus) besteht in der Hauptsache aus drei Handlungssträngen. Zum einen lauscht man Ausschnitten einer Ausgabe der fiktiven Talkshow „Gibt’s ja gar nicht, oder?“ die sich thematisch des Themas Hexen annimmt. Zum anderen gibt es Szenen einer Crimestory, in der eine Hexe namens Jane die Frau zur Rechenschaft ziehen will, die Schuld daran ist, dass Jane beide Beine amputiert werden mussten. Verknüpft werden diese zwei Teile auf einer weniger fassbaren Ebene durch die schon im Hörspieltitel aufscheinende Sucht zu hexen, die als dämonische Hexensucht eine eigene Rolle bekommen hat. Sie taucht auch in den eingestreuten, raunend bis chansonhaft vorgetragenen Musikpassagen auf (Komposition: Thomas Wenzel). Das Handlungsfeld dieser Rolle der Sucht ist auf die Psyche bestimmter Figuren beschränkt, erlaubt in den Songs aber auch die direkte Ansprache des Hörers.

Zu Beginn des rund 55-minütigen Stücks, so wird es dort dargestellt, muss sich die personifizierte Hexensucht durch das von Security-Teams mit Hunden schwer bewachte Unterbewusstsein erst einmal zur Psyche ihrer Wirtin, der Hexe Kolrina, vorarbeiten. Nachdem die Hexensucht ihr Ziel erreicht hat, ist die Basis gelegt für ihre spätere Einflussnahme auf Kolrina. Schon wird zur Talkshow geschnitten, in der unter anderem Kolrina Studiogast ist, um von ihrer ohnmächtigen Sucht zu hexen zu berichten. In der Talkshow wird zudem ein Einspielfilm über eine Selbsthilfegruppe abhängiger Hexen gezeigt, die schildern, wie schwer es sei, sich dem Verlangen nach Ausübung von Magie zu entziehen. Damit wird auch eine wesentliche These von „Hexensucht“ dargelegt: Wenn Hexen hexen könnten, müssten sie als psychisch kranke Personen auch Schutz vor Strafverfolgung genießen.

Ganz anders sieht das natürlich das beinamputierte Magieopfer Jane. Ihre Anzeige gegen Unbekannt scheint nach mehr als einem Jahr Früchte zu tragen. Sie kann bei einem Termin im Hexendezernat herausfinden, dass die Verantwortliche für ihr Unglück den Namen Kolrina trägt, womit auch die konkrete inhaltliche Verknüpfung der beiden Teile hergestellt wird. Das Unglück, so erfährt man, hatte Kolrina, die sich bei ihrer Hexentätigkeit auf die Manipulation von Menschen spezialisiert hat, mutwillig herbeigeführt. Den mit einer Zaubergeige ausgestatteten Geliebten von Jane stiftete sie zu einer Flugmelodie an, die Jane gegen ihren Willen in die Lüfte schickte und unvermittelt abstürzen ließ. Darum mussten ihr die Beine amputiert werden.

Im Showdown macht Jane nun ihren Ex-Lover und die von einem inneren Dialog mit der Sucht besessene Kolrina ausfindig und zwingt die beiden mit vorgehaltener Schrotflinte, „Hex-hex!“ zu sagen und denselben Zauber noch einmal zu veranstalten. Nur dass Jane diesmal Kolrina an sich festkettet und sie mit sich hochzieht. Auch bei diesem Unterfangen siegt letztlich Schwerkraft über Magie und beide stürzen zurück auf die Erde. Das Stück endet mit einem furchterregenden Schrei und einem lauten Knall…

Jens Rachut, Punk-Ikone und einer der geistreichsten Hörspielmacher hierzulande, hat mit „Hexensucht“ ein hochkomisches und gleichzeitig dramatisches Stück vorgelegt, das tatsächlich ist, was der WDR in der Programminfo dazu ankündigte: „Eine abgründige Persiflage auf die Macht der Sucht und irre Talkshow-Formate – und eine adäquate Antwort auf magische Serien von Jessica Jones bis Bibi Blocksberg.“ Daran, dass diese Zielvorgabe erreicht wurde, haben nicht zuletzt auch die großartigen Sprecher einen gehörigen Anteil (darunter Felix Goeser, Susanne Wolff, Martin Wuttke, Susanne Jansen und Jörg Pohl). Das Stück „Hexensucht“ ist ein Paradebeispiel für intelligenten Witz und zeitgemäße Ästhetik im Hörspiel.

13.05.2016 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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